Vorläufig ist auf Diözesanebene der Seligsprechungsprozess eingeleitet.
Letztlich ist es Sache der Kirche einen Menschen selig oder heilig zu sprechen.
Aber es sei die Frage angebracht: Welchen Sinn hat es denn, die große
Zahl der Selig- und Heiliggesprochenen noch zu vermehren? Konkreter gefragt:
Ist denn ein selig gesprochener Ordensbruder zeitgemäß? Gewiss würde
sein kirchlich approbiertes Beispiel zur inneren Lebenserneuerung von Ordenschristen
beitragen. Aber dieses Beispiel gelebter christlicher Spiritualität
geht schließlich jedem Christen an. Durch das Beispiel des Bruders Alois
spricht Christus gleichsam zu jedem Christen: "Euer Herz zage nicht! Glaubt
an Gott und glaubt an mich" [Joh 14,1]. Und sein Beispiel ist für
alle ein Appell, christlichen Glauben auch zu praktizieren und zu leben.
Diese Botschaft kommt freilich nicht bei denen an, die zwar auf den Namen des
dreifaltigen Gottes getauft sind, aber nicht an Gott glauben. Es ist erschreckend,
wie viele abendländische Christen auf die Frage: Glauben Sie an einen Gott?,
mit einem glatten Nein antworten oder vielleicht mit einem Ja, das jedoch bewusst
den christlichen Gottesglauben der Kirche ausschließt. Viele dieser Gottesleugner
kommen zu ihrem "Atheismus" nur deshalb, weil sie ein Lebensziel erstreben,
das ihnen keine Zeit zum Nachdenken über die Existenz Gottes und den Sinn
des Lebens lässt. Wer vom Streben nach großen Leistungen, nach einer
glanzvollen Karriere, nach Ansehen und Ruhm bei den Menschen beherrscht ist,
für den ist schon die Frage nach einem von Gott gesteckten Lebensziel illusorisch.
Und wer den Sinn des Lebens nur im Genuss des Lebens sieht, für den ist
ein den Lebensweg kreuzendes Leid etwas Sinnloses und unter Umständen sogar
ein Beweis gegen die Existenz eines guten Gottes. Einen Bericht über "Gelebte
christliche Spiritualität" würde er gar nicht in die Hand nehmen.
Vom Lebensbeispiel des Fraters Alois Ehrlich könnte vor allem lernen
der Durchschnittschrist unserer Zeit, der an seinem Glauben nicht zweifelt
und dessen Frömmigkeit sich oft durch viel guten Willen auszeichnet.Ihm
könnte Frater Alois zu mehr Glaubenstiefe und zu größerer Zielstrebigkeit
seines religiösen Lebens verhelfen. Viele haben sich als Ziel gesteckt,
einfach ein guter Mensch zu werden und zu sein. Andere nehmen sich vor: Ich
will in meinem Leben etwas zur Ehre Gottes und zum Heil der Menschen leisten.
Das sind sicher gute Vorsätze auf moralischer Ebene, die aber nicht das
Ziel christlichen Lebens bilden. Dieses kann man sich nicht selber festsetzen,
dieses wird uns durch Gott gesteckt, der uns das Leben geschenkt hat und der
uns dieses Lebensziel kundmacht durch sein Wort und seinen Sohn.
Greifen wir mit Frater Alois zur Heiligen Schrift und entnehmen wir ihr, dass
Gott den Menschen nach seinem Bild geschaffen hat, dem Menschen Ähnlichkeit
mit seinen eingeborenen Sohn verliehen hat. Diese Ähnlichkeit, soweit
sie übernatürlicher Art war, ging zwar dem Menschen durch die Sünde
verloren. Aber Gott ließ von seinem Plan nicht ab, schickte der Welt seinen
eigenen Sohn, der der Menschheit den Plan und Willen des himmlischen Vaters
offenbarte und zugleich die Möglichkeit gab, an das von Gott bestimmte
Ziel der Menschen zu gelangen.
Auf diese Berufung des Menschen zur Gleichförmigkeit und Ähnlichkeit
mit dem Gottessohn weisen die Evangelien so eindeutig und so häufig hin,
und dennoch glaubt der Christ so wenig daran, obgleich er doch getauft
ist, d.h. in die Höhe des übernatürlichen Lebens empor gehoben,
in die Blutsverwandtschaft Gottes aufgenommen und damit verpflichtet ist,
sich dem im Herzen wohnenden Christus anzupassen und sich mit ihm immer mehr
anzufreunden, damit er dereinst Anteil bekommen kann an seinem himmlischen Erbe.
Immer wieder werden wir durch die Kirche an den unschätzbaren Segen
der Taufe erinnert und gelegentlich singen wir vielleicht sogar aus vollem Halse:
O Seligkeit getauft zu sein! Aber im praktischen Leben spielt unsere Taufe
meist nur eine geringe Rolle. Da ist sie nur noch ein abgeschlossenes Geschehen
in ferner Vergangenheit, gleichsam die einstige Aufnahme in einen Verein, auf
Grund dessen wir bei einer amtlichen Anfrage nach unserem religiösen Bekenntnis
angeben können: römisch katholisch.
Dass ein Christ durch die Taufe Christus angehört - ein unauslöschliches
Zeichen hat das eigens besiegelt - und dass Christus seit der Taufe als geheimnisvoller
Gast in ihm lebt, diese fundamentalen Tatsachen können einem jungen
Menschen gar nicht früh genug (durch Elternhaus und Religionsunterricht)
zum Bewusstsein gebracht werden. "Keiner von uns lebt für sich selbst,
und keiner stirbt für sich selbst. Leben wir, so leben wir für den
Herrn, sterben wir so sterben wir für den Herrn. Wir mögen also leben
oder sterben, wir gehören dem Herrn" [Röm 14,8f.].
Wer davon nicht lebendig überzeugt ist, wird auch wenig mit dem Empfang
der Sakramente anfangen können oder ganz und gar darauf verzichten. Denken
wir etwa an die Mitfeier der Eucharistie. Wenn z.B. Eltern in ihr nur ein Gebot
sehen und ihre Kinder vielleicht mit Androhung einer Sünde drängen,
das Kirchengebot zu halten, dürfen sie sich nicht darüber wundern,
dass die herangewachsenen Kinder eines Tages überhaupt nicht mehr
in die Kirche gehen und von einem Sakramentenempfang nichts mehr wissen wollen.
Wer aber seine Zugehörigkeit zu Christus ernst nimmt, der braucht die sakramentalen
Kontakte mit Christus; denn sie garantieren den Nachlass von Sünden,
bewirken Besserung unseres Lebens und bereichern es an Glaube, Hoffnung und
Liebe.
Diesen Anmerkungen zum Problem des immer mehr schwindenden Kirchenbesuches
seien auch einige Gedanken zum Rückgang der Priesterberufe angefügt.
Den Priesterberuf kann man mit keinem anderen menschlichen Beruf vergleichen;
denn niemand kann und darf eigenwillig diesen Beruf ergreifen. Der katholische
Priester ist ein Nachfolger der Jünger und der Apostel Christi, zu denen
Jesus ausdrücklich gesagt hat: "Nicht ihr habt mich erwählt,
sondern ich habe euch erwählt und euch dazu bestellt, dass ihr hingeht
und Frucht bringt, bleibende Frucht" [Joh 15,16]. Dieses Wort gilt auch
den Nachfolgern der Jesus-Jünger, den Priestern: wie auch das zusätzliche
Wort Jesu: "Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut was ich euch auftrage".
Vor seiner Himmelfahrt hat Christus seinen Auftrag präzisiert: Macht die
Menschen zu meinen Jüngern, tauft sie und lehrt sie alles halten, was ich
euch geboten habe. Seht, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt. Die
primäre Aufgabe des Priesters ist zweifellos die Verkündigung des
Wortes Gottes und die Spendung der Sakramente. Das darf der Priester aber nicht
im Sinn einer Eigenleistung vollziehen, sondern im Glauben und Vertrauen, dass
nur Gott selber Menschenherzen christlich prägen kann. Dem Priester werden
neben der eigentlichen Seelsorge oft noch viele andere Aufgaben und Arbeiten
zugemutet. Wie schnell kann er da entmutigt werden, weil er keinen Erfolg seines
Einsatzes sieht. Vielleicht überkommt ihn sogar die Versuchung seinen Beruf
aufzugeben. Solchen Versuchungen könnte man nur vorbeugen, wenn man
daran glaubt, dass der auferstandene Christus allzeit bei uns ist und uns beisteht.
Oder sich daran erinnern, dass Christus seinen Priestern seine Freundschaft
geschenkt hat und erwartet, dass die Priester sich mit ihm anfreunden. Innige
Freundschaft mit Ihm bewahrt den Seelsorger vor der hintergründigen Absicht,
mit seinem Wirken bei den Menschen anzukommen; sie drängt ihn förmlich
dazu, das Kernanliegen aller Seelsorge - wenn nur Christus immer mehr im Menschenherzen
ankommt - Gott auch im Gebet zu empfehlen.
Frater Alois war kein Priester, Aber er könnte hinsichtlich seiner ausgeprägten
christozentrischen Frömmigkeit auch Priestern ein Vorbild sein. Was sich
Frater Alois von gläubigen und vertrauensvollen Kontakten mit Christus
vor allem erwartete, war Gleichförmigkeit und Ähnlichkeit mit
Jesus. Er war davon überzeugt, bei jedem Kontakt färbt Jesus selber
ab und drückt dem Menschen immer deutlicher sein Bild auf. Neben den sakramentalen
Kontakten suchte er besonders durch Mitleiden dem leidenden und sterbenden Jesus
ähnlich zu werden. Für ihn war jede Betrachtung des kreuztragenden
und gekreuzigten Meisters und wohl auch das Wort des auferstandenen Herrn: "Musste
der Messias nicht dies leiden und so in seine Herrlichkeit eingehen?" [Lk
24,26), Einladung und Trost zugleich.
Das Mitleiden mit Christus ist wohl das beste Zeugnis dafür, dass Frater
Alois christliche Spiritualität gelebt hat. Anderseits besteht die Gefahr,
dass der heutige Christ gerade an dem großmütigen Ja zu Kreuz und
Leid und auch an heroisch geübten Tugenden seines Lebens Antoß nimmt
und deshalb ihn als Vorbild ablehnt. Dem sei entgegen gehalten: Heroische Lebensweisen,
wie sie offensichtlich beim Frater Alois festzustellen sind, werden keinem Christen
zugemutet. Sie gehören nicht wesentlich zu gelebter christlicher Spiritualität,
sie sind nur Lebensformen, die dem jeweiligen Zeitgeist und Persönlichkeitsideal
entsprechend besondere Hochschätzung finden und bestenfalls eine vorhandene
Spiritualität andeuten.
Wesentlich besteht eben Spiritualität darin, dass man nicht sich selber
lebt, sondern dem, dem man als Christ angehört. Kennzeichen dafür
sind: Der Wandel in Gottes Gegenwart; sich durch Gebet und Betrachtung mit Jesus
anfreunden; wenn Entscheidungen zu treffen sind oder wenn es darum geht den
göttlichen Willen zu erfüllen, sich am Wort Gottes oder dem Beispiel
Christi orientieren; sich bemühen, durch Selbstverleugnung und durch
treue Nachfolge mit dem eigenen Kreuz ein wahrer Jünger Jesu zu werden.
Um den Alltag mit seinen belastenden Verpflichtungen, aber auch mit seinen
Erholungsmöglichkeiten in christlicher Spiritualität verleben
zu können, gibt uns der Apostel den weisen Rat: "Mögt ihr also
essen oder trinken oder sonst etwas tun, so tut alles zur Ehre Gottes"
[1 Kor 10,31]. Zu dem, was einen Frater Alois Ehrlich angespornt hat, nicht
für sich selber zu leben, sondern für Christus, gehörte wohl
auch Jesu Verheißung: "Wer sein Leben zu gewinnen sucht, wird es
verlieren; wer dagegen sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen"
[Mt 10,39].
Ein Frater Alois Ehrlich hat so zielbewusst sein Leben mit Christus, für
Christus, um Christi willen gelebt, dass er nach menschlichem Ermessen nun gewiss
zu den Freunden Gottes im Himmel zählt. Wir gehen nicht fehl, wenn wir
ihn in unseren schweren Nöten und Anliegen vertrauensvoll um seine Fürbitte
bei Gott anrufen. Eventuelle Gebetserhörungen würden zu seiner
Seligsprechung nicht wenig beitragen; bitte, solche dem Vizepostulator
P. Matthäus Hösler O.Carm, Karmelitenplatz 1, 96049 Bamberg, mitteilen!