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 Ausbildung
 Vorwort
 Einleitung
 Teil 1a
•Teil 2b
 Teil 3c

I. Teil Der Prozess der Ausbildung

 

2. Zum Leben im Karmel berufen

Kontemplative Brüdergemeinschaft inmitten des Volkes

 

A. Den Mantel des Elija ergreifen

20. Das Geschenk eines Lebens im Karmel

Wer zum Karmel berufenen ist, erkennt, dass das Charisma und die Spiritualität des Karmel in der Mitte seines vom lebendigen Gott berührten Herzens ein Echo finden.

Der Prozess der Ausbildung entfaltet in ständiger Beziehung zum gemeinsamen Charisma des Ordens nach und nach die karmelitanische Identität des einzelnen zu dessen Reifung und zur Fortentwicklung des Ordens selbst.

21. Anteil an einer langen Geschichte

Vertraut werden mit der Erfahrung des Karmel bedeutet, sich auf eine bestehende Geschichte einzulassen, in eine lange, menschliche, geistliche, kirchliche und apostolische Erfahrung einzutreten, die der Zeit standgehalten hat. Auch wenn wir unsere Auffassung von dieser Erfahrung neu ausdrücken, neu interpretieren und vertiefen müssen, brauchen wir damit nicht immer wieder von neuem beginnen. Eine solche fortwährende Neuformulierung wird dem Einzelnen weiten Raum lassen, mit seinen Gaben zur Bereicherung, Entwicklung und Erneuerung des Lebens im Orden beizutragen.33

22. Eine gemeinsame Berufung

Jeder Karmelit hat Anteil an der einen und gleichen Berufung zum Karmel, auch wenn sie auf verschiedene und sich ergänzende Weise verwirklicht wird, entsprechend der Berufung und den Gaben eines jeden einzelnen. Alle haben die gleiche Ordensprofess, ob sie geweiht sind oder nicht.34 Deshalb ist die Grundausbildung zum Leben im Karmel für alle gleich. Sie wird dann durch die entsprechende und spezifische Vorbereitung auf die verschiedenen Ämter und Dienste ergänzt.35

 

B. Kontemplation: das Herz des karmelitanischen Charismas

23. Auf dem Weg zum Ziel

„Die Kontemplation ist somit Grundlage für den inneren Weg des Karmeliten. Er beginnt mit der freien Initiative Gottes, der uns berührt und umformt. So führt er uns zur Liebesvereinigung mit sich und richtet uns auf, dass wir diese umsonst geschenkte Liebe genießen und in seiner liebenden Gegenwart leben ... Diese Liebe befreit uns von einem menschlich begrenzten und unvollkommenen Denken, Lieben und Handeln und wandelt es auf göttliche Weise um.“36 Sie befähigt uns “nicht nur nach dem Tod, sondern auch in diesem sterblichen Leben die Macht der göttlichen Gegenwart und die Freude der himmlischen Glorie im Herzen zu genießen und in der Seele zu erfahren.“37

Die kontemplative Dimension ist nicht nur eines unter den anderen Elementen des Charismas (Gebet, Brüderlichkeit und Dienst), sondern sie ist das dynamische Element, das alle eint.

Im Gebet öffnen wir uns für das Wirken Gottes, der uns durch all die großen und kleinen Ereignisse unseres Lebens immer mehr umformt. Dieser Umformungsprozess hilft uns, authentische brüderliche Beziehungen aufzubauen und zu erhalten, er macht uns zu Dienst, Mitleiden und Solidarität bereit und befähigt uns, dem Vater die Sehnsüchte und Ängste, Hoffnungen und Schreie der Menschen hinzuhalten.

Die Brüderlichkeit ist der Prüfstein für die Echtheit einer sich ereignenden Umformung. Wir entdecken uns als Brüder auf dem Weg zum einen Vater, wir teilen die Gaben des Geistes und stützen uns gegenseitig in den Mühen auf unserem Weg.

Aus dem freien und uneigennützigen Dienst, den nur der kontemplative Mensch schenken kann, erhalten wir unerwartete Hilfen für unseren geistlichen Weg. Dies lässt uns in der Bereitschaft wachsen, die Kraft des Geistes wirken und uns, in andauernder Erneuerung, immer wieder zum Dienst an den Brüdern und Schwestern senden zu lassen.

24. Ein innerer Weg

In dieser vom Geist gewirkten, fortschreitenden und ständigen Umformung in Christus, zieht uns Gott auf einem inneren Weg an sich.38 Dieser Weg führt vom zerstreuten äußeren Leben zur innersten Zelle unseres Seins, wo er wohnt und uns mit sich vereint.39

Dies erfordert eine ständige und grundlegende Hingabe unser ganzes Leben hindurch. Sie ermöglicht uns, durch Gottes Gnade und im Hinblick auf seine Heiligkeit und Güte, wie sie uns in Fülle in seinem Sohn offenbart und geschenkt worden ist, unser Leben zu überdenken, zu beurteilen und neu auszurichten.

Dieser Prozess ist weder geradlinig noch gleichförmig. Er beinhaltet kritische Zeiten, Krisen in Reifung und Wachstum und Phasen, in denen neue Entscheidungen getroffen werden müssen, vor allem, wenn unsere Grundentscheidung für Christus erneuert werden muss. Dies gehört alles zur Läuterung in der Tiefe unseres Seins, damit wir Gott gleichgestaltet werden können.40

Der innere Prozess, der zur Entwicklung der kontemplativen Dimension führt, lässt in uns eine Haltung wachsen, die für die Gegenwart Gottes im Leben offen ist; er lehrt, die Welt mit seinen Augen zu sehen, er drängt uns, sein Angesicht zu suchen und ihn in den Schwestern und Brüdern wiederzuerkennen, zu lieben und ihm zu dienen.41

25. Ein Weg nach dem Evangelium

Für den Karmel ist das Leben nach den evangelischen Räten der geeignetste Weg, um der vollen Umformung in Christus entgegenzugehen.42 Er hat diese Lebensform für sich gewählt und empfiehlt sie auch seinen Jüngern, damit sie über sich selbst hinauswachsen und sich für das Geschenk Gottes öffnen können, der sie für die Errichtung seines Reiches mit sich gleichförmig macht.

Der Gehorsam im Hören auf Gottes Willen und dessen personale Verwirklichung ermöglichen uns, die wahre Freiheit zu finden.43

Im Leben der Armut erkennen und akzeptieren wir unsere Zerbrechlichkeit und unser Nichts, ohne diese kompensieren zu wollen; statt dessen öffnen wir uns immer mehr für den Reichtum, den Gott uns schenkt.44

Die Keuschheit befreit unsere Fähigkeit zu lieben von Egoismus und Ichbezogenheit, damit wir, angezogen von Gottes Zärtlichkeit, frei werden für affektive und vertraute Beziehungen zu Gott, unseren Brüdern, zu jedem Menschen und zur Schöpfung.45

Deshalb ist ein Leben nach den evangelischen Räten kein Verzicht, sondern ein Weg, in der Liebe zu wachsen46 und so die Fülle des Lebens in Gott zu finden.

26. Ein asketischer Weg

Der Umformungsprozess in Christus erfordert unsererseits das ständige Bemühen „Gott ein heiliges und von jedem Makel der Sünde gereinigtes Herz anzubieten. Dieses Ziel erreichen wir, wenn wir vollkommen und in Carith sind, das heißt in jener Liebe (in Charitate) von der der Weise sagt: ‚’Die Liebe deckt alle Vergehen zu‘ (Spr 10, 12b).“47

Dieser Prozess kann sich nicht verwirklichen, wenn er einfach auf Willenskraft beruht und von der Erfahrung der umformenden Liebe Gottes getrennt ist, die durch den Geist in unsere Herzen ausgegossen ist48 und uns Kraft für die Antwort auf die radikale Einladung Christi gibt: „Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“49

Jedoch ist „unsere Hingabe und die Übung der Tugenden“50 erforderlich. Unterstützt durch die Gnade lassen wir uns auf eine fortschreitende Umformung ein: durch die Begegnung mit Christus und den Prozess der Vereinigung mit ihm weicht der alte Mensch dem neuen Menschen, wir ziehen Christus an51 und bringen die „Frucht des Geistes“52 hervor.

27. Auf dem Weg durch die Wüste

Die ersten Karmeliten versuchten dieses asketische Vorhaben, entsprechend der Spiritualität ihrer Zeit (12.-13. Jh.), durch den Rückzug in die Einsamkeit zu verwirklichen. Mehr als eine materielle Wirklichkeit war ihre „Wüste“ ein „Ort des Herzens“, der Kontext einer einzig auf Gott ausgerichteten lebensspendenden Dynamik. Sie wollten Jesus Christus nachfolgen, der sich selbst verleugnete und entäußerte, bis er nackt am Kreuz starb. Doch als Menschen mit starkem Glauben erwarteten sie das Geschenk des neuen und ewigen Lebens, die Frucht der Auferstehung des Herrn.53 Auch wenn sie ein Ort der Einsamkeit und Trockenheit ist, „blüht“ die Wüste54 und wird zum Ort, an dem die Erfahrung der befreienden Gegenwart Gottes Brüderlichkeit formt und zum Dienst drängt.

Auf den Spuren der ersten Eremiten gehen auch wir den Weg durch die Wüste, der unsere kontemplative Dimension entfaltet. Dafür überlassen wir uns einem kontinuierlichen Prozess der Selbstentäußerung oder Selbstentleerung, damit wir Christus anziehen und von Gott erfüllt werden. Dieser Prozess „beginnt, wenn sich jemand Gott anvertraut, gleich, auf welche Art und Weise er sich uns nähert.“55 Wir gehen jedoch nicht von uns aus in die Wüste: der Heilige Geist ruft und lockt uns hinein, er stützt uns im geistlichen Kampf, legt uns die Waffenrüstung Gottes an56, er schenkt uns seine Gaben und die göttliche Gegenwart, bis wir ganz in Gott umgeformt sind und etwas vom Glanz seiner unendlichen Schönheit wiederspiegeln.57

Neben dem Symbol der Wüste hat die Tradition des Karmel auch mit anderen Vergleichen und Bildern diesen Prozess der Umformung beschrieben: „puritas cordis“ (Reinheit des Herzens), „vacare deo“ (frei sein für Gott), Aufstieg zum Berg Karmel, Dunkle Nacht ...

28. Wege zur Kontemplation

Nicht nur theoretische Kenntnisse über den kontemplativen Prozess und ein zeitgemäßes Verständnis der Gelübde und der Spiritualität des Karmel sind wichtig, sondern auch die Aneignung und Verwirklichung eines kontemplativen Lebensstils und einer kontemplativen Haltung.

In der ständigen Auseinandersetzung mit dem Wort Gottes und im Gebet können wir lernen, Gott im Alltag zu begegnen und uns ihm auf dem Weg der inneren Umformung anzuvertrauen. Dann können wir Erfolg und Freude als Geschenk sowie Krise und Wüste als Zeiten des Wachsens so annehmen, dass die Grundwerte karmelitanischen Lebens harmonisch integriert werden.

 

C. Gebet: Die Erfahrung des umformenden Gottes

29. Das Aufeinandertreffen zweier Wege

In der Tradition des Karmel wurden Kontemplation und Gebet oft identifiziert. Trotzdem ist es wichtig, in besonderer Weise vom Gebet zu sprechen, denn es ist die Tür zur Kontemplation.58

Gott kommt und sucht uns. Er zieht uns an sich,59 und der Geist drängt uns, unsere Aufmerksamkeit auf ihn zu richten60, um seine Stimme zu hören, sein Wort aufzunehmen und uns für sein umformendes Wirken zu öffnen. Unsere Suche nach Gott ist Antwort auf seine Stimme und das freundschaftliche Gespräch61, das unser Gebet nährt, ist sowohl Initiative Gottes als auch Frucht menschlichen Mitwirkens.

Das Gebet ist jedoch vor allem vom Heiligen Geist gewirkt, der in uns wohnt. Er sagt uns nicht nur, was zu tun und sagen ist, denn „wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen“62, sondern er führt uns in das Gebet Jesu ein, das der auserwählte Sohn in einem andauernden Dialog der Liebe an den Vater63 richtet. Das Gebet „dringt bis zum Herzen des Wortes in den Schoß des Vaters.“64 Jesus ist in seinem Gebet bei uns und führt uns allmählich zur vollen Gemeinschaft mit sich und dem Vater im Heiligen Geist. Die Treue im Hören auf sein Wort und im tätigen Beachten seines Gebotes der Liebe öffnet uns für das Kommen der Heiligsten Dreifaltigkeit, die in uns Wohnung nehmen will.65

30. Der Begegnung einen Weg bereiten

Die Regel lädt uns ein, allein in der Zelle zu bleiben66, die „den Sohn der Gnade wie die Frucht ihres Schoßes aufnimmt, ihn ernährt, umarmt und zur Fülle der Vollkommenheit führt, indem sie ihn für die Vertrautheit mit Gott würdig macht“67. Diese Zelle ist nicht nur eine äußere Struktur, sondern entsteht im eigenen Innern: dort wohnt Gott68, und dorthin lädt er uns ein, ihn zu suchen.69.

Von Anfang an lädt uns unsere spirituelle Tradition ein, uns auf „die Stille eines einsamen Versteckes“ einzulassen.70 Denn man muss schweigen können, um die Stimme des Herrn zu hören und sein Wort zu verstehen: „Ein Wort sprach Gott und dieses war sein Sohn. Er sprach es in ein tiefes Schweigen, und in der Stille wird es von der Seele gehört“71. Um die Sprache Gottes zu lernen und um eine Antwort stammeln zu können, müssen wir unsere geistlichen, psychischen und physischen Sinne dem leisen Säuseln seiner Stimme72 und seinem blendenden Licht73 anpassen. Unsere Schwestern und Brüder, die Lehrer des geistlichen Lebens, haben uns dafür zahlreiche Ratschläge hinterlassen.

Das Schweigen, das wir pflegen müssen, ist keine Unfähigkeit oder Unmöglichkeit zur Kommunikation, es ist vielmehr die Fülle des Dialogs, bei dem Worte oft überflüssig und hinderlich sein können. Einsamkeit bedeutet nicht Isolation, sondern sie wird erfüllt von Gottes Gegenwart und sendet uns umgeformt in die Gemeinschaft der Brüder zurück.

31. Allein vor Gott

Das Gebet ist von seinem Wesen her eine persönliche und dialogische Beziehung zwischen Gott und dem Geschöpf. Wir sind eingeladen, sie zu pflegen und Zeiten und Orte zu finden, um beim Herrn zu bleiben.74 Eine freundschaftliche Beziehung kann nicht wachsen, wenn wir „nicht regelmäßig allein mit dem sprechen, von dem wir uns geliebt wissen“.75

Unsere Tradition empfiehlt uns verschiedene Gebetsformen. Die Regel rät uns das betende Hören des Wortes, das „mit seinem ganzen Reichtum“ im „Mund“ und im „Herzen“ wohnen soll.76 Hervorragendes Vorbild für dieses Gebet ist Maria, die betende Frau, denn sie „bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen.“77 Von Elija lernen wir, in Gottes Gegenwart zu leben.78 Wenn wir uns an diese Gegenwart gewöhnen und sie schweigend erfassen, beginnen wir, „gewissermaßen das Wesen Gottes wie die Luft einzuatmen“.79

Über Formen hinaus ist es jedoch wichtig, eine tiefe freundschaftliche Beziehung zu Christus zu pflegen, denn die Vollkommenheit im Gebet „besteht nicht im vielen Denken, sondern im vielen Lieben“80; darin schwingt sich das geliebte Herz zu Gott auf81 und ruht in ihm.

32. Gemeinsam vor Gott

Das in Gemeinschaft gefeierte liturgische Gebet war für die Tradition des Karmel immer Quelle des geistlichen Wachstums und daher auch der inneren Umformung. Wenn nicht gerade vom Zeitpunkt her, so doch spirituell gesehen, ist das Zentrum des von den Zeiten der Liturgie unterteilten Tages die in Gemeinschaft gefeierte Eucharistie. Sie ist Ursprung und Höhepunkt des Lebens und Handelns der Kirche.82

In ihr vereint uns der Herr mit seiner Hingabe an den Vater, „um durch ihn, unseren Mittler, von Tag zu Tag tiefer in die Einheit mit Gott und untereinander hineinzuwachsen“.83 Aus der Begegnung mit Christus, dem Wort und Brot des Lebens, entspringt die Kraft, die den Weg weitergehen lässt.84 Durch die Feier der Eucharistie werden wir ermuntert, anderen großzügig zu begegnen und sie bereitwillig anzunehmen.

Die gemeinschaftliche Feier des Stundengebetes eint uns mit der Kirche im unaufhörlichen Lob Christi für den Vater.85 Es wird zu unserer persönlichen und gemeinschaftlichen Weise, an der Heiligung der Zeit und der Geschichte teilzuhaben.

„Das Gebet der karmelitanischen Gemeinschaft ist für die Welt ein Zeichen der betenden Kirche“86 nach dem Beispiel Mariens, die mit den Jüngern im Abendmahlsaal versammelt war.

Neben der Liturgie empfehlen uns die Konstitutionen auch andere Formen gemeinschaftlichen Betens, so besonders die Lectio divina als eine Möglichkeit, die Gotteserfahrung des eigenen geistlichen Weges mit anderen zu teilen87 und gemeinsam seinen Willen zu suchen.

33. Wege zum Gebet

Die verschiedenen Formen des Betens88 sollen gepflegt werden, besonders diejenigen, die der Tradition des Karmel wertvoll sind: die Meditation, die Lectio divina, die Übung der Gegenwart Gottes, das Stoßgebet, das Gebet der Stille und die Eucharistie als Quelle und Höhepunkt der Beziehung zu Christus.

In der Gemeinschaft werden angemessene Zeiten und Orte für das Beten vorgesehen, so dass jeder Bruder nach und nach zu beten lernt und einen eigenen Gebetsstil entwickelt, der sein ganzes Leben durchdringt. „Das Gebet ist Leben, keine Oase in der Wüste des Lebens“.89

Außerdem muss die gemeinschaftliche Feier der Eucharistie und des Stundengebetes gewährleistet sein und betont werden, wie wichtig dabei eine treue Teilnahme ist.

Schließlich soll ein äußeres wie inneres Klima der Stille und ein einfacher Lebensstil geschaffen und gepflegt werden. Dies wird das Gebet und die Betrachtung fördern.90

 

D. Brüderlichkeit: die Gotteserfahrung teilen

34. Der Weg, den die Regel weist

Der Verfasser unserer Regel, Albert, der Patriarch von Jerusalem, nennt die Eremiten, an die er sich richtet, „fratres“.91 Dies bedeutet, dass wir berufen sind, unsere kontemplative Berufung nicht in individualistischer Weise, sondern gemeinsam als Brüder zu leben. Die kontemplative Haltung, die es uns ermöglicht, die Gegenwart Gottes in den Menschen und im Alltag zu entdecken, hilft uns auch bei der Wertschätzung des Geheimnisses eines jeden Mitgliedes der Gemeinschaft.92

Wir haben einen gemeinsamen, in unserer Regel beschriebenen Lebensentwurf, dessen Hüter und Garant der Prior ist.93 Inspiriert vom Vorbild der Jerusalemer Urgemeinde schlägt die Regel einige brüderliche Haltungen und einen Weg zur Festigung der konkret gelebten Brüderlichkeit vor. Das Hören des Wortes94 und die gemeinsame Liturgie95, in besonderer Weise das tägliche Zusammenkommen zur Feier der Eucharistie96, das Teilen der materiellen und geistlichen Güter97 in der Sorge für das Wohl eines jeden einzelnen98 und die kritische Unterscheidung hinsichtlich des gemeinsamen Weges99, die zusammen getroffenen wichtigen Entscheidungen100, das Schweigen als „Übung der Gerechtigkeit“101, der Aufbau von Beziehungen, die weder unterdrücken noch besitzergreifend sind, sondern den anderen respektieren, die grundsätzliche Gleichheit, das gemeinsame Mahl102 und die Arbeit103 ... fördern die karmelitanische Brüderlichkeit.104

35. Auf dem Weg zur Brüderlichkeit

„Noch bevor die Ordensgemeinschaft ein Gebilde des Menschen ist, ist sie eine Gabe des Geistes.“105 Wie jede geistliche Gabe wird sie jeden Tag durch den Einsatz aller und eines jeden einzelnen aufgebaut.

Deshalb muss das Bewusstsein einer gemeinsamen Berufung reifen und sich dann in einem zusammen erarbeiteten, durchgeführten und reflektierten Projekt konkretisieren.106 Die natürliche Spannung zwischen dem gemeinsamen Vorhaben und dem persönlichem Weg wird so fruchtbar gemacht für die Berufung aller, den Weg miteinander als Brüder zu gehen.107

Unsere Mühe um die Verwirklichung der Brüderlichkeit ist eine Form von Askese, die ständige Umkehr und Verzicht verlangt. Niemand soll von anderen zu viel fordern, sondern vielmehr annehmen, was jeder schenken kann.108

Das tägliche Zusammenkommen in der Kapelle als der Mitte der einzelnen Zellen ist ein Symbol für den ständigen Auftrag, das eigene Ich zu überschreiten und den anderen entgegenzugehen, um mit ihnen Gemeinschaft zu bilden: die Eucharistie gestaltet die einzelnen zu Brüdern um.109 Die Feier der Eucharistie, in der Brüderlichkeit aufgebaut, gefeiert und zum Ausdruck gebracht wird, sendet uns dann wieder in die Mühen des Lebens zurück, wo sich, gestärkt durch die Speise von Wort und Brot, gegenseitige Hingabe und Annahme verwirklichen.

36. Propheten geschwisterlicher Beziehungen

Der gemeinsame Lebensauftrag und das Teilen der verschiedenen Zeiten des Hörens auf das Wort, des Betens, des Feierns, der Brüderlichkeit und Gemeinschaft drängen uns zu einem freien und freudigen Weitersagen der gemeinsamen Berufung zur Heiligkeit und vollen Gemeinschaft mit Gott und den Menschen. Das brüderliche Leben im Karmel wird so zur Verkündigung in der Welt.110 Unsere Brüderlichkeit wird zu einem Symbol und prophetischen Zeichen für die Möglichkeit, in Gemeinschaft zu leben, auch wenn es etwas kostet.111 Die Karmeliten sind auch berufen, Fachleute des Gemeinschaftslebens112 zu werden und laden deshalb andere Schwestern und Brüder ein, ihr gemeinsames Beten113 und Leben zu teilen. Aus dem betenden Hören des Wortes erhalten sie Anregungen für eine lebendige und prophetische Präsenz in den christlichen Gemeinden und in der Welt. Aus dem Teilen der materiellen und geistlichen Güter erwächst das Bedürfnis, jede Schwester und jeden Bruder an dem teilhaben zu lassen, was der Herr umsonst geschenkt hat.114

37. Wege, die zur Brüderlichkeit führen

Zur Förderung eines authentischen brüderlichen Lebens ist die Annahme und Aufmerksamkeit für die Brüder ebenso wichtig wie der ehrliche und offene Dialog, das Interesse für ihr Leben und ihre Person, die gegenseitige Begleitung auf dem geistlichen Weg sowie die Offenheit und Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Menschen unterschiedlichen Alters in einer Gemeinschaft sind eine wichtig gegenseitige Bereicherung. Die Älteren und Kranken können ein wertvoller Prüfstein für die Aufrichtigkeit der Motivationen der Jüngeren sein, geben ihnen aber auch den Reichtum ihrer eigenen Lebenserfahrung weiter. Die Jüngeren an ihrer Seite können wiederum für die Älteren ein nötiger Ansporn zur Erneuerung sein und die Hoffnung auf Zukunft stärken.

Die Liebe zum gemeinsamen Leben, die aktive und kreative Teilnahme an den Gebetszeiten, den Zusammenkünften, den Mahlzeiten und der Rekreation tragen zu einer wachsenden Sensibilität für die Gemeinschaft bei.

Allmählich identifiziert sich der einzelne mit der Gemeinschaft und kann gemeinsam gefällte Entscheidungen als die eigenen betrachten, auch wenn er zunächst nicht voll damit einverstanden war.

Während die Anerkennung und Entfaltung der persönlichen Charismen, Fähigkeiten und Begabungen als Wert bestehen bleibt, muss gleichzeitig für die Übernahme einer apostolischen, missionarischen und berufsmäßigen Aufgabe für, mit und im Namen der eigenen Gemeinschaft ausgebildet werden. Im Umfeld der Gemeinschaft lernen wir, deren Dienst und Sendung zu teilen. In der Aufgabe eines jeden einzelnen drückt sich die Sendung der ganzen Gemeinschaft aus und wird darin konkret: in ihrem Namen und für sie arbeiten und handeln wir.115

Jedoch genügt nicht nur die Identifikation mit der eigenen Gemeinschaft. Es ist wichtig zu lernen, sich wirklich als Teil der eigenen Provinz und des ganzen Ordens zu fühlen. Erfahrungen in anderen Gemeinschaften der Provinz wie auch internationale Erfahrungen tragen zu einer allmählichen Identifikation mit dem Orden, seiner Geschichte, seiner Tradition und seinem Leben bei und pflegen eine Spiritualität der Gemeinschaft.

 

E. Dienst inmitten des Volkes: die Erfahrung Gottes führt zur Sendung

38. Anteil an der Sendung Christi in der Kirche

Die authentische Erfahrung Gottes in einer kontemplativen Gemeinschaft von Brüdern führt notwendigerweise zur Aneignung der “Sendung Jesu, der gesandt war, die Frohe Botschaft vom Reich Gottes zu verkünden und den Menschen umfassend von Sünde und Unterdrückung zu befreien. Für uns Karmeliten ist daher unsere Verwurzelung im Apostolat ein integraler Bestandteil unseres Charismas.“116

Als Karmeliten sind wir in der Kirche, für die Kirche und zusammen mit der Kirche im Dienst am Reich Gottes.117 Während wir versuchen, die Kirche mit unserem spezifischen Charisma zu bereichern, arbeiten wir mit ihr und in voller Gemeinschaft mit allen Mitgliedern der christlichen Gemeinde am Aufbau des einen Leibes Christi.118 Diese Gemeinschaft konkretisiert sich in der Eingliederung in die Ortskirche.119

39. An der Seite derer, die Gott suchen

Wir Karmeliten teilen die Sehnsucht der heutigen Menschen nach Gott. Diese Sehnsucht nach Spiritualität überschreitet die Grenzen des Christentums und findet sich oft auch verborgen in Menschen, die sich zu keiner Religion bekennen. Wo immer eine solche Sehnsucht nach Spiritualität da ist, müssen wir als Karmeliten dies aufgreifen können und mit allen, die Gott suchen, ins Gespräch kommen. Wir können dazu beitragen, dass jeder Mensch in der eigenen Erfahrung „heilige Orte, mystische Räume“120 ent-decken kann, in denen Gott uns entgegen kommt.121

Dem geistlichen Erbe des Ordens treu, richten wir unsere vielfältigen Aufgaben auf die wachsende Suche nach Gott aus. Wir laden die Frauen und Männer unserer Zeit zur Erfahrung der Kontemplation ein und teilen mit ihnen den Reichtum unserer geistlichen Tradition.122 Unser Leben in kontemplativer brüderlicher Gemeinschaft wird so zum glaubwürdigen Zeugnis dafür, dem ganz Anderen und den anderen in Stille, Annahme und im aufrichtigen Gespräch zu begegnen.123

40. Brüder inmitten des Volkes

Das brüderliche Leben an sich ist schon Verkündigung und Herausforderung.124 Eine lebendige Gemeinschaft ist anziehend und prophetisch und stellt ein Zeichen der befreienden Gegenwart des Herrn inmitten der Seinen dar.

Durch unseren offenen und einladenden Lebensstil teilen wir mit anderen die in Brüderlichkeit gelebte Gemeinschaft des Herzens und die Erfahrung Gottes.125

Ein solches Leben „inmitten des Volkes“ ist ein prophetisches Zeichen für neue, freundschaftliche und geschwisterliche Beziehungen. Es ist ein prophetisches Zeichen für Gerechtigkeit und Frieden in der Gesellschaft und unter den Völkern. Es ist eine „Entscheidung, auf der Seite der ‚’minores‘ der Geschichte zu stehen, um von ihnen her ein Wort der Hoffnung und der Befreiung zu finden - und dies mehr durch Taten als mit Worten“.126

Wie schon in ihrer Regel erwähnt, machen sich die Karmeliten auf den Weg, um der vom Geist des Herrn gewiesenen Richtung zu folgen.127 Sie gehen den Weg mit allen, die leiden, mit denen, die hoffen und sich für den Aufbau des Reiches Gottes einsetzen, und sie nützen jedes geeignete Mittel, um Geschwisterlichkeit zu fördern.

41. Brüder mit einer Sendung

Wir müssen lernen, „die geweihten Bezirke zu verlassen“ und „außerhalb des Lagers“, auf „neuen Marktplätzen“ zu verkünden, dass Gott die Menschen von Herzen und für immer liebt.128

Natürlich erfordert jede Situation eine angemessene Antwort auf die örtlichen Nöte und Bedürfnisse. Durch ein kontinuierliches Bestreben, das Evangelium und unser Charisma zu inkulturieren, werden sich unsere Lebensform und Spiritualität in Haltungen und Handlungen übertragen lassen, die unserem Karmelit-Sein Ausdruck verleihen können.129 Jede Kultur, auf die wir uns einlassen, bereichert unser Verständnis der Botschaft des Evangeliums und unseres Charismas sowie die Art und Weise, diese zu leben, denn indem wir evangelisieren, werden wir selbst evangelisiert. Wenn wir Christus zu den anderen bringen, finden wir in ihnen seine Gegenwart.

42. Die Sendung ad gentes

„Geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“130 Diesem Auftrag Christi gehorsam, erkennt und fördert der Orden die Weiterführung einer langen missionarischen Tradition, die ihren Höhepunkt in der Ernennung der Hl. Therese von Lisieux zur Patronin der Missionen gefunden hat und vertraut „darauf, dass die Sendung ‚‚’ad gentes‘ die Mitte des karmelitanischen Charismas auf neue Weise sichtbar macht.“131

„Missionarische Tätigkeit ist nichts anderes und nichts weniger als Kundgabe oder Epiphanie und Erfüllung des Planes Gottes in der Welt und ihrer Geschichte.“132 Sie ist die „wichtigste und heiligste Aufgabe der Kirche“133, weil die ganze Kirche von ihrer Natur aus missionarisch ist.

Aus dem ausdrücklichen Auftrag des Herrn, aus den vielen expliziten Erklärungen der Kirche und aus der Tradition des Ordens ergibt sich klar, dass die missionarische Tätigkeit ad gentes für uns Karmeliten heute nicht nur eine Möglichkeit, sondern eine wahre Verpflichtung und auch ein Privileg ist. „Das unaufhebbare missionarische Bestreben, das das geweihte Leben unterscheidet und kennzeichnet“134, muss deshalb gefördert und vorangetrieben werden.

43. Propheten der Gerechtigkeit und des Friedens

Die kontemplative Dimension des karmelitanischen Lebens ermöglicht es, die Spuren der Gegenwart Gottes in der Schöpfung und in der Geschichte als Geschenk zu erkennen und verpflichtet uns, den Heilsplan Gottes für die Welt zu verwirklichen. Der authentische kontemplative Weg befähigt uns zur Erkenntnis der eigenen Zerbrechlichkeit, Schwäche und Armut - mit einem Wort, der Nichtigkeit der menschlichen Natur: alles ist Gnade. Diese Erfahrung schafft Solidarität mit allen, die in irgendeiner Situation von Entbehrung und Ungerechtigkeit leben. Wenn wir uns von den Armen und Unterdrückten anfragen lassen, werden wir immer mehr umgeformt und beginnen, die Welt mit den Augen Gottes zu sehen und mit seinem Herzen zu lieben.135 Mit ihm hören wir den Schrei der Armen136 und bemühen uns, dabei seinen Einsatz, seine Sorge und sein Mitleid für die Letzten zu teilen.

Dies drängt uns zu einem prophetischen Wort angesichts der in der heutigen Mentalität gegenwärtigen individualistischen und subjektivistischen Übertreibungen, der vielfältigen Formen von Ungerechtigkeit und Gewalt zwischen einzelnen und zwischen Völkern.137

Der Einsatz für die Gerechtigkeit, den Frieden und die Bewahrung der Schöpfung sind keine möglichen Optionen, sondern eine dringliche Notwendigkeit und Herausforderung, aus denen heraus die kontemplative und prophetische Gemeinschaft des Karmel, nach dem Beispiel Elijas138 und Marias139 ein klares Wort der Verteidigung für die Wahrheit und den Plan Gottes mit den Menschen und der Schöpfung sagen muss. Wir haben etwas zu sagen, ausgehend von unserem eigenen brüderlichen Lebensstil, der nach den Weisungen der Regel140 auf gerechten und friedlichen Beziehungen beruhen soll und den unsere Tradition auf die Erfahrung des Elija zurückbezieht, der am Karmel eine auf Gerechtigkeit und Frieden gegründete Gemeinschaft errichtet habe.141

44. Die Erinnerung an Maria lebendig halten

Die Wiederentdeckung der marianischen Tradition des Karmel ermutigt uns heute, allen, die Maria, dem leuchtenden Vorbild der Jüngerschaft, eine besondere Rolle im geistlichen und kirchlichen Leben zuerkennen, unseren bescheidenen Dienst anzubieten. 142 Wir wollen die Erneuerung einer authentischen Mariologie fördern, die auf der Hl. Schrift basiert, und Liturgie, Ökumene und Anthropologie berücksichtigt.143 Außerdem müssen wir unsere marianische Tradition kritisch überprüfen und eine neue Sprache und neue Ausdrucksformen für unsere Beziehung zu Maria auf unserem geistlichen Weg finden.

45. Wege, die zum Dienst führen

Unser apostolischer Dienst ist eine zu wichtige Sache, um ihn der Improvisation, der Spontaneität oder Verzettelung zu überlassen.144 Die Ausbildung zum Dienst, einem wesentlichen Element des Charismas, wird mit derselben Sorgfalt durchgeführt wie die zur Kontemplation, zum Gebet und zur Brüderlichkeit.

Deshalb soll eine Atmosphäre der Stille und Umkehr geschaffen werden, in der sich Herz, Augen und Verstand öffnen können, denn wer vom Wort Gottes erleuchtet ist, kann die Zeichen der Zeit lesen, auf die anderen und die Geschichte hören und für sein Lebensumfeld offen sein. Um eine unnötige Verzettelung unseres Dienstes zu vermeiden, müssen wir planen lernen, das heißt, die wirklichen Notwendigkeiten herausfinden, um mit einem gemeinsam ausgearbeiteten Plan und geeigneten Mitteln die erkannten Ziele zu erreichen. Wir müssen verfügbar und frei sein, damit wir dorthin gehen können, wohin uns der Geist führt.

Die Hinführung zu einem Zugehörigkeitsbewusstsein zur Kirche ist unumgänglich. Dies beinhaltet sowohl die Entwicklung von Liebe und Interesse für die Kirche und ihre Sendung als auch die Zusammenarbeit mit anderen im Dienst am Reich Gottes.

Die fachliche, kulturelle und theologische Ausbildung muss der ganzheitlichen Entwicklung der Person und der Vorbereitung auf einen Dienst angemessen sein und zum Gespräch mit der Welt des Geistes, der Wissenschaft und Kultur befähigen. In diesem Sinn soll auch die Kenntnis und der Umgang mit den Medien und den sozialen Kommunikationsmitteln gefördert werden.

Die Sensibilität für die Armen, die Kranken, die Außenseiter, die Randgruppen sowie für die Bewahrung der Schöpfung sind Werte, die weiterentwickelt und in dynamischer Weise realisiert werden müssen, damit sie in einen entsprechenden Lebensstil umgesetzt werden können.

 

F. Elija und Maria

46. Auf den Spuren des Propheten Elija

Einige Pilger, die aus dem Abendland in das Heilige Land kamen, wählten den Karmel als Ort für ihre eremitische und brüderliche Erfahrung. Sie ließen sich in der Nähe des nach Elija benannten Brunnen nieder145 und knüpften damit an eine lange Tradition eremitisch-monastischer Präsenz an.

An diesem Ort ist die Erinnerung an den Propheten, der voll Eifer für den Herrn ist und dessen Wort wie eine Fackel leuchtet, noch lebendig; der Prophet, der in Gottes Gegenwart lebt, immer bereit, ihm zu dienen und sein Wort zu befolgen; der Prophet, der dem Volk den wahren Herrn zeigt, so dass es nicht mehr nach zwei Seiten schwankt; der Prophet, der die Seinen anspornt, ihr Leben ganz auf Gott auszurichten; der Prophet, der die Stimme Gottes und den Schrei der Armen hört und die Rechte des Einen und die seiner Auserwählten, der Benachteiligten, zu verteidigen weiß.

Die Karmeliten erinnern sich seiner und in gewisser Weise leben sie die Erfahrung des Propheten neu: das Verbergen in der Wüste während der Dürre und die Herausforderung durch die falschen Propheten eines Götzen, der kein Leben schenken kann; sie folgen ihm in den Spuren der Väter auf der langen widrigen Reise durch die Wüste bis zum Berg Horeb, wo er Gott auf neue und unerwartete Weise begegnet und versteht, dass er auch dort gegenwärtig ist, wo er fern scheint. Sie teilen seine Sehnsucht nach Gerechtigkeit und fühlen sich auf ihre Weise wie Elischa als Erben des Mantels, der durch die Flammen des Feuerwagens vom Himmel gefallen ist.

47. Am Brunnen des Elija

Dort „beim Brunnen“146 setzten die Eremiten vom Karmel ihre ersten Schritte auf dem Weg, der bis zu uns führt, entlang der Straßen, die ihnen die „Karte“ der Regel des Hl. Albert aufzeigte. Elija wurde so für sie und die Brüder nach ihnen derjenige, der zuerst das Lebensideal verwirklichte, das sie zum Verlassen ihrer Heimat bewegt hatte. In gewisser Weise fühlten sie sich als seine Söhne, als Erben eines geistlichen Reichtums, den sie auf unterschiedlichen Wegen empfangen haben.

Deshalb sammelten sie die jüdischen und christlichen Erzählungen über Elija. Sie interpretierten sie auf eigene Weise und machten sie sich zu eigen. Elija, der schon in der monastischen Tradition als der erste Mönch und Vorbild aller, die kontemplativ leben, gesehen wurde, ist nach und nach für die Karmeliten zum Prototyp des Mystikers geworden – er, der Prophet, der das Lob Gottes singen und es der Gemeinschaft seiner Gefolgsleute lehren konnte, der Anwalt der Rechte Gottes und der große Streiter für die Verteidigung der Benachteiligten. Die einstigen Karmeliten wie auch die heutigen berufen sich auf Elija als ihren „Vater“, nicht im historischen oder physischen Sinn, sondern aufgrund der Werte, die er verkörpert.

48. Von Maria auf dem Weg geführt

Die ersten Karmeliten weihten ihre Kapelle Maria, der Mutter des Herrn, und erwählten sie damit zu ihrer Patronin. Sie vertrauten sich ihr an und weihten ihr ganzes Leben ihrem Dienst und ihrem Lob, das sich mehr im Leben als durch Rituale verwirklicht.147

Die Karmeliten haben in ihrer Geschichte die zuvorkommende und ständige Gegenwart ihrer Mutter und Patronin erfahren und besungen. Maria, der mystische Stern des Berges Karmel, beschützt, bekleidet und leitet ihre Kinder auf den Wegen, die zur Freude der umformenden Begegnung mit Gott führen148. Sie, die als erste die volle Gemeinschaft mit Gott in Christus erlebt hat, hilft uns, die Schönheit unserer Berufung zu entdecken und begleitet uns beim mühevollen Aufstieg „zum Berg, der Christus ist“.149

Das Skapulier ist Zeichen und Erinnerung an diesen Schutz und daran, dass wir uns ihr anvertraut haben. Ihre Feste sind Gelegenheiten, dem Herrn für das Geschenk Mariens zu danken, die „mehr Mutter als Königin“150 ist.

49. Mit Maria auf dem Weg

Auf ihrem Weg zu Gott sehen die Karmeliten in der reinsten Jungfrau die Schwester und die neue Frau, die das Wort hört und danach handelt und sich durch das Wirken des Geistes umformen lässt. Als Pilgerin im Glauben wird sie zum Zeichen dafür, was wir in der Kirche sein wollen.151

Die junge Frau, die in Nazareth das Wort des Engels hört und das Wort Gottes annimmt, führt uns in das Geheimnis des Sohnes Gottes ein und lehrt uns, dem Geist zu folgen, der uns ganz dem Willen des Vaters entsprechen lässt. Wenn sie zu Elisabeth eilt, lehrt sie uns den brüderlichen Dienst und die Liebe, wesentliche Grundlagen jeder brüderlichen Gemeinschaft. Wenn sie uns in Bethlehem das Gotteskind zeigt, lädt sie uns ein, in jeder Situation unseres Lebens, „eine andere Mutter Gottes“152 zu werden. Mit dem Kind und dem hl. Josef auf der Flucht nach Ägypten zeigt sie den Weg der Askese und der Läuterung als notwendige Voraussetzung für die kontemplative Erfahrung Gottes. Maria, die alles in ihrem Herzen bewahrt und betrachtet, lehrt uns, die Zeichen der Gegenwart Christi im Alltag des Lebens zu suchen und zu erkennen und in der Verwirklichung seines Wortes Jünger des Herrn zu werden. In Kana ist sie aufmerksam für die konkrete Not; sie zeigt uns Jesus als den einzigen, der den neuen Wein des Heils schenkt, und lädt uns ein, alles zu tun, was er uns sagt. Unter dem Kreuz lehrt sie uns, bis zur letzten Konsequenz treu zu bleiben. Von den Jüngern als Mutter aufgenommen wird sie zum Modell der betenden Kirche, die immer bereit ist, das Geschenk des Geistes anzunehmen und zu teilen.

Die Karmeliten leben eine vertraute und familiäre Beziehung mit Maria, die ihnen als Mutter und Schwester im persönlichen wie brüderlichen Leben nahe ist.


33 Vgl. MR 12; Konst. 120; Der Karmel: ein Ort, eine Reise 4.6.

34 Vgl. Konst. 175 § 2.

35 Vgl. Konst. 161-162.

36 Konst. 17; Vgl. auch Johannes v. Kreuz, Geistlicher Gesang B, 22,3-5; 26,1; 39,4.

37 Institutio primorum monachorum 1.2.

38 Unter den vielen Texten in unserer Tradition vgl. Institutio primorum monachorum 1.2-8.

39 Vgl. Teresa v. Jesus, Innere Burg 1.1,3; Johannes v. Kreuz, Geistlicher Gesang B, 1,6-8.

40 Vgl. Johannes v. Kreuz, Dunkle Nacht, 1.11, 3.

41 Vgl. Konst. 15, 78.

42 Vgl. Institutio primorum monachorum 1,3-5.

43 Vgl. Konst. 15: 78.

44 Vgl. Konst. 50-58.

45 Vgl. Konst. 59-63.

46 Vgl. Institutio primorum monachorum 1,6.

47 Vgl. Institutio primorum monachorum 1.2.

48 Vgl. Röm 5,5.

49 Mt 16,25.

50 Vgl. Institutio primorum monachorum 1.2.

51 vgl. Röm 13,14; Gal 3,27; Eph 2,15; 4,24; vgl. auch EE 45.

52 Gal 5,22-23.

53 Auch der von ihnen gewählte Ort mit den um das Oratorium verteilten Zellen könnte ein Ausdruck für das Wunder der in der Wüste des Lebens durch die Gegenwart des Auferstandenen vollbrachten Wiedergeburt sein. Zeugnis dafür gibt auch der liturgische Ritus vom Hl. Grab, der lange im Orden gefeiert wurde.

54 Vgl. Jes 32,15.

55 Konst. 17.

56 Vgl. Regel 18-19.

57 Vgl. Johannes v. Kreuz, Geistlicher Gesang B, 36.5; vgl. auch 2 Kor 3,18.

58 Vgl. Teresa von Jesus, Innere Burg 1,7.

59 Vgl. Hos 2,16.

60 Vgl. Dominikus v. Hl. Albert, Exercitatio 24: „Die heilige Anbetung pflegen besteht in einer wahren, totalen und einer gegenwärtigen Aufmerksamkeit für Gott“.

61 Vgl. Teresa v. Jesus, Leben 8.5.

62 Röm 8,26.

63 Vgl. Joh 1,1.

64 Maria Magdalena v. Pazzi, I Colloqui, 50, 922.

65 Vgl. Joh 14,15-23.

66 Regel 10.

67 Johannes Soreth, Expositio paraenetica in Regulam Carmelitarum 13.

68 ebd.

69 Vgl. Teresa v. Jesus, das Gedicht „Such dich in mir“; Johannes vom Kreuz, Geistlicher Gesang 1,6-12.

70 Institutio primorum monachorum 1,5.

71 Johannes v. Kreuz, Worte von Licht und Liebe, 99.

72 Vgl. 1 Kön 19,12; Johannes v. Kreuz Geistlicher Gesang B 15,26.

73 Vgl. Johannes v. Kreuz, Aufstieg 2.9,1; Dunkle Nacht 2.5,3 u.5.

74 Vgl. Regel 10; Konst 80.

75 Teresa v. Jesus, Leben 8,5.

76 Regel 19, vgl. 10; vgl. auch Konst. 82.

77 Lk 2,19.51.

78 1 Kön 17,1; 18,15.

79 Michael v. Hl. Augustinus, Introductio ad vitam internam, tractatus quartus, seu Fruitiva Praxis vitae mysticae, 14.

80 Teresa v. Jesus, Gründungen 5.2; Innere Burg 4,1,7.

81 Johannes v. Hl. Samson, Le vrai esprit du Carmel 122,1; Therese v. Kinde Jesu, Ms. C 25r.

82 Vgl. SC 10; LG 11; Konst. 70.

83 Konst. 70; vgl. SC 48.

84 Vgl. 1 Kön 19,5-8.

85 Vgl. Konst. 72.

86 Konst. 64.

87 Vgl. Konst. 82.

88 Vgl. Konst. 66.

89 Titus Brandsma, Godsbegrip Rede uitgesproken..., Nijmegen 1932, 26.

90 Vgl. Konst. 67.

91 Regel 5, 6, 8, 12, 15, 22, 23.

92 Vgl. Konst. 19.

93 Regel 4, 5, 6, 8, 9, 12, 22, 23.

94 Vgl. Regel 7, 14.

95 Vgl. Regel 11, 14.

96 Vgl. Regel 14.

97 Vgl. Regel 12.

98 Vgl. Regel 12, 15, 16, 17.

99 Vgl. Regel 15.

100 Vgl. Regel 4, 5, 6, 15.

101 Regel. 21.

102 Vgl. Regel 7.

103 Vgl. Regel 20.

104 Vgl. Konst. 20.

105 Das brüderliche und schwesterliche Leben 8.

106 Vgl. Regel 15; Konst. 31 e).

107 Vgl. Das brüderliche und schwesterliche Leben 24-25; vgl. auch Konst. 30.

108 Vgl. Das brüderliche und schwesterliche Leben 21-22.

109 Vgl. Regel 14; vgl. Konst. 20; 31a.

110 Vgl. Das brüderliche und schwesterliche Leben 54-55; vgl. auch VC 25, 42, 46.

111 Vgl. Das brüderliche und schwesterliche Leben 56.

112 PI 25.

113 Vgl. Konst. 20.

114 Das brüderliche und schwesterliche Leben 56; VC 51.

115 Vgl. Konst. 32-33.

116 Konst. 91.

117 Vgl. Konst. 21. Die Liebe zur Kirche und zu ihrer Sendung ist eine Konstante im Karmel; für alle zitieren wir: Maria Magdalena v. Pazzi, Renovatione della Chiesa; Therese vom Kinde Jesu, Ms B, 2v- 3v.

118 vgl. VC 31; 46-56.

119 Vgl. VC 48-49; Konst. 97-98.

120 Der Karmel: ein Ort, eine Reise 3.3.

121 Vgl. Konst. 96.

122 Vgl. Konst. 95, 99.

123 Vgl. Der Karmel: ein Ort, eine Reise 4.5.

124 Vgl. Das brüderliche und schwesterliche Leben 54-56; VC 51.

125 Vgl. Regel 9; Konst. 23.

126 Generalkongregation 1980, Die Armen eine Anfrage an uns, in AOCarm, XXXV, 1-2 (1980), 23; vgl. auch Konst. 24.

127 Vgl. Regel 17; vgl. auch Konst. 22.

128 Der Karmel: ein Ort, eine Reise 1.3.

129 Vgl. Der Karmel: ein Ort, eine Reise 4.2.

130 Mt 28,19f.

131 Konst. 105.

132 AG 9.

133 AG 29.

134 VC 77.

135 Vgl. Konst. 15.

136 Vgl. Ex 3,7.

137 Vgl. Der Karmel: ein Ort, eine Reise 4.3.

138 Vgl. 1 Kön 21.

139 Vgl. Lk 1,46-55.

140 Vgl. Regel 21.

141 Vgl. Institutio primorum monachorum 3.3,5.

142 Vgl. Konst. 86, 95.

143 Vgl. Marialis cultus 29-39; für den biblischen Aspekt vgl. besonders Therese v. Kinde Jesu, Dernières entretiens, 21. August, 3; das Gedicht „Pourquoi je t’aime, o Marie!“(PN 54).

144 Vgl. Nicolaus Gallicus, Ignea Sagitta 4.

145 Vgl. für diese und die folgende Nr. Konst. 26.

146 Regel 1.

147 Vgl. Konst. 27.

148 Vgl. II. Präfation der Votivmesse U.L.Frau v. Berge Karmel.

149 Vgl. Tagesgebet des Gedächtnisses unserer lieben Frau vom Berge Karmel; vgl. Paul VI., Allocutio 22 Junii 1967, in AAS LIX (30 Sept 1967) n. 12, 779.

150 Therese v. Lisieux, Dernieres entretiens 21.8.3.

151 Vgl. I. Präfation des Hochfestes U.L.F. v. Berge Karmel.

152 Titus Brandsma, Vortrag auf dem marianischen Kongress in Tongerloo (August 1936), in: ders., Das Erbe des Propheten, Köln 1958, 34; vgl. auch ders., Carmelite mysticism. Historial Sketches, Chicago 1936, Lecture IV, 52-53.