Kontemplative Brüdergemeinschaft inmitten des Volkes
A. Den Mantel des Elija ergreifen
20. Das Geschenk eines Lebens im Karmel
Wer zum Karmel berufenen ist, erkennt, dass das Charisma und die Spiritualität
des Karmel in der Mitte seines vom lebendigen Gott berührten Herzens ein
Echo finden.
Der Prozess der Ausbildung entfaltet in ständiger Beziehung zum gemeinsamen
Charisma des Ordens nach und nach die karmelitanische Identität des einzelnen
zu dessen Reifung und zur Fortentwicklung des Ordens selbst.
21. Anteil an einer langen Geschichte
Vertraut werden mit der Erfahrung des Karmel bedeutet, sich auf eine bestehende
Geschichte einzulassen, in eine lange, menschliche, geistliche, kirchliche und
apostolische Erfahrung einzutreten, die der Zeit standgehalten hat. Auch wenn
wir unsere Auffassung von dieser Erfahrung neu ausdrücken, neu interpretieren
und vertiefen müssen, brauchen wir damit nicht immer wieder von neuem beginnen.
Eine solche fortwährende Neuformulierung wird dem Einzelnen weiten Raum
lassen, mit seinen Gaben zur Bereicherung, Entwicklung und Erneuerung des Lebens
im Orden beizutragen.33
22. Eine gemeinsame Berufung
Jeder Karmelit hat Anteil an der einen und gleichen Berufung zum Karmel, auch
wenn sie auf verschiedene und sich ergänzende Weise verwirklicht wird,
entsprechend der Berufung und den Gaben eines jeden einzelnen. Alle haben die
gleiche Ordensprofess, ob sie geweiht sind oder nicht.34
Deshalb ist die Grundausbildung zum Leben im Karmel für alle gleich. Sie
wird dann durch die entsprechende und spezifische Vorbereitung auf die verschiedenen
Ämter und Dienste ergänzt.35
B. Kontemplation: das Herz des karmelitanischen Charismas
23. Auf dem Weg zum Ziel
„Die Kontemplation ist somit Grundlage für den inneren Weg des Karmeliten.
Er beginnt mit der freien Initiative Gottes, der uns berührt und umformt.
So führt er uns zur Liebesvereinigung mit sich und richtet uns auf, dass
wir diese umsonst geschenkte Liebe genießen und in seiner liebenden Gegenwart
leben ... Diese Liebe befreit uns von einem menschlich begrenzten und unvollkommenen
Denken, Lieben und Handeln und wandelt es auf göttliche Weise um.“36
Sie befähigt uns “nicht nur nach dem Tod, sondern auch in diesem
sterblichen Leben die Macht der göttlichen Gegenwart und die Freude der
himmlischen Glorie im Herzen zu genießen und in der Seele zu erfahren.“37
Die kontemplative Dimension ist nicht nur eines unter den anderen Elementen
des Charismas (Gebet, Brüderlichkeit und Dienst), sondern sie ist das dynamische
Element, das alle eint.
Im Gebet öffnen wir uns für das Wirken Gottes, der uns durch all
die großen und kleinen Ereignisse unseres Lebens immer mehr umformt. Dieser
Umformungsprozess hilft uns, authentische brüderliche Beziehungen aufzubauen
und zu erhalten, er macht uns zu Dienst, Mitleiden und Solidarität bereit
und befähigt uns, dem Vater die Sehnsüchte und Ängste, Hoffnungen
und Schreie der Menschen hinzuhalten.
Die Brüderlichkeit ist der Prüfstein für die Echtheit einer
sich ereignenden Umformung. Wir entdecken uns als Brüder auf dem Weg zum
einen Vater, wir teilen die Gaben des Geistes und stützen uns gegenseitig
in den Mühen auf unserem Weg.
Aus dem freien und uneigennützigen Dienst, den nur der kontemplative Mensch
schenken kann, erhalten wir unerwartete Hilfen für unseren geistlichen
Weg. Dies lässt uns in der Bereitschaft wachsen, die Kraft des Geistes
wirken und uns, in andauernder Erneuerung, immer wieder zum Dienst an den Brüdern
und Schwestern senden zu lassen.
24. Ein innerer Weg
In dieser vom Geist gewirkten, fortschreitenden und ständigen Umformung
in Christus, zieht uns Gott auf einem inneren Weg an sich.38
Dieser Weg führt vom zerstreuten äußeren Leben zur innersten
Zelle unseres Seins, wo er wohnt und uns mit sich vereint.39
Dies erfordert eine ständige und grundlegende Hingabe unser ganzes Leben
hindurch. Sie ermöglicht uns, durch Gottes Gnade und im Hinblick auf seine
Heiligkeit und Güte, wie sie uns in Fülle in seinem Sohn offenbart
und geschenkt worden ist, unser Leben zu überdenken, zu beurteilen und
neu auszurichten.
Dieser Prozess ist weder geradlinig noch gleichförmig. Er beinhaltet kritische
Zeiten, Krisen in Reifung und Wachstum und Phasen, in denen neue Entscheidungen
getroffen werden müssen, vor allem, wenn unsere Grundentscheidung für
Christus erneuert werden muss. Dies gehört alles zur Läuterung in
der Tiefe unseres Seins, damit wir Gott gleichgestaltet werden können.40
Der innere Prozess, der zur Entwicklung der kontemplativen Dimension führt,
lässt in uns eine Haltung wachsen, die für die Gegenwart Gottes im
Leben offen ist; er lehrt, die Welt mit seinen Augen zu sehen, er drängt
uns, sein Angesicht zu suchen und ihn in den Schwestern und Brüdern wiederzuerkennen,
zu lieben und ihm zu dienen.41
25. Ein Weg nach dem Evangelium
Für den Karmel ist das Leben nach den evangelischen Räten der geeignetste
Weg, um der vollen Umformung in Christus entgegenzugehen.42
Er hat diese Lebensform für sich gewählt und empfiehlt sie auch seinen
Jüngern, damit sie über sich selbst hinauswachsen und sich für
das Geschenk Gottes öffnen können, der sie für die Errichtung
seines Reiches mit sich gleichförmig macht.
Der Gehorsam im Hören auf Gottes Willen und dessen personale Verwirklichung
ermöglichen uns, die wahre Freiheit zu finden.43
Im Leben der Armut erkennen und akzeptieren wir unsere Zerbrechlichkeit und
unser Nichts, ohne diese kompensieren zu wollen; statt dessen öffnen wir
uns immer mehr für den Reichtum, den Gott uns schenkt.44
Die Keuschheit befreit unsere Fähigkeit zu lieben von Egoismus und Ichbezogenheit,
damit wir, angezogen von Gottes Zärtlichkeit, frei werden für affektive
und vertraute Beziehungen zu Gott, unseren Brüdern, zu jedem Menschen und
zur Schöpfung.45
Deshalb ist ein Leben nach den evangelischen Räten kein Verzicht, sondern
ein Weg, in der Liebe zu wachsen46
und so die Fülle des Lebens in Gott zu finden.
26. Ein asketischer Weg
Der Umformungsprozess in Christus erfordert unsererseits das ständige
Bemühen „Gott ein heiliges und von jedem Makel der Sünde gereinigtes
Herz anzubieten. Dieses Ziel erreichen wir, wenn wir vollkommen und in Carith
sind, das heißt in jener Liebe (in Charitate) von der der Weise
sagt: ‚’Die Liebe deckt alle Vergehen zu‘ (Spr 10, 12b).“47
Dieser Prozess kann sich nicht verwirklichen, wenn er einfach auf Willenskraft
beruht und von der Erfahrung der umformenden Liebe Gottes getrennt ist, die
durch den Geist in unsere Herzen ausgegossen ist48
und uns Kraft für die Antwort auf die radikale Einladung Christi gibt:
„Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um
meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“49
Jedoch ist „unsere Hingabe und die Übung der Tugenden“50
erforderlich. Unterstützt durch die Gnade lassen wir uns auf eine fortschreitende
Umformung ein: durch die Begegnung mit Christus und den Prozess der Vereinigung
mit ihm weicht der alte Mensch dem neuen Menschen, wir ziehen Christus an51
und bringen die „Frucht des Geistes“52
hervor.
27. Auf dem Weg durch die Wüste
Die ersten Karmeliten versuchten dieses asketische Vorhaben, entsprechend der
Spiritualität ihrer Zeit (12.-13. Jh.), durch den Rückzug in die Einsamkeit
zu verwirklichen. Mehr als eine materielle Wirklichkeit war ihre „Wüste“
ein „Ort des Herzens“, der Kontext einer einzig auf Gott ausgerichteten
lebensspendenden Dynamik. Sie wollten Jesus Christus nachfolgen, der sich selbst
verleugnete und entäußerte, bis er nackt am Kreuz starb. Doch als
Menschen mit starkem Glauben erwarteten sie das Geschenk des neuen und ewigen
Lebens, die Frucht der Auferstehung des Herrn.53
Auch wenn sie ein Ort der Einsamkeit und Trockenheit ist, „blüht“
die Wüste54 und wird zum
Ort, an dem die Erfahrung der befreienden Gegenwart Gottes Brüderlichkeit
formt und zum Dienst drängt.
Auf den Spuren der ersten Eremiten gehen auch wir den Weg durch die Wüste,
der unsere kontemplative Dimension entfaltet. Dafür überlassen wir
uns einem kontinuierlichen Prozess der Selbstentäußerung oder Selbstentleerung,
damit wir Christus anziehen und von Gott erfüllt werden. Dieser Prozess
„beginnt, wenn sich jemand Gott anvertraut, gleich, auf welche Art und
Weise er sich uns nähert.“55
Wir gehen jedoch nicht von uns aus in die Wüste: der Heilige Geist ruft
und lockt uns hinein, er stützt uns im geistlichen Kampf, legt uns die
Waffenrüstung Gottes an56,
er schenkt uns seine Gaben und die göttliche Gegenwart, bis wir ganz in
Gott umgeformt sind und etwas vom Glanz seiner unendlichen Schönheit wiederspiegeln.57
Neben dem Symbol der Wüste hat die Tradition des Karmel auch mit anderen
Vergleichen und Bildern diesen Prozess der Umformung beschrieben: „puritas
cordis“ (Reinheit des Herzens), „vacare deo“ (frei
sein für Gott), Aufstieg zum Berg Karmel, Dunkle Nacht ...
28. Wege zur Kontemplation
Nicht nur theoretische Kenntnisse über den kontemplativen Prozess und
ein zeitgemäßes Verständnis der Gelübde und der Spiritualität
des Karmel sind wichtig, sondern auch die Aneignung und Verwirklichung eines
kontemplativen Lebensstils und einer kontemplativen Haltung.
In der ständigen Auseinandersetzung mit dem Wort Gottes und im Gebet können
wir lernen, Gott im Alltag zu begegnen und uns ihm auf dem Weg der inneren Umformung
anzuvertrauen. Dann können wir Erfolg und Freude als Geschenk sowie Krise
und Wüste als Zeiten des Wachsens so annehmen, dass die Grundwerte karmelitanischen
Lebens harmonisch integriert werden.
C. Gebet: Die Erfahrung des umformenden Gottes
29. Das Aufeinandertreffen zweier Wege
In der Tradition des Karmel wurden Kontemplation und Gebet oft identifiziert.
Trotzdem ist es wichtig, in besonderer Weise vom Gebet zu sprechen, denn es
ist die Tür zur Kontemplation.58
Gott kommt und sucht uns. Er zieht uns an sich,59
und der Geist drängt uns, unsere Aufmerksamkeit auf ihn zu richten60,
um seine Stimme zu hören, sein Wort aufzunehmen und uns für sein umformendes
Wirken zu öffnen. Unsere Suche nach Gott ist Antwort auf seine Stimme und
das freundschaftliche Gespräch61,
das unser Gebet nährt, ist sowohl Initiative Gottes als auch Frucht menschlichen
Mitwirkens.
Das Gebet ist jedoch vor allem vom Heiligen Geist gewirkt, der in uns wohnt.
Er sagt uns nicht nur, was zu tun und sagen ist, denn „wir wissen nicht,
worum wir in rechter Weise beten sollen“62,
sondern er führt uns in das Gebet Jesu ein, das der auserwählte Sohn
in einem andauernden Dialog der Liebe an den Vater63
richtet. Das Gebet „dringt bis zum Herzen des Wortes in den Schoß
des Vaters.“64 Jesus
ist in seinem Gebet bei uns und führt uns allmählich zur vollen Gemeinschaft
mit sich und dem Vater im Heiligen Geist. Die Treue im Hören auf sein Wort
und im tätigen Beachten seines Gebotes der Liebe öffnet uns für
das Kommen der Heiligsten Dreifaltigkeit, die in uns Wohnung nehmen will.65
30. Der Begegnung einen Weg bereiten
Die Regel lädt uns ein, allein in der Zelle zu bleiben66,
die „den Sohn der Gnade wie die Frucht ihres Schoßes aufnimmt, ihn
ernährt, umarmt und zur Fülle der Vollkommenheit führt, indem
sie ihn für die Vertrautheit mit Gott würdig macht“67.
Diese Zelle ist nicht nur eine äußere Struktur, sondern entsteht
im eigenen Innern: dort wohnt Gott68,
und dorthin lädt er uns ein, ihn zu suchen.69.
Von Anfang an lädt uns unsere spirituelle Tradition ein, uns auf „die
Stille eines einsamen Versteckes“ einzulassen.70
Denn man muss schweigen können, um die Stimme des Herrn zu hören und
sein Wort zu verstehen: „Ein Wort sprach Gott und dieses war sein Sohn.
Er sprach es in ein tiefes Schweigen, und in der Stille wird es von der Seele
gehört“71. Um die
Sprache Gottes zu lernen und um eine Antwort stammeln zu können, müssen
wir unsere geistlichen, psychischen und physischen Sinne dem leisen Säuseln
seiner Stimme72 und seinem
blendenden Licht73 anpassen.
Unsere Schwestern und Brüder, die Lehrer des geistlichen Lebens, haben
uns dafür zahlreiche Ratschläge hinterlassen.
Das Schweigen, das wir pflegen müssen, ist keine Unfähigkeit oder
Unmöglichkeit zur Kommunikation, es ist vielmehr die Fülle des Dialogs,
bei dem Worte oft überflüssig und hinderlich sein können. Einsamkeit
bedeutet nicht Isolation, sondern sie wird erfüllt von Gottes Gegenwart
und sendet uns umgeformt in die Gemeinschaft der Brüder zurück.
31. Allein vor Gott
Das Gebet ist von seinem Wesen her eine persönliche und dialogische Beziehung
zwischen Gott und dem Geschöpf. Wir sind eingeladen, sie zu pflegen und
Zeiten und Orte zu finden, um beim Herrn zu bleiben.74
Eine freundschaftliche Beziehung kann nicht wachsen, wenn wir „nicht regelmäßig
allein mit dem sprechen, von dem wir uns geliebt wissen“.75
Unsere Tradition empfiehlt uns verschiedene Gebetsformen. Die Regel rät
uns das betende Hören des Wortes, das „mit seinem ganzen Reichtum“
im „Mund“ und im „Herzen“ wohnen soll.76
Hervorragendes Vorbild für dieses Gebet ist Maria, die betende Frau, denn
sie „bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen.“77
Von Elija lernen wir, in Gottes Gegenwart zu leben.78
Wenn wir uns an diese Gegenwart gewöhnen und sie schweigend erfassen, beginnen
wir, „gewissermaßen das Wesen Gottes wie die Luft einzuatmen“.79
Über Formen hinaus ist es jedoch wichtig, eine tiefe freundschaftliche
Beziehung zu Christus zu pflegen, denn die Vollkommenheit im Gebet „besteht
nicht im vielen Denken, sondern im vielen Lieben“80;
darin schwingt sich das geliebte Herz zu Gott auf81
und ruht in ihm.
32. Gemeinsam vor Gott
Das in Gemeinschaft gefeierte liturgische Gebet war für die Tradition
des Karmel immer Quelle des geistlichen Wachstums und daher auch der inneren
Umformung. Wenn nicht gerade vom Zeitpunkt her, so doch spirituell gesehen,
ist das Zentrum des von den Zeiten der Liturgie unterteilten Tages die in Gemeinschaft
gefeierte Eucharistie. Sie ist Ursprung und Höhepunkt des Lebens und Handelns
der Kirche.82
In ihr vereint uns der Herr mit seiner Hingabe an den Vater, „um durch
ihn, unseren Mittler, von Tag zu Tag tiefer in die Einheit mit Gott und untereinander
hineinzuwachsen“.83 Aus
der Begegnung mit Christus, dem Wort und Brot des Lebens, entspringt die Kraft,
die den Weg weitergehen lässt.84
Durch die Feier der Eucharistie werden wir ermuntert, anderen großzügig
zu begegnen und sie bereitwillig anzunehmen.
Die gemeinschaftliche Feier des Stundengebetes eint uns mit der Kirche im unaufhörlichen
Lob Christi für den Vater.85
Es wird zu unserer persönlichen und gemeinschaftlichen Weise, an der Heiligung
der Zeit und der Geschichte teilzuhaben.
„Das Gebet der karmelitanischen Gemeinschaft ist für die Welt ein
Zeichen der betenden Kirche“86
nach dem Beispiel Mariens, die mit den Jüngern im Abendmahlsaal versammelt
war.
Neben der Liturgie empfehlen uns die Konstitutionen auch andere Formen gemeinschaftlichen
Betens, so besonders die Lectio divina als eine Möglichkeit, die
Gotteserfahrung des eigenen geistlichen Weges mit anderen zu teilen87
und gemeinsam seinen Willen zu suchen.
33. Wege zum Gebet
Die verschiedenen Formen des Betens88
sollen gepflegt werden, besonders diejenigen, die der Tradition des Karmel wertvoll
sind: die Meditation, die Lectio divina, die Übung der Gegenwart
Gottes, das Stoßgebet, das Gebet der Stille und die Eucharistie als Quelle
und Höhepunkt der Beziehung zu Christus.
In der Gemeinschaft werden angemessene Zeiten und Orte für das Beten vorgesehen,
so dass jeder Bruder nach und nach zu beten lernt und einen eigenen Gebetsstil
entwickelt, der sein ganzes Leben durchdringt. „Das Gebet ist Leben, keine
Oase in der Wüste des Lebens“.89
Außerdem muss die gemeinschaftliche Feier der Eucharistie und des Stundengebetes
gewährleistet sein und betont werden, wie wichtig dabei eine treue Teilnahme
ist.
Schließlich soll ein äußeres wie inneres Klima der Stille
und ein einfacher Lebensstil geschaffen und gepflegt werden. Dies wird das Gebet
und die Betrachtung fördern.90
D. Brüderlichkeit: die Gotteserfahrung teilen
34. Der Weg, den die Regel weist
Der Verfasser unserer Regel, Albert, der Patriarch von Jerusalem, nennt die
Eremiten, an die er sich richtet, „fratres“.91
Dies bedeutet, dass wir berufen sind, unsere kontemplative Berufung nicht in
individualistischer Weise, sondern gemeinsam als Brüder zu leben. Die kontemplative
Haltung, die es uns ermöglicht, die Gegenwart Gottes in den Menschen und
im Alltag zu entdecken, hilft uns auch bei der Wertschätzung des Geheimnisses
eines jeden Mitgliedes der Gemeinschaft.92
Wir haben einen gemeinsamen, in unserer Regel beschriebenen Lebensentwurf,
dessen Hüter und Garant der Prior ist.93
Inspiriert vom Vorbild der Jerusalemer Urgemeinde schlägt die Regel einige
brüderliche Haltungen und einen Weg zur Festigung der konkret gelebten
Brüderlichkeit vor. Das Hören des Wortes94
und die gemeinsame Liturgie95,
in besonderer Weise das tägliche Zusammenkommen zur Feier der Eucharistie96,
das Teilen der materiellen und geistlichen Güter97
in der Sorge für das Wohl eines jeden einzelnen98
und die kritische Unterscheidung hinsichtlich des gemeinsamen Weges99,
die zusammen getroffenen wichtigen Entscheidungen100,
das Schweigen als „Übung der Gerechtigkeit“101,
der Aufbau von Beziehungen, die weder unterdrücken noch besitzergreifend
sind, sondern den anderen respektieren, die grundsätzliche Gleichheit,
das gemeinsame Mahl102 und
die Arbeit103 ... fördern
die karmelitanische Brüderlichkeit.104
35. Auf dem Weg zur Brüderlichkeit
„Noch bevor die Ordensgemeinschaft ein Gebilde des Menschen ist, ist
sie eine Gabe des Geistes.“105
Wie jede geistliche Gabe wird sie jeden Tag durch den Einsatz aller und eines
jeden einzelnen aufgebaut.
Deshalb muss das Bewusstsein einer gemeinsamen Berufung reifen und sich dann
in einem zusammen erarbeiteten, durchgeführten und reflektierten Projekt
konkretisieren.106 Die natürliche
Spannung zwischen dem gemeinsamen Vorhaben und dem persönlichem Weg wird
so fruchtbar gemacht für die Berufung aller, den Weg miteinander als Brüder
zu gehen.107
Unsere Mühe um die Verwirklichung der Brüderlichkeit ist eine Form
von Askese, die ständige Umkehr und Verzicht verlangt. Niemand soll von
anderen zu viel fordern, sondern vielmehr annehmen, was jeder schenken kann.108
Das tägliche Zusammenkommen in der Kapelle als der Mitte der einzelnen
Zellen ist ein Symbol für den ständigen Auftrag, das eigene Ich zu
überschreiten und den anderen entgegenzugehen, um mit ihnen Gemeinschaft
zu bilden: die Eucharistie gestaltet die einzelnen zu Brüdern um.109
Die Feier der Eucharistie, in der Brüderlichkeit aufgebaut, gefeiert und
zum Ausdruck gebracht wird, sendet uns dann wieder in die Mühen des Lebens
zurück, wo sich, gestärkt durch die Speise von Wort und Brot, gegenseitige
Hingabe und Annahme verwirklichen.
36. Propheten geschwisterlicher Beziehungen
Der gemeinsame Lebensauftrag und das Teilen der verschiedenen Zeiten des Hörens
auf das Wort, des Betens, des Feierns, der Brüderlichkeit und Gemeinschaft
drängen uns zu einem freien und freudigen Weitersagen der gemeinsamen Berufung
zur Heiligkeit und vollen Gemeinschaft mit Gott und den Menschen. Das brüderliche
Leben im Karmel wird so zur Verkündigung in der Welt.110
Unsere Brüderlichkeit wird zu einem Symbol und prophetischen Zeichen für
die Möglichkeit, in Gemeinschaft zu leben, auch wenn es etwas kostet.111
Die Karmeliten sind auch berufen, Fachleute des Gemeinschaftslebens112
zu werden und laden deshalb andere Schwestern und Brüder ein, ihr gemeinsames
Beten113 und Leben zu teilen.
Aus dem betenden Hören des Wortes erhalten sie Anregungen für eine
lebendige und prophetische Präsenz in den christlichen Gemeinden und in
der Welt. Aus dem Teilen der materiellen und geistlichen Güter erwächst
das Bedürfnis, jede Schwester und jeden Bruder an dem teilhaben zu lassen,
was der Herr umsonst geschenkt hat.114
37. Wege, die zur Brüderlichkeit führen
Zur Förderung eines authentischen brüderlichen Lebens ist die Annahme
und Aufmerksamkeit für die Brüder ebenso wichtig wie der ehrliche
und offene Dialog, das Interesse für ihr Leben und ihre Person, die gegenseitige
Begleitung auf dem geistlichen Weg sowie die Offenheit und Bereitschaft zur
Zusammenarbeit. Menschen unterschiedlichen Alters in einer Gemeinschaft sind
eine wichtig gegenseitige Bereicherung. Die Älteren und Kranken können
ein wertvoller Prüfstein für die Aufrichtigkeit der Motivationen der
Jüngeren sein, geben ihnen aber auch den Reichtum ihrer eigenen Lebenserfahrung
weiter. Die Jüngeren an ihrer Seite können wiederum für die Älteren
ein nötiger Ansporn zur Erneuerung sein und die Hoffnung auf Zukunft stärken.
Die Liebe zum gemeinsamen Leben, die aktive und kreative Teilnahme an den Gebetszeiten,
den Zusammenkünften, den Mahlzeiten und der Rekreation tragen zu einer
wachsenden Sensibilität für die Gemeinschaft bei.
Allmählich identifiziert sich der einzelne mit der Gemeinschaft und kann
gemeinsam gefällte Entscheidungen als die eigenen betrachten, auch wenn
er zunächst nicht voll damit einverstanden war.
Während die Anerkennung und Entfaltung der persönlichen Charismen,
Fähigkeiten und Begabungen als Wert bestehen bleibt, muss gleichzeitig
für die Übernahme einer apostolischen, missionarischen und berufsmäßigen
Aufgabe für, mit und im Namen der eigenen Gemeinschaft ausgebildet werden.
Im Umfeld der Gemeinschaft lernen wir, deren Dienst und Sendung zu teilen. In
der Aufgabe eines jeden einzelnen drückt sich die Sendung der ganzen Gemeinschaft
aus und wird darin konkret: in ihrem Namen und für sie arbeiten und handeln
wir.115
Jedoch genügt nicht nur die Identifikation mit der eigenen Gemeinschaft.
Es ist wichtig zu lernen, sich wirklich als Teil der eigenen Provinz und des
ganzen Ordens zu fühlen. Erfahrungen in anderen Gemeinschaften der Provinz
wie auch internationale Erfahrungen tragen zu einer allmählichen Identifikation
mit dem Orden, seiner Geschichte, seiner Tradition und seinem Leben bei und
pflegen eine Spiritualität der Gemeinschaft.
E. Dienst inmitten des Volkes: die Erfahrung Gottes führt zur Sendung
38. Anteil an der Sendung Christi in der Kirche
Die authentische Erfahrung Gottes in einer kontemplativen Gemeinschaft von
Brüdern führt notwendigerweise zur Aneignung der “Sendung Jesu,
der gesandt war, die Frohe Botschaft vom Reich Gottes zu verkünden und
den Menschen umfassend von Sünde und Unterdrückung zu befreien. Für
uns Karmeliten ist daher unsere Verwurzelung im Apostolat ein integraler Bestandteil
unseres Charismas.“116
Als Karmeliten sind wir in der Kirche, für die Kirche und zusammen mit
der Kirche im Dienst am Reich Gottes.117
Während wir versuchen, die Kirche mit unserem spezifischen Charisma zu
bereichern, arbeiten wir mit ihr und in voller Gemeinschaft mit allen Mitgliedern
der christlichen Gemeinde am Aufbau des einen Leibes Christi.118
Diese Gemeinschaft konkretisiert sich in der Eingliederung in die Ortskirche.119
39. An der Seite derer, die Gott suchen
Wir Karmeliten teilen die Sehnsucht der heutigen Menschen nach Gott. Diese
Sehnsucht nach Spiritualität überschreitet die Grenzen des Christentums
und findet sich oft auch verborgen in Menschen, die sich zu keiner Religion
bekennen. Wo immer eine solche Sehnsucht nach Spiritualität da ist, müssen
wir als Karmeliten dies aufgreifen können und mit allen, die Gott suchen,
ins Gespräch kommen. Wir können dazu beitragen, dass jeder Mensch
in der eigenen Erfahrung „heilige Orte, mystische Räume“120
ent-decken kann, in denen Gott uns entgegen kommt.121
Dem geistlichen Erbe des Ordens treu, richten wir unsere vielfältigen
Aufgaben auf die wachsende Suche nach Gott aus. Wir laden die Frauen und Männer
unserer Zeit zur Erfahrung der Kontemplation ein und teilen mit ihnen den Reichtum
unserer geistlichen Tradition.122
Unser Leben in kontemplativer brüderlicher Gemeinschaft wird so zum glaubwürdigen
Zeugnis dafür, dem ganz Anderen und den anderen in Stille, Annahme und
im aufrichtigen Gespräch zu begegnen.123
40. Brüder inmitten des Volkes
Das brüderliche Leben an sich ist schon Verkündigung und Herausforderung.124
Eine lebendige Gemeinschaft ist anziehend und prophetisch und stellt ein Zeichen
der befreienden Gegenwart des Herrn inmitten der Seinen dar.
Durch unseren offenen und einladenden Lebensstil teilen wir mit anderen die
in Brüderlichkeit gelebte Gemeinschaft des Herzens und die Erfahrung Gottes.125
Ein solches Leben „inmitten des Volkes“ ist ein prophetisches Zeichen
für neue, freundschaftliche und geschwisterliche Beziehungen. Es ist ein
prophetisches Zeichen für Gerechtigkeit und Frieden in der Gesellschaft
und unter den Völkern. Es ist eine „Entscheidung, auf der Seite der
‚’minores‘ der Geschichte zu stehen, um von ihnen her ein
Wort der Hoffnung und der Befreiung zu finden - und dies mehr durch Taten als
mit Worten“.126
Wie schon in ihrer Regel erwähnt, machen sich die Karmeliten auf den Weg,
um der vom Geist des Herrn gewiesenen Richtung zu folgen.127
Sie gehen den Weg mit allen, die leiden, mit denen, die hoffen und sich für
den Aufbau des Reiches Gottes einsetzen, und sie nützen jedes geeignete
Mittel, um Geschwisterlichkeit zu fördern.
41. Brüder mit einer Sendung
Wir müssen lernen, „die geweihten Bezirke zu verlassen“ und
„außerhalb des Lagers“, auf „neuen Marktplätzen“
zu verkünden, dass Gott die Menschen von Herzen und für immer liebt.128
Natürlich erfordert jede Situation eine angemessene Antwort auf die örtlichen
Nöte und Bedürfnisse. Durch ein kontinuierliches Bestreben, das Evangelium
und unser Charisma zu inkulturieren, werden sich unsere Lebensform und Spiritualität
in Haltungen und Handlungen übertragen lassen, die unserem Karmelit-Sein
Ausdruck verleihen können.129
Jede Kultur, auf die wir uns einlassen, bereichert unser Verständnis der
Botschaft des Evangeliums und unseres Charismas sowie die Art und Weise, diese
zu leben, denn indem wir evangelisieren, werden wir selbst evangelisiert. Wenn
wir Christus zu den anderen bringen, finden wir in ihnen seine Gegenwart.
42. Die Sendung ad gentes
„Geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern;
tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt
sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“130
Diesem Auftrag Christi gehorsam, erkennt und fördert der Orden die Weiterführung
einer langen missionarischen Tradition, die ihren Höhepunkt in der Ernennung
der Hl. Therese von Lisieux zur Patronin der Missionen gefunden hat und vertraut
„darauf, dass die Sendung ‚‚’ad gentes‘ die Mitte
des karmelitanischen Charismas auf neue Weise sichtbar macht.“131
„Missionarische Tätigkeit ist nichts anderes und nichts weniger
als Kundgabe oder Epiphanie und Erfüllung des Planes Gottes in der Welt
und ihrer Geschichte.“132
Sie ist die „wichtigste und heiligste Aufgabe der Kirche“133,
weil die ganze Kirche von ihrer Natur aus missionarisch ist.
Aus dem ausdrücklichen Auftrag des Herrn, aus den vielen expliziten Erklärungen
der Kirche und aus der Tradition des Ordens ergibt sich klar, dass die missionarische
Tätigkeit ad gentes für uns Karmeliten heute nicht nur eine
Möglichkeit, sondern eine wahre Verpflichtung und auch ein Privileg ist.
„Das unaufhebbare missionarische Bestreben, das das geweihte Leben unterscheidet
und kennzeichnet“134,
muss deshalb gefördert und vorangetrieben werden.
43. Propheten der Gerechtigkeit und des Friedens
Die kontemplative Dimension des karmelitanischen Lebens ermöglicht es,
die Spuren der Gegenwart Gottes in der Schöpfung und in der Geschichte
als Geschenk zu erkennen und verpflichtet uns, den Heilsplan Gottes für
die Welt zu verwirklichen. Der authentische kontemplative Weg befähigt
uns zur Erkenntnis der eigenen Zerbrechlichkeit, Schwäche und Armut - mit
einem Wort, der Nichtigkeit der menschlichen Natur: alles ist Gnade. Diese Erfahrung
schafft Solidarität mit allen, die in irgendeiner Situation von Entbehrung
und Ungerechtigkeit leben. Wenn wir uns von den Armen und Unterdrückten
anfragen lassen, werden wir immer mehr umgeformt und beginnen, die Welt mit
den Augen Gottes zu sehen und mit seinem Herzen zu lieben.135
Mit ihm hören wir den Schrei der Armen136
und bemühen uns, dabei seinen Einsatz, seine Sorge und sein Mitleid für
die Letzten zu teilen.
Dies drängt uns zu einem prophetischen Wort angesichts der in der heutigen
Mentalität gegenwärtigen individualistischen und subjektivistischen
Übertreibungen, der vielfältigen Formen von Ungerechtigkeit und Gewalt
zwischen einzelnen und zwischen Völkern.137
Der Einsatz für die Gerechtigkeit, den Frieden und die Bewahrung der Schöpfung
sind keine möglichen Optionen, sondern eine dringliche Notwendigkeit und
Herausforderung, aus denen heraus die kontemplative und prophetische Gemeinschaft
des Karmel, nach dem Beispiel Elijas138
und Marias139 ein klares
Wort der Verteidigung für die Wahrheit und den Plan Gottes mit den Menschen
und der Schöpfung sagen muss. Wir haben etwas zu sagen, ausgehend von unserem
eigenen brüderlichen Lebensstil, der nach den Weisungen der Regel140
auf gerechten und friedlichen Beziehungen beruhen soll und den unsere Tradition
auf die Erfahrung des Elija zurückbezieht, der am Karmel eine auf Gerechtigkeit
und Frieden gegründete Gemeinschaft errichtet habe.141
44. Die Erinnerung an Maria lebendig halten
Die Wiederentdeckung der marianischen Tradition des Karmel ermutigt uns heute,
allen, die Maria, dem leuchtenden Vorbild der Jüngerschaft, eine besondere
Rolle im geistlichen und kirchlichen Leben zuerkennen, unseren bescheidenen
Dienst anzubieten.142 Wir
wollen die Erneuerung einer authentischen Mariologie fördern, die auf der
Hl. Schrift basiert, und Liturgie, Ökumene und Anthropologie berücksichtigt.143
Außerdem müssen wir unsere marianische Tradition kritisch überprüfen
und eine neue Sprache und neue Ausdrucksformen für unsere Beziehung zu
Maria auf unserem geistlichen Weg finden.
45. Wege, die zum Dienst führen
Unser apostolischer Dienst ist eine zu wichtige Sache, um ihn der Improvisation,
der Spontaneität oder Verzettelung zu überlassen.144
Die Ausbildung zum Dienst, einem wesentlichen Element des Charismas, wird mit
derselben Sorgfalt durchgeführt wie die zur Kontemplation, zum Gebet und
zur Brüderlichkeit.
Deshalb soll eine Atmosphäre der Stille und Umkehr geschaffen werden,
in der sich Herz, Augen und Verstand öffnen können, denn wer vom Wort
Gottes erleuchtet ist, kann die Zeichen der Zeit lesen, auf die anderen und
die Geschichte hören und für sein Lebensumfeld offen sein. Um eine
unnötige Verzettelung unseres Dienstes zu vermeiden, müssen wir planen
lernen, das heißt, die wirklichen Notwendigkeiten herausfinden, um mit
einem gemeinsam ausgearbeiteten Plan und geeigneten Mitteln die erkannten Ziele
zu erreichen. Wir müssen verfügbar und frei sein, damit wir dorthin
gehen können, wohin uns der Geist führt.
Die Hinführung zu einem Zugehörigkeitsbewusstsein zur Kirche ist
unumgänglich. Dies beinhaltet sowohl die Entwicklung von Liebe und Interesse
für die Kirche und ihre Sendung als auch die Zusammenarbeit mit anderen
im Dienst am Reich Gottes.
Die fachliche, kulturelle und theologische Ausbildung muss der ganzheitlichen
Entwicklung der Person und der Vorbereitung auf einen Dienst angemessen sein
und zum Gespräch mit der Welt des Geistes, der Wissenschaft und Kultur
befähigen. In diesem Sinn soll auch die Kenntnis und der Umgang mit den
Medien und den sozialen Kommunikationsmitteln gefördert werden.
Die Sensibilität für die Armen, die Kranken, die Außenseiter,
die Randgruppen sowie für die Bewahrung der Schöpfung sind Werte,
die weiterentwickelt und in dynamischer Weise realisiert werden müssen,
damit sie in einen entsprechenden Lebensstil umgesetzt werden können.
F. Elija und Maria
46. Auf den Spuren des Propheten Elija
Einige Pilger, die aus dem Abendland in das Heilige Land kamen, wählten
den Karmel als Ort für ihre eremitische und brüderliche Erfahrung.
Sie ließen sich in der Nähe des nach Elija benannten Brunnen nieder145
und knüpften damit an eine lange Tradition eremitisch-monastischer Präsenz
an.
An diesem Ort ist die Erinnerung an den Propheten, der voll Eifer für
den Herrn ist und dessen Wort wie eine Fackel leuchtet, noch lebendig; der Prophet,
der in Gottes Gegenwart lebt, immer bereit, ihm zu dienen und sein Wort zu befolgen;
der Prophet, der dem Volk den wahren Herrn zeigt, so dass es nicht mehr nach
zwei Seiten schwankt; der Prophet, der die Seinen anspornt, ihr Leben ganz auf
Gott auszurichten; der Prophet, der die Stimme Gottes und den Schrei der Armen
hört und die Rechte des Einen und die seiner Auserwählten, der Benachteiligten,
zu verteidigen weiß.
Die Karmeliten erinnern sich seiner und in gewisser Weise leben sie die Erfahrung
des Propheten neu: das Verbergen in der Wüste während der Dürre
und die Herausforderung durch die falschen Propheten eines Götzen, der
kein Leben schenken kann; sie folgen ihm in den Spuren der Väter auf der
langen widrigen Reise durch die Wüste bis zum Berg Horeb, wo er Gott auf
neue und unerwartete Weise begegnet und versteht, dass er auch dort gegenwärtig
ist, wo er fern scheint. Sie teilen seine Sehnsucht nach Gerechtigkeit und fühlen
sich auf ihre Weise wie Elischa als Erben des Mantels, der durch die Flammen
des Feuerwagens vom Himmel gefallen ist.
47. Am Brunnen des Elija
Dort „beim Brunnen“146
setzten die Eremiten vom Karmel ihre ersten Schritte auf dem Weg, der bis zu
uns führt, entlang der Straßen, die ihnen die „Karte“
der Regel des Hl. Albert aufzeigte. Elija wurde so für sie und die Brüder
nach ihnen derjenige, der zuerst das Lebensideal verwirklichte, das sie zum
Verlassen ihrer Heimat bewegt hatte. In gewisser Weise fühlten sie sich
als seine Söhne, als Erben eines geistlichen Reichtums, den sie auf unterschiedlichen
Wegen empfangen haben.
Deshalb sammelten sie die jüdischen und christlichen Erzählungen
über Elija. Sie interpretierten sie auf eigene Weise und machten sie sich
zu eigen. Elija, der schon in der monastischen Tradition als der erste Mönch
und Vorbild aller, die kontemplativ leben, gesehen wurde, ist nach und nach
für die Karmeliten zum Prototyp des Mystikers geworden – er, der
Prophet, der das Lob Gottes singen und es der Gemeinschaft seiner Gefolgsleute
lehren konnte, der Anwalt der Rechte Gottes und der große Streiter für
die Verteidigung der Benachteiligten. Die einstigen Karmeliten wie auch die
heutigen berufen sich auf Elija als ihren „Vater“, nicht im historischen
oder physischen Sinn, sondern aufgrund der Werte, die er verkörpert.
48. Von Maria auf dem Weg geführt
Die ersten Karmeliten weihten ihre Kapelle Maria, der Mutter des Herrn, und
erwählten sie damit zu ihrer Patronin. Sie vertrauten sich ihr an und weihten
ihr ganzes Leben ihrem Dienst und ihrem Lob, das sich mehr im Leben als durch
Rituale verwirklicht.147
Die Karmeliten haben in ihrer Geschichte die zuvorkommende und ständige
Gegenwart ihrer Mutter und Patronin erfahren und besungen. Maria, der mystische
Stern des Berges Karmel, beschützt, bekleidet und leitet ihre Kinder auf
den Wegen, die zur Freude der umformenden Begegnung mit Gott führen148.
Sie, die als erste die volle Gemeinschaft mit Gott in Christus erlebt hat, hilft
uns, die Schönheit unserer Berufung zu entdecken und begleitet uns beim
mühevollen Aufstieg „zum Berg, der Christus ist“.149
Das Skapulier ist Zeichen und Erinnerung an diesen Schutz und daran, dass wir
uns ihr anvertraut haben. Ihre Feste sind Gelegenheiten, dem Herrn für
das Geschenk Mariens zu danken, die „mehr Mutter als Königin“150
ist.
49. Mit Maria auf dem Weg
Auf ihrem Weg zu Gott sehen die Karmeliten in der reinsten Jungfrau die Schwester
und die neue Frau, die das Wort hört und danach handelt und sich durch
das Wirken des Geistes umformen lässt. Als Pilgerin im Glauben wird sie
zum Zeichen dafür, was wir in der Kirche sein wollen.151
Die junge Frau, die in Nazareth das Wort des Engels hört und das Wort
Gottes annimmt, führt uns in das Geheimnis des Sohnes Gottes ein und lehrt
uns, dem Geist zu folgen, der uns ganz dem Willen des Vaters entsprechen lässt.
Wenn sie zu Elisabeth eilt, lehrt sie uns den brüderlichen Dienst und die
Liebe, wesentliche Grundlagen jeder brüderlichen Gemeinschaft. Wenn sie
uns in Bethlehem das Gotteskind zeigt, lädt sie uns ein, in jeder Situation
unseres Lebens, „eine andere Mutter Gottes“152
zu werden. Mit dem Kind und dem hl. Josef auf der Flucht nach Ägypten zeigt
sie den Weg der Askese und der Läuterung als notwendige Voraussetzung für
die kontemplative Erfahrung Gottes. Maria, die alles in ihrem Herzen bewahrt
und betrachtet, lehrt uns, die Zeichen der Gegenwart Christi im Alltag des Lebens
zu suchen und zu erkennen und in der Verwirklichung seines Wortes Jünger
des Herrn zu werden. In Kana ist sie aufmerksam für die konkrete Not; sie
zeigt uns Jesus als den einzigen, der den neuen Wein des Heils schenkt, und
lädt uns ein, alles zu tun, was er uns sagt. Unter dem Kreuz lehrt sie
uns, bis zur letzten Konsequenz treu zu bleiben. Von den Jüngern als Mutter
aufgenommen wird sie zum Modell der betenden Kirche, die immer bereit ist, das
Geschenk des Geistes anzunehmen und zu teilen.
Die Karmeliten leben eine vertraute und familiäre Beziehung mit Maria,
die ihnen als Mutter und Schwester im persönlichen wie brüderlichen
Leben nahe ist.
33 Vgl. MR 12; Konst. 120; Der Karmel:
ein Ort, eine Reise 4.6.
53 Auch der von ihnen gewählte
Ort mit den um das Oratorium verteilten Zellen könnte ein Ausdruck für
das Wunder der in der Wüste des Lebens durch die Gegenwart des Auferstandenen
vollbrachten Wiedergeburt sein. Zeugnis dafür gibt auch der liturgische
Ritus vom Hl. Grab, der lange im Orden gefeiert wurde.
60 Vgl. Dominikus v. Hl. Albert, Exercitatio
24: „Die heilige Anbetung pflegen besteht in einer wahren, totalen und
einer gegenwärtigen Aufmerksamkeit für Gott“.
117 Vgl. Konst. 21. Die Liebe zur
Kirche und zu ihrer Sendung ist eine Konstante im Karmel; für alle zitieren
wir: Maria Magdalena v. Pazzi, Renovatione della Chiesa; Therese vom Kinde
Jesu, Ms B, 2v- 3v.
143 Vgl. Marialis cultus 29-39; für
den biblischen Aspekt vgl. besonders Therese v. Kinde Jesu, Dernières
entretiens, 21. August, 3; das Gedicht „Pourquoi je t’aime, o
Marie!“(PN 54).
148 Vgl. II. Präfation der Votivmesse
U.L.Frau v. Berge Karmel.
149 Vgl. Tagesgebet des Gedächtnisses
unserer lieben Frau vom Berge Karmel; vgl. Paul VI., Allocutio 22 Junii 1967,
in AAS LIX (30 Sept 1967) n. 12, 779.
150 Therese v. Lisieux, Dernieres
entretiens 21.8.3.
151 Vgl. I. Präfation des Hochfestes
U.L.F. v. Berge Karmel.
152 Titus Brandsma, Vortrag auf dem
marianischen Kongress in Tongerloo (August 1936), in: ders., Das Erbe des
Propheten, Köln 1958, 34; vgl. auch ders., Carmelite mysticism. Historial
Sketches, Chicago 1936, Lecture IV, 52-53.