Im Jahr 1988 hat der Orden nach der durch das II. Vatikanische Konzil bewirkten
Erneuerung seine erste Ratio Institutionis (RIVC) veröffentlicht. Dieses
Dokument war das Ergebnis eines langen und arbeitsreichen Weges von Befragungen,
Zusammenkünften und Überarbeitungen, bei denen der größte
Teil der Experten und Ausbilder des Ordens einbezogen wurde.
Ich glaube die Feststellung ist nicht übertrieben, dass die RIVC 1988 das
beste Dokument gewesen ist, das der Orden seit dem II. Vatikanum hervorgebracht
hat. Ich bin überzeugt, dass es einen Einschnitt im Verständnis und
in der Beschreibung unseres Charismas darstellt. Zum erstenmal wurde das Charisma
offiziell in seinen drei Elementen Kontemplation, Brüderlichkeit und Dienst
beschrieben und erkannt, dass es etwas Grundsätzlicheres gab, ein einigendes
Element, das als Erfahrung der Wüste beschrieben wurde. Diese Darstellung
des Charismas in der RIVC wurde nach und nach im Orden aufgenommen und schließlich
zur Grundlage der vom Generalkapitel 1995 approbierten Konstitutionen.
Neben unseren neuen Konstitutionen sind in der Kirche verschiedene wichtige
Dokumente veröffentlicht worden, so dass eine Überarbeitung unserer
RIVC notwendig wurde, die übrigens in jener RIVC (Nr.133) schon vorgesehen
war und in den Konstitutionen (Nr.129) vorgeschrieben ist. Im Jahre 1990 erschien
das Dokument über die Ausbildung in den Ordensgemeinschaften Potissimum
Instiutioni. Im Februar 1994 veröffentlichte die Kongregation für
die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des apostolischen
Lebens das Dokument Das brüderliche und schwesterliche Leben in Gemeinschaft.
Die Synode über das geweihte Leben präsentierte ihre Reflexionen im
nachsynodalen Schreiben Vita Consecrata (1996).
Nach dem Generalkapitel 1995 war die Überarbeitung der RIVC eine der ersten
Anliegen des Generalpriors P. Joseph Chalmers. Diese Aufgabe wurde mir als Generalrat
für die Ausbildung anvertraut. Um mir bei der Durchführung dieses
Dienstes für den Orden zu helfen, ernannte der Generalprior eine internationale
Kommission für die Ausbildung mit je einem Repräsentanten für
die folgenden geographischen Bereiche: Nordamerika (David McEvoy/PCM), Lateinamerika
(Tarsicio M. Gotay/Arag), Nordeuropa (Christian Körner/GerS), Mittelmeerraum
(Domenico Lombardo/Brun – für die ersten zwei Jahre und danach Giovanni
Grosso/Ita), Afrika (Jean Marie D’Undie/Ita-Con) Asien-Australien (Dionysius
Kosasih/Indi).
Die Kommission wählte folgende Arbeitsschritte für die Überarbeitung
der RIVC:
Jeder Vertreter organisierte in den zwei aufeinanderfolgenden Jahren je
ein Treffen der Ausbilder seiner Region, um durch das Studium der RIVC Änderungsvorschläge
und Verbesserungen des Textes zu erarbeiten.
Die internationale Kommission traf sich dann, um die Vorschläge zu
besprechen und darüber zu entscheiden.
Für die Redaktion des neuen Textes beauftragte die Kommission drei
seiner Mitglieder: Giovanni Grosso, Christian Körner und mich.
Der erste Entwurf des ersten Teils wurde an alle Provinziale und Ausbilder
im April 1998 versandt. Aus den eingegangenen Vorschlägen erarbeiteten
wir einen zweiten Entwurf, der Anfang 1999 verschickt wurde. Im Juni 1999
stellten wir den ersten Entwurf des zweiten und dritten Teils fertig und versandten
ihn.
Während der Generalkongregation vom 24. August - 3. September 1999
in Bamberg, Deutschland, habe ich den Entwurf der neuen RIVC vorgestellt.
Die Teilnehmer diskutierten ihn in kleinen Gruppen und machten ihre Verbesserungsvorschläge.
Die Ausbilder ihrerseits hatten während des internationalen Kongresses
in S. Felice del Benaco in Italien vom 28. September – 5. Oktober 1999
die Gelegenheit, das ganze Dokument zu studieren und Vorschläge für
die letzten zwei Teile zu formulieren.
Die Internationale Kommission für die Ausbildung traf sich unmittelbar
danach in Rom, um die eingegangenen Vorschläge auszuwerten.
Die Unterkommission für die Redaktion des Textes traf sich zum letzten
Mal im Dezember 1999 und erstellte den endgültigen Text, der dem Generalprior
und seinem Rat zur Approbation vorgelegt wird. Dazu haben wir Günter
Benker (GerS) zur Mitarbeit eingeladen. Den Index erstellte Christian Körner.
Als Basistext für die Erarbeitung des neuen Dokumentes hat die Unterkommission
die RIVC 1988 verwendet und dabei versucht, deren Struktur und Inhalt möglichst
zu bewahren. Gleichzeitig versuchte sie, einen weiteren Schritt in der Klärung
des Charismas zu gehen. Außerdem hat die Unterkommission bei der Überarbeitung
des Textes von 1988 folgende Kriterien angewandt:
sie berücksichtigte den Weg der Kirche und des Ordens von 1988 bis
heute sowie die neu veröffentlichten kirchlichen und karmelitanischen
Dokumente;
sie bezog die Erfahrungen und den Austausch der Ausbilder ein, vor allem
bei den regionalen Treffen und auf dem internationalen Kongress;
sie berücksichtigte die während der Generalkongregation in Bamberg
formulierten Vorschläge;
unter Beibehaltung der anthropologischen und psychologischen Prinzipien
der RIVC 1988 versuchte sie, diese besser in einen theologisch-spirituellen
Kontext zu integrieren;
sie versuchte, eine pädagogischere Sprache und Darstellung zu verwenden;
sie versuchte, ein Gleichgewicht zwischen den unterschiedlichen Mentalitäten
im Orden herzustellen.
Im Vergleich zur RIVC 1988 weist das neue Dokument zwei entscheidende Neuerungen
auf:
die Ausarbeitung der Darstellung des Charismas, die in der RIVC 1988 ein
eigenes Kapitel war (vgl. RIVC 1988, I. Gabe und Aufgabe des Ordens, 7-34),
wurde im Hinblick auf die Ausbildung entfaltet und in das Kapitel über
den Prozess der Ausbildung integriert;
eine karmelitanische Studienordnung (der dritte Teil der neuen RIVC), entstanden
aus der Notwendigkeit einer besseren und lebendigeren Kenntnis des Charismas
und der Tradition des Karmel.
Im vergangenen Sexennium gab es die Idee, eine Ratio Studiorum Carmelitarum
zu veröffentlichen. Unsere internationale Kommission für die Ausbildung
hat bereits zu Beginn ihrer Arbeit beschlossen, kein zweites Dokument herauszugeben,
sondern die Ratio Studiorum in die Ratio Institutionis einzufügen. Wir
sind uns bewusst, dass dieses Unterfangen nur ein erster Versuch ist, der ausgehend
von den Erfahrungen mit der neuen RIVC durch eine weitere Überarbeitung
bereichert werden kann. Das Ziel dieser Karmelitanischen Studienordnung soll
sein, sicherzustellen, dass überall im Orden alle Brüder in der Grundausbildung
den gleichen Standart einer soliden karmelitanischen Ausbildung erhalten. Natürlich
muss jede Provinz die Studienordnung an ihre konkrete Situation anpassen und
dabei einige Aspekte betonen und andere hinzufügen.
Ich möchte betonen, dass wir dieses Dokument nicht ausschließlich
für die Ausbilder und die Brüder in Ausbildung verfasst haben, sondern
auch mit der Hoffnung, dass es uns allen für unsere Weiterbildung dient.
Wir sind ja auf dem Weg zu einem Ideal, das wir nie ganz erreichen. Diese Absicht
wird schon in der Struktur des Dokumentes und in der Ausführung der Themen
deutlich. Ausdrücklich haben wir den ganzen Ausbildungsprozess in den Horizont
unseres Weges der Umformung gestellt, der das ganze Leben dauert und immer der
Unterstützung durch eine angemessene Formung bedarf.
Bei der Erarbeitung dieser neuen RIVC stellt mich am meisten zufrieden, dass
ich den größten Teil unserer Ausbilder und viele andere Mitbrüder
einbeziehen konnte. So kann ich sagen, dass die neue RIVC nicht nur die Meinung
der kleinen Unterkommission, die sie verfasst hat, widerspiegelt, sondern die
aller zur Zeit im Dienst der Ausbildung tätigen Mitbrüder im Orden.
Herzlich danke ich den Mitgliedern der internationalen Kommission und allen,
die auf irgendeine Weise mitgearbeitet haben. Jedoch möchte ich in besonderer
Weise meinen engsten Mitarbeitern Giovanni Grosso und Christian Körner
danken, die der Erstellung der neuen RIVC in den letzten drei Jahren viel Zeit
gewidmet haben.
Ich vertraue diese unsere Arbeit Maria, unserer Mutter und Schwester, an und
wünsche mir und bete, dass die neue RIVC uns hilft, die Schönheit
unserer Berufung wiederzuentdecken und uns dass sie uns ermutigt, uns auf unserem
Weg zum Gipfel des Berges immer mehr dem umformenden Handeln Gottes zu öffnen.
20. März 2000
Hochfest des hl. Joseph
Alexander Vella O.Carm.
Generalrat
Delegat für die Ausbildung
«Die „Reise“, im biblischen Sinn auch „Weg“
genannt, erinnert an die „peregrinatio hierosolymitana“ unserer
Väter nach Jerusalem sowie an ihre später erzwungene Rückkehr
nach Europa. Dieses Bild ist ebenso ein Hinweis auf den geistlichen Weg und
bezieht sich auf die Suche nach Gott, die Läuterung durch die Erfahrung
der Wüste und der dunklen Nacht, die Entscheidung für die Menschen,
mit denen wir leben, und unsere Zeitgenossen. Dieser Weg verpflichtet uns zur
Übernahme und Verwirklichung einer Sendung und eines Dienstes in der Kirche:
in den verschiedenen Formen der Diakonie, im solidarischen Einsatz für
Gerechtigkeit und Frieden mit allen Frauen und Männern guten Willens und
in Gemeinschaft mit allen, die auf ihrem Weg Geschwisterlichkeit und Liebe suchen.»
(Der Karmel: ein Ort, eine Reise in das dritte Jahrtausend, Schlussdokument
des Generalkapitels 1995, 3.5.)