Sein Lebensziel hat Frater Alois schon dadurch angedeutet, indem er uns verrät,
was ihn bewegte, ins Kloster zu gehen. »Dir [Jesus] nachzufolgen bin ich
ins Kloster gegangen, um arm, gehorsam und rein zu leben bis zum Tode und eines
guten Todes zu sterben«. Sein Eintritt ins Kloster war ja schon der erste
Schritt in der Nachfolge Christi; denn buchstäblich ist er auf das eingegangen,
was Jesus dem reichen Jüngling zugemutet hatte: »Willst du vollkommen
sein, so geh hin, verkaufe, was du hast, und gib den Erlös den Armen, so
wirst du einen Schatz im Himmel haben. Dann komm und folge mir nach!« [Mt 19,21].
In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass man zu Zeit seines Klostereintritts
den Ordensstand mehr denn je als den Stand der Vollkommenheit bezeichnete; in
dem Sinn, dass seine Angehörigen wenigstens nach Vollkommenheit streben
sollten. Dessen war sich Frater Alois stets bewusst, wurde zudem daran
gewöhnlich durch die Jahresexerzitien erinnert. Aber zur Vollkommenheit
zu gelangen, war nie sein Lebensziel. Wohl kannte er Jesu Mahnung: »Seid
also vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist« [Mt 5,48];
aber unser Frater, der ein gründlicher Leser der Heiligen Schrift war,
war sich wohl auch darüber klar, dass hier nur von Vollkommenheit in einem
bestimmten Anliegen die Rede ist, nämlich hinsichtlich der Nächstenliebe.
Gottes Nächstenliebe ist grenzenlos, gilt allen Menschen ohne Ausnahme.
Der himmlische Vater lässt seine Sonne aufgehen über Gute und Böse
und lässt regnen über Gerechte und Sünder, auch über jene,
die nicht an Gott glauben oder gar ihn anfeinden. Jesus empfiehlt Vollkommenheit
im Hinblick auf Übung der Nächstenliebe, nicht als Lebensziel.
Sein Lebensziel fand Frater Alois in der Person Jesu Christi. Bei den ersten
Exerzitien im Kloster schrieb er in sein Tagebuch: »Aus der Welt hab ich
mich entfernt, o Jesu, um dir allein anzuhangen«. Und später ist von
seiner Hand geschrieben zu lesen: »Als Richtschnur meines Lebens gilt:
Das Leben in Christus, gibt dem Leben des Christen eine ganz andere Würde,
einen ganz andern Inhalt, ein ganz anderes Ziel«. Er hätte für
'das Leben in Christus' auch schreiben können: Der in mir lebende
Christus. Zu den in seinem Tagebuch unterstrichenen Worten gehört
auch: »Christus lebt in mir« [Gal 2,20]. Dem fügt er hinzu: »Sehet,
welche Liebe uns Gott erwiesen hat, dass wir Gottes Kinder heißen
und sind [1 Joh 3,1]. Liebe, Anbetung, Sühne und Dank sei dafür Gott,
da wir durch die hl. Taufe und heiligmachende Gnade es geworden sind«.
»Selig bist du, der du trägst den Schöpfer des Alls, der dich
erschaffen hat, Freue dich, dass du gewürdigt wurdest, den zu tragen, der
von den Toten auferstand«.
Und nicht zuletzt war der Gedanke an seine Eingliederung in Christus durch
die Taufe für Frater Alois ein Ansporn nach Ähnlichkeit mit Jesus
zu streben. Zwar schreibt er einmal: »Das ist unser wahres Ziel, für
das uns Gott, der die Liebe ist, erschaffen hat: Sein eigenes, ewiges und unendliches
Glück soll auf ewig das unsere werden«. Aber die selbstlose Liebe
zu Jesus Christus war ihm wichtiger als die Hoffnung auf das himmlische
Erbe der Kinder Gottes.
Denn Gott kann seinen Himmel nur dem geben, der ein Ebenbild seines Sohnes,
ein wahrer Jünger Jesu Christi geworden ist. Und die Kennzeichen echter
Jüngerschaft sind in den Evangelien nicht zu übersehen. Am meisten
scheint ihn das Wort Jesu beeindruckt zu haben: »Wer mir nachfolgen will,
verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und so folge er mir! Denn wer
sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen
verliert, wird es finden« [Mt 16,24f.].
Zum Verständnis von Selbstverleugnung hat er sich einen breiten Kommentar
in sein Notizbuch geschrieben: »Um gründlich Ich zu werden: Lossagen
von der Eitelkeit, welche schmeichelt; der Weichlichkeit, welche nährt;
der Neugierde, welche reizt; den unnützen Dingen, welche ergötzen;
den Menschen, welche stören. Lust und Freude entsagen, (der) Bequemlichkeit
nicht mehr so ergeben sein, den Bedürfnissen nur das Notwendige geben,
nur leise, wie im Vorbeigehen berühren. Sich selbst entsagen, seinen Neigungen,
Launen, dem Eigenwillen, Einbildungen, Eigenliebe, Ehrgeiz, der übermäßigen
Sorge für die Gesundheit, welche in allem weichlich und ängstlich
macht, was den Sinnen entgegen und zuwider ist; kurz über sich selbst erheben«.
Wie viele Zeugnisse bestätigen, hat sich der Frater Alois in der Wirklichkeit
an sein Programm gehalten. Dafür nur einige Beispiele: In seiner Zelle
»heizte er nur wenig, duldete keinen Sessel« zum Ausruhen. »Er
fastete sehr strenge. Fast wäre er verhungert. Auf Befehl des Priors genoss
er am Vormittag um 9 Uhr in den letzten Jahren eine Tasse Milch, während
des Krieges Kaffee«. Als in seiner Schreinerei ihm ein Mitbruder Anerkennung
zollte für seine Schreiner-Leistungen, antwortete er mit einem schlichten
Hinweis auf die großen Haufen Hobelspäne. »In den Klostermauern
fühlte er sich geborgen und er verließ sie nur, wenn es sein musste«.
Wie der Selbstverleugnung galt sein Ja auch dem Kreuztragen um Christi willen.
Welche Kreuzeslasten Frater Alois zu tragen hatte, wissen wir nicht. In seinem
Leben gab es offensichtlich viel seelisches Leid. Man darf auch annehmen,
dass er so manches Mal am Zusammenleben mit den Mitbrüdern litt, dass ihm
z.B. das ständige Räuspern eines Mitbruders bei der Betrachtung auf
die Nerven ging. Gewiss ist, dass ihm körperliches Kranksein nicht erspart
blieb. Manches spricht dafür: »er war sehr geduldig in anhaltendem
und schmerzhaftem Darmleiden«.
Niemand kann sich jedoch daran erinnern, dass er auch nur ein einziges Mal
über sein Kranksein gesprochen oder gar geklagt hat. Es wird von ihm bezeugt,
»dass er ein großer Dulder war. Was er im Stillen ohne zu klagen
körperlich und seelisch gelitten haben mag, weiß nur Gott allein«.
Wegen herkömmlicher Unpässlichkeiten hat er nie die gemeinschaftlichen
Übungen versäumt. Er war der Ansicht: »Die übermäßige
Sorge für die Gesundheit macht weichlich und ängstlich in allem«.
Leiden jeder Art waren für ihn Gelegenheit seinem Jesus ähnlicher
zu werden. Er wünschte sogar durch Leiden sich das Fegfeuer ersparen zu
können. »Ich bin jederzeit bereit zu sterben, sagte er, mein Fegfeuer
will ich auf dieser Welt, drüben will ich keins mehr«. So zuversichtlich
kann doch nur sprechen, wer, wie der Apostel Paulus das Vertrauen hat: »Wir
sind Kinder Gottes und somit auch Erben Gottes und Miterben Christi, wenn wir
nur mit ihm leiden, um mit ihm auch verherrlicht zu werden« [Röm 8,17].
Drüben, am Ziel seines Lebens, erwartete er sich nur eines, die beglückende
Begegnung und Vereinigung mit seinem Jesus.
In Sehnsucht nach Jesus nahm er auch sein Todesleiden (Magenkrebs) an.
Nachdem er mit den Sterbesakramenten versehen worden war (8. Mai 1945), wurde
er gefragt, ob er vielleicht noch einen Wunsch habe. Seine Antwort: »Ich
verlange aufgelöst zu werden und mit Christus zu sein« [Phil 1,23].
Es ist erstaunlich, welch hohen Grad der Nachfolge Christi Frater Alois erreicht
hat. Er selbst könnte unserem Staunen entgegenhalten – und hat sich
das eigens notiert: »Durch die Gnade Gottes bin ich, was ich bin und sie
ist in mir nicht vergeblich gewesen« [1 Kor 15,10]. Er ist der wahre Jünger
Jesu geworden durch die unzähligen Kontakte mit seinem Herrn und Meister,
Kontakte, bei denen Jesus auf ihn gleichsam abfärbte und sich ihn ähnlich
gestaltete. Wie oft mag er gebetet haben: Herr nimm mich wie ich bin und mach
mich, wie du mich haben willst.
Wie oft mag er sich an Jesus gewandt haben mit der Bitte: Bilde mein Herz nach
deinem Herzen. Unter den Gebeten und Gedichten, die er sich aufgezeichnet hat,
ist auch folgendes Weihegebet zu finden: »O göttliches Herz Jesu!
Dir weihe ich mich als stete Opfergabe. / Und gebe mich ganz und gar dir
hin, mit allem, was ich habe. / Was du im Leben mir an Leid und Prüfungen
wirst senden, / Das nehme ich mit Ergebung hin, aus deinen Vaterhänden.
/ Ich möchte sühnen, heiliges Herz, meiner und deiner Feinde Vergehen
/ und für des Herzens eigne Schuld Vergebung mir erflehen. / O lass mich
immer bei dir sein, wenn andere von dir fliehen. / Lass mich an deinem Gnadenthron
als Opferseele knien. / Zum Danke, süßes Heilands Herz, für
deine Lieb und Treue! Amen«. Selbst, wenn Frauter Alois dieses Weihe-Formular
von einem andern Beter übernommen hat, jedenfalls hat er sich damit
allen Ernstes dem Herzen Jesu geweiht und war allzeit bemüht Jesus treu
zu sein. In einer Unterhaltung mit ihm sagte er einmal: »Dem Heiland treu
sein, sonst lieber sterben, dann soll der Grabeshügel weiter wirken«.
Er war zudem ein großer Verehrer des eucharistischen Heilandes. Das bezeugen
nicht nur seine Mitbrüder. Er selbst notierte sich auf die bei Exerzitien
empfohlene Frage: Wie oft besuchst du den eucharistischen Jesus? Täglich
»neun mal«. Und abermals notiert er sich: »Ich will Montag und
Donnerstag einen Besuch mehr machen. Besuch und Anbetung: Vormittag vier Mal,
Nachmittag fünf Mal. Wenn nicht dem Leibe nach, dem Geiste nach in der
Zelle«. Jeder Besuch des im Tabernakel verborgenen Gottes war für
ihn eine Gelegenheit sich mit Jesus anzufreunden.
Noch innigere Verbundenheit mit Jesus erwartete er sich durch die Mitfeier
des eucharistischen Opfermahls und durch den Empfang der heiligen Kommunion.
Jede Kommunion war ihm eine Bestätigung für Jesu Verheißung:
»Seht ich bin bei euch bis ans Ende der Welt« [Mt 28,20] und »Wer
mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben und den werde
ich auferwecken am Jüngsten Tage« [Joh 6,54]. Vom gläubigen Empfang
der eucharistischen Speise erhoffte er sich die Vermehrung der heiligmachenden
Gnade und der göttlichen Tugenden, Glaube, Hoffnung und Liebe, wie auch
die Kraft, um Jesus treu sein zu können.
Die Hochschätzung dieses Sakramentes ist ersichtlich vor allem aus Einträgen,
die er während seines Aufenthaltes im Heiligen Land machte: »Hatte
die große Gnade und das Glück ... bei der hl. Messe zu dienen und
zu kommunizieren« am Heiligen Grab, auf dem Kalvarienberg. Frater
Alois notierte sich auch einen Überblick seines Kommunion-Empfangs: Vor
Eintritt ins Kloster gewöhnlich alle 14 Tage, nach der Einkleidung wöchentlich
vier Mal, seit dem Kommuniondekret Pius' X.[1905] - mit wenigen Ausnahmen
- täglich. »Es ist dies, von anderen Gnaden abgesehen, das Tausendfache«.