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 Ausbildung
 Vorwort
•Einleitung
 Teil 1a
 Teil 2b
 Teil 3c

Einführung

1. Berufen zur Gemeinschaft mit Gott

Gott „hat uns zuerst geliebt“1 und zur Teilnahme an der Gemeinschaft der Dreifaltigkeit berufen. In der Erfahrung seiner Liebe erkennen wir seinen Ruf. Vom Geist bewegt hören wir das Wort Christi, der für uns der Weg ist, der zum Leben führt. In seiner Nachfolge und im Vertrauen auf die barmherzige Liebe Gottes machen wir uns auf den Weg zum Gipfel des Berges Karmel, dem Ort der Gottesbegegnung und der Umformung auf ihn hin.

Auf unserem Weg zum Berg führt uns Gott in die Wüste, so wie er es mit dem Propheten Elija getan hat. Die lebendige Flamme der Liebe Gottes gestaltet uns dort um und nimmt von uns alles, was nicht zu ihm gehört und sein Geschenk verdunkelt. Sie lässt in uns den neuen Menschen nach dem Bilde Christi entstehen und leuchten.

So werden unsere Gesinnung und unser Herz nach und nach umgeformt, so dass wir, im Licht Christi und im Dialog mit den Zeichen der Zeit, mit Gott an der Umformung der Welt mitwirken können, damit sein Reich kommt.

2. Berufen zur Brüderlichkeit und zu einer Sendung

Bei diesem steilen Aufstieg zum Berg Karmel sind wir nicht allein: Maria, unsere Schwester und Wegbegleiterin im Glauben geht mit uns und ermutigt uns als Mutter und Lehrerin. Wir gehen diesen Weg zusammen mit unseren Brüdern, die das gleiche Geschenk und die gleiche Berufung empfangen haben. Mit ihnen wollen wir eine Gemeinschaft nach dem Vorbild der Urgemeinde von Jerusalem aufbauen: ganz ausgerichtet auf das Wort, das Brechen des Brotes, das Gebet, die Gütergemeinschaft und den Dienst.2

Wir gehen diesen Weg in und mit der Kirche in dieser Welt. Wie Elija machen wir uns zu Weggefährten unserer Zeitgenossen und versuchen, ihnen bei der Entdeckung der Gegenwart Gottes in ihrem Innern zu helfen, denn in jedem Menschen ist das Abbild Gottes gegenwärtig. Dieses soll in voller Freiheit sichtbar werden, auch wenn es von inneren Widersprüchen oder durch die Ungerechtigkeit anderer verdunkelt wird.

Zu diesem Weg lädt uns unsere Regel ein. Sie ist für uns Widerhall und Spiegel des Evangeliums und Ausdruck der Grunderfahrung der ersten Karmeliten. Diese ursprüngliche Erfahrung vermittelt uns eine Leidenschaft für die Welt, ihre Probleme, Herausforderungen und Widersprüche.

Die ersten Karmeliten kamen aus dem Abendland, das sich im Umbruch befand und von einer sehr starken Spannung zwischen Krieg und Frieden, Einheit und Spaltung, Ausdehnung und Krise geprägt war. Im Heiligen Land angekommen begegneten sie Menschen anderer Religionen und Kulturen. Wieder nach Europa zurückgekehrt wollten sie Zeugen für die Gegenwart Gottes sein, Brüder inmitten von Brüdern.

3. Die Welt, in der wir leben

Die Umwelt, in der die ersten Karmeliten geboren wurden und aufwuchsen, war für sie eine Herausforderung. Die Welt, in der wir leben und arbeiten, ist dies ebenso für uns. Es ist eine Welt voller Möglichkeiten und Chancen, die kontinuierlich wachsen und sich weiterentwickeln, aber auch eine Welt voller Widersprüche.

Die durch ständig verbesserte Medien begünstigte Kommunikation ist sowohl Verheißung als auch Herausforderung. Die Entwicklung von Wissenschaft und Technik erleichtert vielen das Leben, unterdrückt aber auch das Leben anderer und achtet nicht immer die Umwelt, die oft in unverantwortlicher Weise ausgenutzt wird. Die Menschenrechte werden einerseits feierlich bestätigt, andererseits aber mit den Füßen getreten. Den Frauen werden die gleichen Rechte und die gleiche Stellung wie den Männern zuerkannt, viele Frauen sind jedoch noch immer Opfer von Gewalt. Neben den vielen verhätschelten und verwöhnten Kindern gibt es die, die geschändet und von der morallosen Gier einiger missbraucht werden. Das Wissen um die eigenen Rechte lässt die Sensibilität für die grundsätzliche Gleichheit der Person und der Völker wachsen, dennoch schaffen nationalistische und individualistische Spannungen immer neue Ursachen für Konflikte. Wenn die Begegnung unterschiedlicher Kulturen nicht Anlass zu Konflikten ist, fördert sie den Dialog, den Respekt vor dem andern und neue Möglichkeiten für das Zusammenleben. Auch wenn die Globalisierung der Wirtschaft und der Kultur Ausgangspunkt einer harmonischen Entwicklung für alle sein kann, wirft sie ernsthafte Fragen für das Schicksal der benachteiligteren Völker auf. Die wachsende Sehnsucht nach Spiritualität widerspricht den Mutmaßungen des Säkularismus, führt jedoch nicht immer zu einem authentischen Leben aus dem Glauben: sie kann zur Flucht aus der harten Realität des Alltags in esoterische Kulte und pseudomystische Bewegungen werden oder sich in Sekten organisieren. Angesichts des Mangels an Sinnperspektiven und ethischer Verantwortung einerseits und der verschiedenen theoretischen und praktischen Atheismen unserer Zeit andererseits sind die Männer und Frauen des Glaubens über alle religiöse Grenzen hinaus aufgefordert, gemeinsame und tragfähige Antworten zu suchen. Neben gutem Willen und Erfahrungen im Dialog zwischen den Religionen gibt es auch die schmerzlichen und oft tödlichen fundamentalistischen Übergriffe.

Wir sind Kinder dieser Welt und wir teilen ihre „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst“.3 Wir gehören zu ihr, haben an ihrer Widersprüchlichkeit teil und genießen ihre Errungenschaften4. Zusammen mit unseren Brüdern und Schwestern gehen wir in Aufrichtigkeit unseren Weg, um aufmerksam wie Elija die verborgenen Zeichen der Gegenwart und des Wirkens Gottes wahrzunehmen.

4. Einheit in der Verschiedenheit

Der Karmelit empfängt und teilt mit seinen Brüdern ein einziges und gemeinsames Charisma: das Leben in der Nachfolge Jesu Christi in einer kontemplativen Haltung, die unser Leben in Gebet, Brüderlichkeit und Dienst formt und erhält.

Durch dieses Charisma, das die Karmeliten zu unterschiedlichen Zeiten und an verschiedenen Orten leben, gehören sie immer dem Orden der Brüder der Seligen Jungfrau Maria vom Berge Karmel an.

Das Charisma ist in seinen verschiedenen Elementen einzig. Um es weltweit zu leben, muss eine begrenzte regionale Sichtweise des Ordens überwunden werden, und es braucht ein ständiges Bemühen, dem Charisma in den verschiedenen Kulturen, Zeiten und Orten konkreten Ausdruck zu verleihen und es zu leben.

Es muss immer eine enge Verbindung bestehen zwischen der Einheit, die in der Identifikation mit dem Charisma des Karmel in seinen wesentlichen Aspekten gründet und der Vielfalt der verschiedenen Kulturen, die die unterschiedlichen Ausprägungen des Charismas bereichert.


1 1 Joh 4,19.

2 Vgl. Apg 2,42-48; 4,32-35.

3 GS 1.

4 Das brüderliche und schwesterliche Leben 4.