Es geht hier nicht etwa um eine Aufzählung oder Zusammenstellung dessen,
was seinen Alltag ausfüllte. Gelegentlich hat er einige Mal notiert, was
er an einem Tag alles erledigt hat. Wichtiger für uns ist, von ihm zu lernen,
in welcher Sicht und Absicht man das Alltägliche angehen oder erledigen
kann.
In seinem Alltag beanspruchten ihn nicht wenig religiöse, gemeinschaftliche
Übungen, wie z.B. die Betrachtung oder die Mitfeier der heiligen Messe.
Die Teilnahme daran war ihm nicht bloß eine notwendige Pflichterfüllung.
Die Betrachtung war ihm Gelegenheit und Möglichkeit mit Christus in Kontakt
zu kommen, sich mit seinem Wort und Beispiel zu beschäftigen, um dadurch
sich mit Jesus herzlich anzufreunden. Deshalb wird von ihm bezeugt: "Er
kam nie zu spät bei den gemeinschaftlichen Übungen, auch versäumte
er keine, wenn er nicht rechtmäßig verhindert war". Die Hochschätzung
der Beschäftigung mit dem Worte Gottes hat er einmal - nach den Exerzitien
im Jahre 1902 - bekundet: "Ich will jeden Morgen um 5 Minuten früher
aufstehen, mir die Exerzitien-Vorträge durchlesen und mich so meiner Vorsätze
erinnern, um Früchte zu bringen und vom hl.Geist den Geist des Gebets-
und des Opfergeistes zu erhalten, damit mir so seine Worte im Gedächtnis
bleiben".
Zur geistlichen Lesung hat Frater Alois vielfach Heiligenlegenden benützt
und sich bei der Lektüre notiert, was seinem religiösen Streben
entsprach oder diente. Durch eine Text-Unterstreichung hat er sich gleichsam
selber angeeifert: " Übe gern die geistliche Lesung, höre gern
und andächtig das Wort Gottes. Erwäge und betrachte aufmerksam die
göttlichen Wahrheiten, dann wird auch der Herr liebevoll und eindringlich
zu deinem Herzen sprechen und dir die Wunden seiner Liebe und Erbarmung zeigen".
Neben der Betrachtung gehörte zu seinem Alltag die Mitfeier des hl.Messopfers
und die Teilnahme an kirchlichen Andachten. Dazu bezeugt ein Mitbruder: "Während
der Gottesdienste in unserer Klosterkirche hatte er seinen bescheidenen
Platz auf der Orgelbühne ganz hinten, von wo er weder vom Volk in der Kirche
etwas sah, noch er vom Volk gesehen werden konnte". Eine Kirchenbesucherin
schreibt: "Wenn ich ihn in der Kirche an den Beichtstühlen arbeiten
sah und auch als Mesner, dachte ich mir immer: dieser ist ganz mit Gott versunken".
Ein anderes Zeugnis lautet: "Vor allem fand ich bei ihm (was ich sonst
bei niemand mehr feststellte), dass er nie die Mitte der Kirche kreuzte, ohne
ehrfürchtige Kniebeuge zu machen und dabei sein Skapulier zu küssen;
letzteres nur dann unterlassend, wenn er beide Hände belegt hatte.
Nie sah ich ihn etwas Überflüssiges sprechen in der Kirche; und die
Statue seiner lb. Gottesmutter grüßte er oft mit ehrfürchtiger
Neigung des Hauptes. - Das alles tat er mit Selbstverständlichkeit".
Nicht etwa, um auf die Kirchenbesucher einen guten Eindruck zu machen, sondern,
weil "sein ganzes Wesen vom Wissen um die Gegenwart Christi erfüllt
war, der er nur voll Ehrfurcht begegnete und die hinwiederum sein Wesen adelte".
Was die Verrichtung der täglichen Arbeit betrifft, hat sich Fr. Alois
einmal selber darüber geäußert: Lass mich meine Arbeit mit Ruhe
ohne Hast, mit Demut verrichten; keine selbstgefälligen Gedanken aufkommen
lassen. Unvollkommen ist alles, was nicht auf die Ehre Gottes abzielt".
Was einem Mitbruder - zur Zeit als er noch Seminarist war - an Bruder Alois
"besonders auffiel, war neben dem unermüdlichen Fleiß die
musterhafte Pünktlichkeit, mit der Frater Alois seiner Arbeit nachging
und die Arbeit beendete, wenn die Konventglocke zu den Kommunitätsübungen
führte". Sein Gehilfe in der Schreinerei Frater Konrad gesteht: "Selbst
bei der Arbeit bewegte er fast ständig seine Lippen im Gebet und erhob
seine Blicke immer wieder zu den Heiligenbildern, welche die Wände der
Werkstatt schmückten". Und Frater Pius berichtet über ihn: "Sein
Leben war Gebet und Arbeit bei beständigem Wandel in Gottes Gegenwart".
Man darf ruhig annehmen, dass er während der Arbeit Gott nicht nur vor
Augen hatte, dass er auch mit der guten Meinung, für dich o Gott, an die
Arbeit ging und nach der Arbeit sich dankend an Gott wandte. Ob er diese Aufopferungen
der Arbeit nicht regelmäßig vor genommen hat, wenn er auf dem
Weg zu und von der Arbeit die Gottesmutter und auch den gekreuzigten Christus
grüßte? "So oft er das Treppenhaus im Kloster passierte, grüßte
er innig die lb. Gottesmutter, deren Statue [wie auch ein Kruzifix] dort
angebracht ist". Wie oft ist Frater Alois auf die Bedeutung der guten Meinung
hingewiesen worden bei den Exerzitien. Aus den ersten Exerzitien im Kloster
hat er sich notiert: "Die gute Meinung zu machen, den Tag über alles
zu tun, was Gott will, weil Gott will und wie Gott will". Im Jahre 1907
schreibt er in sein Notizbuch: "Die gute Meinung machen, während
der Arbeit kurze Stoßgebetchen verrichten, unsern Blick auf Jesus richten".
Auch in späteren Jahren nimmt er sich vor: "Die gute Meinung nicht
vergessen, machen bei der Arbeit; alles aus reiner Liebe zu Gott; wenig reden".
Unauffällige Hinwendungen seines Geistes und Herzens zu Gott und Jesus
gab es auch in den Zeiten der Erholung. "Ich habe oft gesehen, bei der
Erholung im Speisesaal, wie er einen liebevollen Blick verbunden mit inneren
Anmutungen auf das ihm gegenüber hängende Herz Jesu Bild warf".
Auch ein Weltgeistlicher, der einst Gast im Kloster war, erinnert sich: "Man
konnte beobachten, dass er bei Verrichtungen, welche nicht voll in Anspruch
nahmen z.B. beim Servieren bei Tisch, öfter seine Augen auf den Crucifixus
heftete mit der deutlichen Anmutung einer liebenden "compassio" in
einem eigenartigen Glanz seines Blickes".
Der Wandel in der Gegenwart Gottes war für Frater Alois so wichtig,
dass er auf ganz natürliche Möglichkeiten sich zu entspannen und zu
erholen verzichtete. "Nie sah man ihn müßig im Haus oder im
Freien herumstehen oder gehen; auch sah man ihn nie am Fenster oder aus dem
Fenster schauen. Das Stillschweigen hielt er genau".