Der äußere Lebenslauf des Alois Ehrlich bietet an sich nur wenige
Anhaltspunkte, die einer eventuellen Seligsprechung dienlich sind. Informationen
über sein Innenleben erhalten wir nur, wenn wir nach wichtigen Gesichtspunkten
seines Lebens fragen. Daher die erste Frage: Was war das eigentliche Fundament
seines Lebens? Die Antwort darauf drängt sich einem bei der Durchsicht
des von ihm hinterlassenen Schrifttums und der über ihn abgegebenen Zeugnisse
förmlich auf: Der Glaube. Der Glaube an Gott, der sich umschreiben
lässt als Interesse an Gott, Nachsinnen über Gott, Hören auf
Gott, Sprechen mit Gott, Orientierung am Wort Gottes, Ehrfurcht vor dem gegenwärtigen
Gott, Eingehen auf den Willen Gottes.
Es ist nicht viel, was wir aus den Jugendjahren des Franz Ehrlich wissen. Am
besten ist jedoch bezeugt seine kindliche Frömmigkeit. Es gibt ein
Zeugnis dafür, dass er und seine Brüder schon von den Eltern christlich
erzogen wurden. Anderseits wird berichtet, dass ihn der Unterricht seines Religionslehrers
sehr beeindruckt hat. Als Ministrant und später als Hilfsmesner verrichtete
er seinen Dienst in der Kirche - vor allem die Kreuzzeichen und Kniebeugen -
so exakt und andächtig, dass man ihn als einen »heiligen Aloisius«
bezeichnete. Verbürgt ist auch, dass er in seinen späten Jugendjahren
»stundenlang, vor einem Kruzifix knieend, mit ausgebreiteten Händen
zu beten« vermochte.
Auf stundenlanges und körperlich zu anstrengendes Beten kommt es nicht
an; das mag ihm zum Bewusstsein gekommen sein, als er nach zweijährigem
Aufenthalt im Kloster nervlich so überanstrengt war, dass man ihn zu einer
Erholungskur - im Frühjahr 1900 - nach Wörishofen schickte. Mitbrüder
sahen sein Nervenleiden verursacht durch zu strenges Fasten und durch Überanstrengung
bei Gebet und Arbeit. Dennoch belegte das Gebet auch weiterhin in seinem Leben
den ersten Platz und wurde offensichtlich noch inniger.
Dazu trug zweifellos ein außerordentliches Erlebnis bei, eine Vision,
die ihm am Nachmittag des 14. Oktober 1906 in seiner Zelle zu Bamberg
zuteil wurde. Blitzartig sah er im Sonnenlicht Gott als Herrn und Richter der
Welt in unvorstellbarer Herrlichkeit an sich vorüberziehen. Dieses Sonnenerlebnis
hat - wie er selbst einmal niederschrieb - bewirkt, dass er »täglich
Aug und Herz zum Himmel« erhob. Und wenn immer er die Sonne am Himmel sah,
ob zu Hause oder auf Reisen, war er davon überzeugt, dass Gott oder Christus
bei ihm sind und ihn begleiten und beschützen. Und wenn etwa nachts von
einer Sonne nichts zu sehen war, dann stellte er sich beim Anblick des Mondes
die Gottesmutter Maria mit der Mondsichel unter ihren Füßen
vor; und jeder funkelnde Stern schien ihm ein Schutzengel zu sein. Er konnte
der göttlichen Vorsehung gar nicht genug danken, dass sie ihm solch hohe
und liebevolle Lebensbegleiter geschenkt hatte.
Wie sehr sich Frater Alois bemüht haben mag, aus seinem Beten und Betrachten
eine »ehrerbietige Erhebung des Herzens zu Gott« zu machen, lässt
sich in etwa erahnen aus seiner Zusammenstellung »Die gemeinsten Fehler,
welche den Nutzen des Gebetes hindern«.
Es ist auch gut bezeugt, dass Frater Alois mit Beharrlichkeit und Pünktlichkeit
sondergleichen an den der Klosterkommunität vorgeschriebenen Gebeten
und Betrachtungen teilnahm. Was hat er zur Verrichtung mündlicher
Gebete zu sagen? Diese »gut und langsam, innerlich mit Gott beten!«.
Er billigt auch, was ein Johannes vom Kreuz schreibt: »Der Herr lehrte
uns nicht verschiedene Gebete. Er will, dass wir das Vater unser recht oft mit
Ernst und Sorgfalt beten«.
Seine Ansicht hinsichtlich privaten Betens ist: »Allzeit beten, aber nicht
mit mündlichen Gebeten überladen«. Ein Mitbruder unseres Alois
Ehrlich bezeugt: »Er benützte jede freie Zeit, sie in Gebet und Betrachtung
zu verbringen«. In der Morgenfrühe wartete er nicht bis zum Wecken
(um 4 Uhr), sondern »er stand schon früher auf, um mehr Zeit zu Gebet
und Betrachtung zu haben«.
Den Stoff für seine Betrachtungen lieferte ihm vor allem die Heilige Schrift,
das Wort und Wirken Gottes. Er selber verrät nur ein einziges Mal ein Thema
seiner Betrachtung. Ein Mitbruder fragte ihn an einem Donnerstag Abend einmal:
Was er denn heute betrachtet habe? Seine prompte Antwort: »Ich habe dem
Engel gedankt, der den Heiland am Ölberg gestärkt hat«.
Wie sehr Frater Alois das Lesen in der Heiligen Schrift schätzte, ist
dem Ratschlag zu entnehmen, den er einmal seinem Mitbruder Isidor Schwärzer
gab: »Lieber ein Buch – die Heilige Schrift – 10 mal zu lesen, als 10 Bücher
einmal«. Dem, was er über den Besuch der heiligen Stätten
während seines Aufenthaltes in Palästina niedergeschrieben hat,
merkt man an, dass er nicht nur die Auskünfte und Mitteilungen von Mitbrüdern
und Reiseführern wiedergibt, sondern, dass er sich auch durch Lesen in
der Bibel Kenntnis verschafft hat.
Die Bibel hat Frater Alois jedoch in allen aktuellen Situationen und bei wichtigen
Vorhaben befragt. Am Beispiel und Verhalten Jesu hat er sich vor kritischen
Entscheidungen und Maßnahmen orientiert. Dafür spricht z.B: ein fiktiver
Fall. »Als einmal Kandidaten [!] den Wunsch äußerten: Wir bräuchten
auch Waffen, wenn die Kommunisten kommen; da sagte er [Frater Alois]: Wir
müssen dem Heiland nachfolgen, der hat sich auch nicht gewehrt, hat sich
fangen und umbringen lassen; das ist unsere Waffe. Ich geh sofort mit, wenn
sie kommen, dann ist ausgekämpft«. Ein buchstäblich christlicher
Pazifismus.
Nach dem Erlebnis seiner Sonnen-Vision ergaben sich für Frater Alois allerlei
Schwierigkeiten. Er war nämlich fest davon überzeugt, dass diese Offenbarung
Gottes nicht nur ihm persönlich galt, sondern auch den Mitmenschen,
wenn sie davon Kenntnis erhalten. Die ersten, denen er sein Erlebnis anvertraute,
waren sein Prior [Pater Brokard Storms] und ein Bruder, der ebenfalls Schreiner
war. Der Prior jedoch gebot ihm, über diese Vision zu schweigen. Für
Frater Alois, der Gehorsam gelobt hatte, war es selbstverständlich sich
an des Priors Anordnung zu halten. Dies fiel ihm aber leichter, als er in den
Evangelien auf das Gebot stieß, das Jesus den Jüngern nach seiner
Verklärung auf Tabor gab: »Erzählt niemand etwas von dieser Erscheinung,
bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist« [Mt 17,9]. Dieses
Wort war für ihn Erleichterung und Erleuchtung zugleich. Nach seinem Tod
könnte also den Menschen seine Sonnenvision bekannt gemacht werden.
Inwiefern? Abermals war für Frater Alois ein Schriftwort wegweisend; denn
dem Apostel Johannes auf Patmos hatte Gottes Stimme angewiesen: »Was
du siehst, das schreib in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden«
[Offb 1,11].
Endlich hatte Frater Alois Ehrlich eine Möglichkeit gefunden, sich des
Drangs und der Verantwortung zu erledigen: Veröffentlichung seines visionären
Erlebens. Seiner Niederschrift hat er den Appell vorausgeschickt: »Weh
mir, wenn ich es verschweigen und mit mir begraben würde! Wehe auch Euch,
wenn ihr es nach mir der Welt und den Unsterblichen verschweiget! Es wird Tausenden
zum Heile werden«. Damit man seinen Bericht nicht übersieht oder übergeht,
hat er ihn eigens mit roter Tinte in sein Notizbuch eingetragen. »Geschrieben
von mir Frater Alois Ehrlich zu Bamberg, Karmelitenlaienbruder, den 17. Februar 1924. Mit meinen Augen geschaut, möge es Gläubigen und Ungläubigen
zum Heile, Gott aber zur Ehre gereichen«.
Das Schriftwort »Der Gerechte lebt aus dem Glauben« [Röm 1,17]
lässt sich sehr wohl auf den Frater Alois Ehrlich anwenden. Dafür
spricht auch Folgendes.