Gott „hat uns zuerst geliebt“1
und zur Teilnahme an der Gemeinschaft der Dreifaltigkeit berufen. In der Erfahrung
seiner Liebe erkennen wir seinen Ruf. Vom Geist bewegt hören wir das Wort
Christi, der für uns der Weg ist, der zum Leben führt. In seiner Nachfolge
und im Vertrauen auf die barmherzige Liebe Gottes machen wir uns auf den Weg
zum Gipfel des Berges Karmel, dem Ort der Gottesbegegnung und der Umformung
auf ihn hin.
Auf unserem Weg zum Berg führt uns Gott in die Wüste, so wie er
es mit dem Propheten Elija getan hat. Die lebendige Flamme der Liebe Gottes
gestaltet uns dort um und nimmt von uns alles, was nicht zu ihm gehört
und sein Geschenk verdunkelt. Sie lässt in uns den neuen Menschen nach
dem Bilde Christi entstehen und leuchten.
So werden unsere Gesinnung und unser Herz nach und nach umgeformt, so dass
wir, im Licht Christi und im Dialog mit den Zeichen der Zeit, mit Gott an der
Umformung der Welt mitwirken können, damit sein Reich kommt.
2. Berufen zur Brüderlichkeit und zu einer Sendung
Bei diesem steilen Aufstieg zum Berg Karmel sind wir nicht allein: Maria,
unsere Schwester und Wegbegleiterin im Glauben geht mit uns und ermutigt uns
als Mutter und Lehrerin. Wir gehen diesen Weg zusammen mit unseren Brüdern,
die das gleiche Geschenk und die gleiche Berufung empfangen haben. Mit ihnen
wollen wir eine Gemeinschaft nach dem Vorbild der Urgemeinde von Jerusalem aufbauen:
ganz ausgerichtet auf das Wort, das Brechen des Brotes, das Gebet, die Gütergemeinschaft
und den Dienst.2
Wir gehen diesen Weg in und mit der Kirche in dieser Welt. Wie Elija machen
wir uns zu Weggefährten unserer Zeitgenossen und versuchen, ihnen bei der
Entdeckung der Gegenwart Gottes in ihrem Innern zu helfen, denn in jedem Menschen
ist das Abbild Gottes gegenwärtig. Dieses soll in voller Freiheit sichtbar
werden, auch wenn es von inneren Widersprüchen oder durch die Ungerechtigkeit
anderer verdunkelt wird.
Zu diesem Weg lädt uns unsere Regel ein. Sie ist für uns Widerhall
und Spiegel des Evangeliums und Ausdruck der Grunderfahrung der ersten Karmeliten.
Diese ursprüngliche Erfahrung vermittelt uns eine Leidenschaft für
die Welt, ihre Probleme, Herausforderungen und Widersprüche.
Die ersten Karmeliten kamen aus dem Abendland, das sich im Umbruch befand
und von einer sehr starken Spannung zwischen Krieg und Frieden, Einheit und
Spaltung, Ausdehnung und Krise geprägt war. Im Heiligen Land angekommen
begegneten sie Menschen anderer Religionen und Kulturen. Wieder nach Europa
zurückgekehrt wollten sie Zeugen für die Gegenwart Gottes sein, Brüder
inmitten von Brüdern.
3. Die Welt, in der wir leben
Die Umwelt, in der die ersten Karmeliten geboren wurden und aufwuchsen, war
für sie eine Herausforderung. Die Welt, in der wir leben und arbeiten,
ist dies ebenso für uns. Es ist eine Welt voller Möglichkeiten und
Chancen, die kontinuierlich wachsen und sich weiterentwickeln, aber auch eine
Welt voller Widersprüche.
Die durch ständig verbesserte Medien begünstigte Kommunikation ist
sowohl Verheißung als auch Herausforderung. Die Entwicklung von Wissenschaft
und Technik erleichtert vielen das Leben, unterdrückt aber auch das Leben
anderer und achtet nicht immer die Umwelt, die oft in unverantwortlicher Weise
ausgenutzt wird. Die Menschenrechte werden einerseits feierlich bestätigt,
andererseits aber mit den Füßen getreten. Den Frauen werden die gleichen
Rechte und die gleiche Stellung wie den Männern zuerkannt, viele Frauen
sind jedoch noch immer Opfer von Gewalt. Neben den vielen verhätschelten
und verwöhnten Kindern gibt es die, die geschändet und von der morallosen
Gier einiger missbraucht werden. Das Wissen um die eigenen Rechte lässt
die Sensibilität für die grundsätzliche Gleichheit der Person
und der Völker wachsen, dennoch schaffen nationalistische und individualistische
Spannungen immer neue Ursachen für Konflikte. Wenn die Begegnung unterschiedlicher
Kulturen nicht Anlass zu Konflikten ist, fördert sie den Dialog, den Respekt
vor dem andern und neue Möglichkeiten für das Zusammenleben. Auch
wenn die Globalisierung der Wirtschaft und der Kultur Ausgangspunkt einer harmonischen
Entwicklung für alle sein kann, wirft sie ernsthafte Fragen für das
Schicksal der benachteiligteren Völker auf. Die wachsende Sehnsucht nach
Spiritualität widerspricht den Mutmaßungen des Säkularismus,
führt jedoch nicht immer zu einem authentischen Leben aus dem Glauben:
sie kann zur Flucht aus der harten Realität des Alltags in esoterische
Kulte und pseudomystische Bewegungen werden oder sich in Sekten organisieren.
Angesichts des Mangels an Sinnperspektiven und ethischer Verantwortung einerseits
und der verschiedenen theoretischen und praktischen Atheismen unserer Zeit andererseits
sind die Männer und Frauen des Glaubens über alle religiöse Grenzen
hinaus aufgefordert, gemeinsame und tragfähige Antworten zu suchen. Neben
gutem Willen und Erfahrungen im Dialog zwischen den Religionen gibt es auch
die schmerzlichen und oft tödlichen fundamentalistischen Übergriffe.
Wir sind Kinder dieser Welt und wir teilen ihre „Freude und Hoffnung,
Trauer und Angst“.3 Wir
gehören zu ihr, haben an ihrer Widersprüchlichkeit teil und genießen
ihre Errungenschaften4. Zusammen
mit unseren Brüdern und Schwestern gehen wir in Aufrichtigkeit unseren
Weg, um aufmerksam wie Elija die verborgenen Zeichen der Gegenwart und des Wirkens
Gottes wahrzunehmen.
4. Einheit in der Verschiedenheit
Der Karmelit empfängt und teilt mit seinen Brüdern ein einziges
und gemeinsames Charisma: das Leben in der Nachfolge Jesu Christi in einer kontemplativen
Haltung, die unser Leben in Gebet, Brüderlichkeit und Dienst formt und
erhält.
Durch dieses Charisma, das die Karmeliten zu unterschiedlichen Zeiten und
an verschiedenen Orten leben, gehören sie immer dem Orden der Brüder
der Seligen Jungfrau Maria vom Berge Karmel an.
Das Charisma ist in seinen verschiedenen Elementen einzig. Um es weltweit zu
leben, muss eine begrenzte regionale Sichtweise des Ordens überwunden werden,
und es braucht ein ständiges Bemühen, dem Charisma in den verschiedenen
Kulturen, Zeiten und Orten konkreten Ausdruck zu verleihen und es zu leben.
Es muss immer eine enge Verbindung bestehen zwischen der Einheit, die in der
Identifikation mit dem Charisma des Karmel in seinen wesentlichen Aspekten gründet
und der Vielfalt der verschiedenen Kulturen, die die unterschiedlichen Ausprägungen
des Charismas bereichert.