Von Kees Waaijman, geb. 1942; Karmelit; Dr. theol.; Ordinarius für
Spiritualiät an der Katholischen Universität Nikmegen und Direktor
des Titus-Brandsma-Instituts.
Salutatio
Absender
Adressat
Segen
Exordium
Endziel
Arbeitsziel
Teles
Skopos
Narratio
Karmelit. Grundausstattungen I - VI
Elementare Übungen VII - XIII
Bekleidung mit Gott XIV
Bewahrung der Kontinuität XV - XVI
Petito
Prior und die Brüder
?
?
?
Einladung, den leeren Raum zu füllen
Conclusio
Rückblick
Mehr
Ausblick
er Karmelberg liegt im äußersten Norden Israels. Majestätisch
erhebt sich das Gebirge aus dem Mittelmeer und der Ebene Jesreel. Seit Menschengedenken
wurde der Karmel als heiliger Ort angesehen. Ursprünglich wohnten dort
die Fruchtbarkeitsgötter. Diese Baale mußten einer Gruppe von Propheten
um Elija weichen, der im 9. Jahrhundert vor Christus die Verehrung Jahwes,
des Gottes Israels, begründete (1 Kön 18). Das frühe Christentum
sah in diesem Elija den Vater des Mönchtums. Seitdem hielten sich auf dem
Karmel Einsiedler auf, die in der Einsamkeit die Gegenwart Gottes suchten. Mit
der Ausbreitung des Islams im 7. Jahrhundert nach Christus wurde der Karmel ein
heiliger Ort für die Moslems. Elija erschien ihnen als der Grünende,
Leben Schenkende. Im Zusammenhang mit den Kreuzzügen - zwischen 1077 und
1291 - fand mancher fromme Pilger oder Kreuzfahrer den Weg zum Karmel, einer der
heiligen Stätten in Palästina, die man vom Islam zurückeroberte.
Die Pilger "führten nach dem Vorbild und in der Nachfolge des heiligen
Einsiedlers und Propheten Elija auf dem Berg Karmel ein Leben der Einsamkeit".
In unserer Zeit haben Bahä'is, die aus dem Islam hervorgegangen sind, den
Karmel zum Ort für ihr zentrales Heiligtum gewählt. Sie bewahren dort
die Reliquien ihres Stifters auf. In den Augen der Bahä'is ist ein neues
prophetisches Zeitalter angebrochen. So beherbergte der Karmel im Laufe der
Jahrhunderte mehrere religiöse Traditionen.
Der Karmelorden ist eine dieser religiösen Traditionen. Er ist hervorgegangen
aus einer Gruppe von Einsiedlern, die um das Jahr 1200 das Karmelgebirge
bevölkerten, "wo sie wie die Bienen des Herrn in den Körben
ihrer Zellen Honig von geistlicher Süße ansammelten". Diese
Einsiedler wurden von der Einsamkeit des Karmels angezogen. Sie wollten ein
Leben wie Elija führen, der Einsame schlechthin und Prototyp aller Eremiten.
Ihr Hang nach der Einsamkeit läßt sich aus ihrem spirituellen
Hintergrund gut verstehen. Westeuropa, aus dem sie kamen, erlebte ja in dieser
Zeit, angeregt durch die Bewegung der Armen Christi, eine Blüte
des Einsiedlerlebens. Man wandte sich resolut von der Welt ab (conversio),
um sich in einem bußfertigen Leben (vivere in sancta poenttentia)
ganz Gott zu weihen. Pilgerreisen sind für diese Frömmigkeit ein
treffendes Symbol: Man zieht weg aus gesicherten Verhältnissen, um sich
ins Ungewisse zu wagen. Vor allem Pilgerfahrten zum Heiligen Land galten
als Höhepunkt des bußfertigen Lebens. Manche zogen aus ihrer religiösen
Entscheidung die äußerste Konsequenz: Sie wählten die
Einsamkeit eines Gebirges oder verschwanden in den dichtbewachsenen Wäldern
Europas. Die Einsiedler auf dem Karmel gehörten zu dieser Bewegung. Sie
zogen sich auf den Karmel zurück, weil dieser Berg "Stille und Ruhe
schenkte in seiner Einsamkeit, Schutz in seinen Grotten, Entzücken
in seinen Weiden, gesunde Luft durch seine Höhe, lebendiges Wasser aus
seiner Quelle". Sie suchten den Lebendigen, vor dessen Antlitz Elija
stand. Der Karmel war für diese Eremiten ein mystischer Raum, der
sie den festgefahrenen Lebensformen entrückte und sie hinführte
zu Gott. Die älteste Selbstdefinition der Karmeliten, die sogenannte
"Rubrica Prima", sieht das Karmelgebirge denn auch als eine Stätte
für Menschen, die "die Einsamkeit dieses Berges im Hinblick auf
das Schauen der himmlischen Dinge wirklich lieben".
ie tief die ersten Karmeliten von diesem mystischen Raum des Karmels durchdrungen
waren, zeigte sich, als sie von ca. 1238 an durch die vorrückenden
Sarazenen gezwungen wurden, Palästina zu verlassen. Dieser erzwungene
Auszug bedeutete nicht nur einen physischen Anschlag und eine psychische Entwurzelung,
sondern vor allem eine geistige Herausforderung: "Wie kann man Karmelit
bleiben ohne Karmelberg?" Ihre Antwort lautete:
"Ziehe an jedem Ort, an dem du wohnst, fort aus dem Endlichen, und gehe
hinein in den unendlichen Raum, der Gott ist. Mache aus jedem Ort einen Karmel."
Das "Buch der ersten Mönche", nach der Regel die wichtigste
früh-karmelitanische Schrift, erklärt denn auch, daß Karmeliten
außerhalb des Karmelgebirges zu Recht "deshalb Karmeliten
genannt werden wollen", weil sie sich im Geist Elijas in Stille und Einsamkeit
von der Welt frei machen, um ganz Gottes zu werden. Alle, die diesen mystischen
Raum des Karmels betreten, sind wahrhaft Karmeliten, "sowohl jene, die
auf dem Berg Karmel, als auch diejenigen, die anderswo wohnen". Ein paar
Jahrhunderte später wird der blinde Mystiker Jean de Saint-Samson
(15711636) dies so formulieren:
Wir müssen annehmen, daß die Orte, an denen wir wohnen, ebenso
viele Karmelberge sind. Und wir müssen sie heiligen in dem Maße
des uns Möglichen, mit einem sehr lebendigen, sehr innigen und tatkräftigen
Verlangen nach Heiligkeit, gemäß dem wahren Geist unserer
Ersten Väter und Gründer. Denn ihre strenge Einsamkeit wäre
nicht heilig gewesen, wenn sie sich selbst nicht ganz den Einflüssen
des Geistes Gottes hingegeben hätten. Aber weil sie gegen diese Einflüsse
kein einziges Hindernis errichtet haben, sind sie sehr heilig geworden. Und
sie haben sich gewaltig eingesetzt, aktiv und mit all ihren Kräften
zurückzufließen in Gott, in vollkommener Treue gegenüber
der Überfälle Seiner Gnade und Seines Geistes.
Religionsgeschichtlich sehen wir eine Parallele in der jüdischen Mystik.
Als es den physischen Tempel in Jerusalern noch gab, konnte der "Ort"
Bezeichnung für den physischen Tempel sein. Aber als der Tempel
70 nach Christus zerstört wurde, koppelten die frommen Juden "den
Ort" von dem physischen Heiligtum ab. Jeder Ort konnte fortan Heiligtum
werden.
Der Rabbi von Kobryn lehrte: Gott spricht zum Menschen, wie er zu Mose sprach:
Tue die Schuhe von deinen Füßen" - tue die Gewöhnung
ab, die deinen Fuß umschließt," und du wirst erkennen,
daß der Ort, auf dem du eben jetzt stehst, heiliger Boden ist. Denn
es gibt keine Wesensstufe, auf der man nicht, überall und allezeit, Gottes
Heiligkeit finden könnte."
Der Mensch steht auf heiligem Boden. Er ist umgeben von Gottes Heiligkeit.
Die Gewöhnung legt eine Schale um dieses Geheimnis. Dadurch erkennen
wir es nicht. Wenn wir diese Gewöhnung aber von uns abstreifen, werden
wir nackt und erfassen wieder unsere wahre Umgebung: Gott selbst als unseren
Ort.
Man fragte Rabbi Pinchas einmal: "Warum wird Gott Ort genannt? Freilich
ist er der Ort der Welt. Aber dann müßte man Ihn ebenso nennen
und nicht Ort schlechthin." Er antwortete: "Der Mensch soll
in Gott eingehen, daß Gott ihn umgebe und sein Ort werde."
Die Parallele ist deutlich: Weil die Karmeliten von dem physischen Karmel
vertrieben wurden, wurden sie gezwungen, jeden Ort als einen geistlichen Karmel
anzusehen. Dieser Karmel muß jeden Tag neu entdeckt werden. Die Karmelregel
kann dabei eine Hilfe sein.
ie Karmelregel ist von Albertus von Avogrado, dem Patriarchen von Jerusalem,
geschrieben. Albertus wurde um 1150 zu Castrum Gualtierii, im Bistum Parma,
geboren. Er schloß sich den Regularkanonikern vom Heiligen Kreuz
in Mortara an, die nach der Regel des Augustinus lebten, und wurde 1180 zum
Prior gewählt. Er war Bischof von Bobbio (1184) und leitete zwanzig
Jahre lang das Bistum Vercelli (1185-1205). 1205 wurde er von den Kanonikern
vom Heiligen Grab zum Patriarchen von Jerusalem gewählt. Weil Jerusalem
von den Sarazenen besetzt war, ließ er sich in Akkon nieder. Mehrmals
führte er für Papst Innozenz III. heikle Aufträge aus. Seine
diplomatischen Fähigkeiten hatte er dringend nötig, um die Meinungsverschiedenheiten
zwischen den Christen im Heiligen Land, das inzwischen zu einem schmalen Küstenstreifen
von Jaffa bis Akkon zusammengeschrumpft war, einigermaßen in gute Bahnen
zu lenken. Am 14. September 1214 wurde er, fast 65 Jahre alt, während
einer Prozession erstochen.
Albertus war für die Abfassung der Karmelregel bestens geeignet. Er
war über die religiösen Erneuerungsbewegungen gut informiert und
in Rechtsfragen bewandert. Zwischen 1206 und 1214 hat er seine Regel
den Eremiten auf dem Karmel übergeben.
Die Karmeliten dürfen sich über die Regel des Albertus freuen. Denn
obwohl die Karmelregel die kleinste unter ihresgleichen ist, hat sie
in ihrer Knappheit die Aussagekraft eines Gedichts. Mehrere Schichten greifen
dabei ineinander. Wir lassen die wichtigsten folgen.
1. Literarisch gesehen, ist die Karmelregel ein Brief. Das 12. Jahrhundert
war das Goldene Zeitalter der Briefschreibekunst. Gute Briefschreiber waren
in den kirchlichen und weltlichen Kanzleien, die zu jener Zeit im Entstehen
waren, sehr gefragt. Es gab eine spezielle Ausbildung in der "Briefschreibekunst"
(ars dictandi oder ars dictaminis). Lehrer und Studenten verfügten
über fertige Handbücher mit vielen Briefvorlagen, um sich diese
Kunst zu eigen zu machen.
Die literarische Form des Briefs bietet viele Möglichkeiten. Zunächst
ist eine unbegrenzte Vielfalt von Absendern und Adressaten möglich: hoch
- niedrig, privat - öffentlich, lebend - tot, Himmel - Erde, weitab -
nahebei usw. Genauso unbegrenzt ist der Inhalt: persönlich - geschäftlich,
juristisch - poetisch, fiktiv - wirklich usw. Doch bedeutet diese Flexibilität
keine Formlosigkeit. Wer nach den Regeln der Kunst einen Brief schrieb, hielt
sich an folgende Standardform:
Auftakt (salutatio oder prologus)
Ausgangspunkt (exordium)
Darlegung (narratio)
Bitte (petitio)
Schluß (conclusio).
Die Karmelregel, geschrieben zu Beginn des 13. Jahrhunderts, entspricht dieser
Standardform: Nach dem Auftakt (salutatio) entfaltet Albertus seinen Ausgangspunkt:
den Kern des gottgeweihten Lebens (exordium), wonach er die karmelitanische
Lebensform darlegt (narratio). In dieser karmelitanischen Lebensform
will er das Wesen des gottgeweihten Lebens realisiert sehen (petitio).
Dann nimmt Albertus Abschied (conclusio). Unsere Auslegung der Regel folgt
dieser Gliederung.
2. Historisch gesehen, ist die Karmelregel mit Entwicklungen im religiösen
Leben während des 11., 12. und 13. Jahrhunderts verwoben.
Im 11. Jahrhundert kam eine umfangreiche religiöse Bewegung zur Blüte,
die sich zum Ziel setzte, Jesus in seiner Armut und in der Verkündigung
des Evangeliums nachzufolgen. Ihre Anhänger nannten sich die Armen Christi.
Viele von ihnen suchten die Nachfolge Christi in Wallfahrten und in der Teilnahme
an den Kreuzzügen, die zwischen 1095 und 1291 stattfanden. Letztere hatten
zum Ziel, die heiligen Stätten in Palästina von den Sarazenen
zurückzuerobern. Die Kreuzzüge haben für manchen Pilger oder
Kreuzfahrer den Weg zum Berg Karmel gebahnt. Dort wünschten sie ihre
Pilgerschaft als Einsiedler zu vollenden. Diese Einsiedler gehörten nicht
einem kirchlich anerkannten Orden an. Doch waren sie auch nicht mehr
einfache Laien, wie die Gläubigen in einer Pfarrei. Sie stellten
einen Zwischenweg (via media) oder einen Zwischenstand (status medius)
zwischen dem Laientum und dem offiziellen Klosterwesen dar. Sie gehörten
zu dem, was man heute das Semireligiosentum nennt, ein Sammelname für
alle Personen und Gruppen, die ein gottgeweihtes Leben führen wollen,
ohne einer offiziellen Ordensgemeinschaft anzugehören. Oft standen sie
den Laien nahe und boten diesen ohne viele rechtliche Verpflichtungen eine
Form intensiveren christlichen Lebens oder Zusammenlebens.
Im 12. Jahrhundert führte der Elan dieser Semireligiosen zur inneren
Reform des Klosterwesens: von Kanonikern und Mönchen. Diese Reform
bestand aus einer Rückkehr zum ursprünglichen Charisma, wie
es in den Regeln Augustins und Benedikts niedergelegt ist. Schlüsselwörter
waren: Schlichtheit, Armut und Demut. Der Kanonikerorden wurde durch die Prämonstratenser
und die Viktoriner erneuert. Bei ihnen lag der Nachdruck auf der Liturgie
und dem Apostolat. Der Mönchsorden wurde von den Zisterziensern reformiert.
Bei ihnen standen Liturgie und Handarbeit an erster Stelle. In beiden Erneuerungen
nahm das Gemeinschaftsleben eine zentrale Stellung ein.
Im 13. Jahrhundert folgte eine neue Phase in der Entwicklung des Klosterwesens:
die Entstehung der Brüderorden (fratres). Sie unterschieden sich von
den älteren Orden durch ein ausgesprochen demokratisches Lebensmodell
und durch weitgehende Besitzlosigkeit. Deshalb wurden sie Bettelbrüder
(mendicantes) genannt. Die bedeutendsten Bettelorden, die zu Beginn des
13. Jahrhunderts entstanden und kirchliche Anerkennung fanden, waren die Franziskaner
(Minderbrüder) und die Dominikaner (Predigerbrüder).
ie Entstehung des Karmelordens fand im Kontext dieser Entwicklungen statt.
Wir können in der Anfangsperiode des Ordens drei Phasen unterscheiden.
Die erste Phase ist die der Eremiten. Einige Pilger entschieden sich für
die Einsamkeit des Karmels. Sie betrachteten Bruder B. als ihren Leiter. Von
B. wissen wir weiter nichts. Der Buchstabe B. hat sein Geheimnis nie preisgegeben.
Die Eremiten wohnten in oder bei dem Wadi-'Ain-es-Siah, drei Kilometer vom
nördlichsten Punkt des Karmels und einen Kilometer von der Küste
entfernt. Das Wadi hat eine Oberfläche von 500 mal 1500 Metern,
bietet Ausblick auf das Meer und liegt einige hundert Meter von zwei Quellen,
die eine nördlich, die andere südlich gelegen, entfernt. Die südlich
gelegene Quelle war bei den Kreuzfahrern als die Quelle des Elija, kurzweg
die Quelle, bekannt. Die Eremiten wohnten in einzelnstehenden Zellen, vertieften
sich in die Schrift und widmeten sich dem Gebet.
Die zweite Phase ist die der Eremiten-in-Gemeinschaft auf dem Karmel. Die
Eremiten faßten den "Plan" (propositum), eine Gemeinschaft
zu bilden. Albertus arbeitete ihren "Plan" zu einer zönobitischen
"Lebensregel" (formula vitae) aus. Diese Lebensform verbindet
Einsiedler-Elemente (in der Zelle bleiben; Tag und Nacht Schriftlesung; Kampf
gegen dämonische Mächte; arbeiten in Stille usw.) mit Elementen,
die das religiöse Gemeinschaftsleben strukturieren (einen Prior
haben; Gütergemeinschaft; gemeinsame Eucharistiefeier usw.).
Die dritte Phase ist die der Mendikanten in Europa. Die Karmeliten haben nicht
lange auf dem Karmel gewohnt. Der Islam hat sie vertrieben. Von 1238 an begann
der Auszug aus Israel. Es entstanden Einsiedeleien auf Zypern und Sizilien,
im Süden von England und Frankreich. Zurück in ihrem Herkunftsland,
trafen die Karmeliten eine veränderte Situation an. Nicht nur hatte die
Verstädterung zugenommen, auch die neuen religiösen Bewegungen
hatten sich weiter profiliert. Die Bettelbrüder waren sehr populär,
und die Päpste förderten sie, hielten sie sogar außerhalb
der bischöflichen Jurisdiktion. Die Karmeliten - hervorgegangen aus derselben
Erneuerungsbewegung - fühlten sich zu den Bettelbrüdern hingezogen.
Es gelang ihnen, die nötigen Rahmenbedingungen für diese Lebensform
zu erwerben: Erlaubnis zur öffentlichen Eucharistiefeier; zum Beichte-Hören;
Besitz von Kirchen und einem eigenen Friedhof, Genehmigung zum Betteln; Erlaubnis
zur Seelsorge usw. Allmählich entschieden sich die Karmeliten - vor allem
durch die Praxis dazu gebracht - für die Lebensweise der Brüderorden.
Die Entstehungsgeschichte des Karmelordens hat ihre Spuren in der Regel hinterlassen.
Die Karmelregel trägt drei religiöse Konzepte in sich: die eremitische
Lebensweise, die zönobitische Lebensform und das Leben als Bettelbrüder.
Die Kombination dieser drei Konzepte wurde nicht erdacht, sondern innerhalb
eines Jahrhunderts gelebt: vom Eremiten zum Zönobiten, vom Zönobiten
zum Mendikanten. Die Spannungen zwischen diesen drei Typen gottgeweihten Lebens
haben intern zu Konflikten geführt, bis zum heutigen Tag. Aber sie haben
die Karmeliten auch gezwungen, in die Tiefe zu gehen, um unter der Oberfläche
nach dem mystischen Raum der Betrachtung zu suchen, von dem aus gesehen
Formen und Konzepte relativ sind.
3. Rechtlich gesehen, spiegelt die Karmelregel den Dialog zwischen der Karmelgemeinschaft
und der kirchlichen Leitung wider. Dieser Dialog beginnt in dem Augenblick,
da B. und die anderen Eremiten Albertus, dem Patriarchen in Jerusalem, den
oben erwähnten Plan vorlegen. Wahrscheinlich haben sie diesen Plan
in einem Gespräch mit ihm vorgetragen. Albertus übernahm ihren
Plan und begründete den Karmel als religiöse Gemeinschaft.
Das bedeutete noch nicht, daß die Karmeliten damit ein Orden wurden
wie andere vor ihnen. Wenn das die Absicht des Albertus oder der Brüder
gewesen wäre, dann hätten sie eine der bestehenden Regeln annehmen
können. Das haben sie nicht getan. Beide Parteien entschieden sich für
ein neues, zeitgemäßes Konzept. Damit wurden die Karmeliten von
der Kirche in ihrer semi-religiosen Lebensweise bestätigt. Mit der Gutheißung
ihrer eigenen Verhaltensregel gab der Bischof von Jerusalem den Karmel-Eremiten
die Bestätigung ihres tatsächlichen Lebensmodells: eines eigenen
Wegs zwischen den kirchlich anerkannten Klosterorden und dem allgemeinen
Laientum.
Durch diese Lebensform war die Stellung des Karmels aber keineswegs gefestigt.
Die Anerkennung war nur bischöflich und galt nur lokal. Als deshalb
1215 das Vierte Laterankonzil die Explosion neuer religiöser Gruppierungen
einzudämmen suchte, fühlten sich die Karmeliten in ihrer Existenz
und ihren Entfaltungsmöglichkeiten bedroht. Daher suchten sie für
die Lebensform des Albertus die päpstliche Approbation zu erhalten. 1226
empfingen sie von Honorius III. eine erste schriftliche Bestätigung, die
1229 mit drei Briefen Gregors IX. bekräftigt wurde.
Als die Karmeliten vom Karmel vertrieben wurden, wurden sie wurzellos und unsicher
über sich selbst. Während dieses Prozesses geistiger Heimatlosigkeit
und des Suchens nach einer eigenen Identität fand das Generalkapitel von
1247 statt. Das Kapitel sandte zwei Mitbrüder nach Rom mit der Bitte, zweifelhafte
Punkte in der Regel zu verdeutlichen und zu verbessern und einige Verpflichtungen
zu ändern? Papst Innozenz IV. beauftragte damit zwei Dominikaner,
die schon nach einem Monat mit dieser Arbeit fertig waren. Der Papst bestätigte
ihre Arbeit und sandte den endgültigen Regeltext an den Generalprior.
Er fügte ein Begleitschreiben bei, in dem er anordnete, "alle anderen
Kopien Eurer Regel übereinstimmend mit diesem endgültigen Text zu
korrigieren".
Drei Punkte sind von nun an klar:
a)Dadurch, daß die drei Gelübde (Gehorsam, Armut, Keuschheit)
am Beginn dieser Lebensform stehen, sind die Karmeliten fortan offiziell Ordensleute.
b)Die Berater biegen die Regel mit Hilfe kleiner Änderungen (Häuser
haben in den Städten; gemeinsam essen im Refektorium; mit dem Volk zusammen
die Horen beten; bettelnd umherziehen als Form apostolischen Lebens) in die
Richtung einer Mendikantenregel.
c)Innozenz IV, läßt keinen Zweifel daran, daß die Lebensform
des Albertus eine Regula ist.
Damit geht ein ein halbes Jahrhundert währender Prozeß zu Ende.
Zu guter Letzt konnten die Eremiten vom Berg Karmel ... die Tatsache feiern,
daß sie ihre eigene genehmigte und bestätigte Regula hatten, eine
echte Regel, die zu den drei Gelübden des Ordensstandes verpflichtete,
eine vorn Apostolischen Stuhl approbierte Regel ... Mit dieser Regel
konstituierten die Eremiten einen Orden.
Die Verbesserungen, die Innozenz IV. vornahm, setzten sich durch. Nach innen
hin entwickelte sich der Mendikantencharakter des Ordens weiter. Das rief
im eigenen Kreis Widerstand hervor, vor allem unter den Vertretern der eremitischen
Tradition, denen vor Häusern in den Städten und dem bettelnden Umherziehen
grauste. Aber auch von außen wuchs der Widerstand, vor allem von
seiten der Bischöfe und Priester, die sich in ihrem pastoralen Territorium
bedroht fühlten.
Die größte Krise sollte aber noch kommen. Das Zweite Konzil von
Lyon verbot 1274 allen neuen Orden - mit Ausnahme der Franziskaner und Dominikaner
-, neue Anwärter aufzunehmen. Das hätte mit der Zeit Untergang
bedeutet. Doch es ging zum Glück noch einmal gut aus. 1265 erhielt der
Karmelorden definitiv den Status eines Bettelordens.
Johannes XXII. zog daraus die letzte Konsequenz, er machte 1317 den Orden
exemt, wodurch er nicht mehr der bischöflichen Gewalt unterworfen
war. 1326 gab er dem Karmelorden die gleichen Rechte wie den Franziskanern
und Dominikanern. Von da an partizipierte der Orden voll und ganz an
der Vitalität der religiösen Bewegungen. Um 1300 zählte
er, auf zwölf Provinzen verteilt, etwa 150 Häuser.
Die Regel kann rechtlich als die Spur eines lebendigen Hin und Her zwischen
der Leitung der Kirche und dem Karmel gesehen werden. Auf den ersten
Brief des Albertus sollten bis 1300 noch an die 100 päpstliche Briefe
folgen! Das letzte Hin und Her, was die Regel betrifft, fand 1432 statt. Papst
Eugen IV. gestattete zwei Milderungen. Die erste betraf den Aufenthalt
in der Zelle: Fortan durfte man sich ungehindert in der Kirche, im Kreuzgang
und in der unmittelbaren Umgebung des Klosters bewegen. Die zweite betraf
die Abstinenz vom Fleisch-Essen: Sie wurde auf drei Tage in der Woche begrenzt:
"Die Milderung der Ordensregel vom Jahr 1432 kam als die letzte Phase
einer Entwicklung, wodurch die Karmeliten zu Mendikanten wurden.“
4. Intertextuell gesehen, klingen in der Regel mehrere Traditionen an. Zunächst
biblische: Einige Abschnitte in der Regel sind eine Aneinanderreihung
von Schriftzitaten. Ferner spezifische Ordenstraditionen: alte Klosterregeln,
vor allem die des Augustinus, klassische geistliche Schriftsteller, wie Cassian
(ca. 365-435), und gebräuchliche juristische Wendungen. In der Regel
klingt die religiöse Vergangenheit an, aus der sie hervorging.
Aber es gibt noch eine andere intertextuelle Resonanz: Die Regel klingt nach
in den karmelitanischen Traditionen, die sie begründet hat! In der "Rubrica
Prima" zum Beispiel findet die Regel insofern Resonanz, als die fundamentale
Spannung zwischen der eremitischen und der zönobitischen Lebensweise
artikuliert wird. Im "Buch der ersten Mönche" macht sich die
Regel insofern bemerkbar, als dort die Grundspannung zwischen Arbeitsziel
(Askese) und Endziel (Mystik) in der Gestalt des Elija, des Prototyps
der Karmeliten, dargestellt wird. In der karmelitanischen Mystik schwingt
die Regel mit, weil dort das Mehr sichtbar wird, das über alle Grenzen
des Regelbaren hinauszieht. In der Familia Carmelitana - allen Orden, Kongregationen
und religiösen Instituten, die der Karmelregel folgen - spiegelt
sich die Regel insofern wider, als dort die karmelitanische Vielfalt gelebt
wird: von Eremiten irgendwo in der einsamen Wüste von Süd-Colorado
oder den Hügeln von Villefranche; von Mendikanten in den Slums einer
Großstadt oder einem Kreiskrankenhaus; von Zönobiten, die betend
und arbeitend in Apostolat oder Bildungsarbeit die Urgemeinde von Jerusalem
darstellen wollen.
So ist die Regel intertextuell verwoben mit Traditionen vor ihr, die sie prägten,
und Traditionen nach ihr, die sie begründete.
5. Spirituell gesehen, zeichnet sich in der Karmelregel ein geistlicher Weg
ab. Die Regel ist eine spirituelle Architektur: ein Ganzes, in dem die Teile
so aufeinander bezogen sind, daß sie zusammen einen Weg bilden, der
zu Gott führt, oder besser: Gott die Chance gibt, uns zu finden. Dieser
Weg beginnt bei den elementaren Gegebenheiten des täglichen Lebens, die
eingeübt werden, um sich zu öffnen für Gottes Einwirkung,
die kein Ende kennt. Das "Buch der ersten Mönche" sagt es so:
Ihr sollt lernen, wie wir den Weg des Herrn zu unserem Herzen bahnen, bahnen
die Pfade, auf denen Gott zu uns kommt, damit wir, wenn Er kommt und anklopft,
Ihm sogleich auftun, der sagt: "Siehe, ich stehe an der Tür und
klopfe an. Bei jedem, der meine Stimme hört und die Tür öffnet,
will ich einkehren. Ich werde Mahl mit ihm halten und er mit mir."
Seine Regel will uns lehren, die elementaren Gegebenheiten des Lebens so einzuüben,
daß sie den mystischen Raum bilden, in dem Gott sich selbst geben kann.
Die Karmelregel als geistlicher Weg steht in unserer Auslegung zentral.
Der spirituelle Weg der Karmelregel
iterarisch gesehen, ist die Regel wie schon erwähnt ein Brief. Historisch
gesehen, dokumentiert sie die Entstehungsperiode des Karmelordens. Juristisch
gesehen, spiegelt sie den Dialog zwischen der Kirchenleitung und einer
Gruppe von Einsiedlern, die Anerkennung sucht, wider. Intertextuell gesehen,
bildet sie ein Glied zwischen den religiösen Traditionen, aus denen sie
schöpft, und der Karmeltradition, die sie begründet. Spirituell
gesehen, zeichnet die Karmelregel einen geistlichen Weg vor. Dieser geistliche
Weg ist es, der uns, durch alle Auslegungen hindurch, fesselt.
Der geistliche Weg wird von dem Wüstenmönch Abraham mit dem Bau
eines Kuppelgewölbes verglichen: Bei jedem Stein, den der Maurer legt,
bei jeder Runde, die er zieht, läßt er sich von einem äußerst
präzisen Mittelpunkt leiten. Schicht für Schicht wird um diesen
Mittelpunkt herum die Kuppel hochgezogen. Horizontal und vertikal entstehen
Rundungen um diesen einen Mittelpunkt. Je weiter der Bau voranschreitet,
um so mehr wird die unsichtbare Mitte sichtbar, welche die Kuppel von innen
her formt.
Wenn jemand das Kuppelgewölbe einer Apsis hochziehen und in der Höhe
abschließen will, muß er die ganze Rundung auf diesen Mittelpunkt
hin entwerfen und ausrichten; denn es ist dieser Punkt, auf den es haargenau
ankommt: Auf ihn hin muß alles berechnet, er muß genau angezielt
werden. Wer ein solches Werk vollenden wollte, ohne sich an diesen Zentralpunkt
als Prüfstein zu halten, würde niemals eine völlig regelmäßige
Rundung zuwege bringen; er würde auch nicht durch bloßen Augenschein
feststellen können, in welchem Ausmaß sein Irrtum jene Schönheit
beeinträchtigt, die das Ergebnis einer vollkommenen Rundung ist.
Deshalb muß er sich beharrlich auf jenen Fixpunkt beziehen, nach dem
allein er seine Maße berechnen und ihre Richtigkeit beurteilen kann.
In dem Licht, das er von daher empfängt, muß er genau die innere
und die äußere Rundung seines Bauwerks bestimmen. Nur in einem
einzigen Punkt wird eine so gewaltige Konstruktion ihren vollendenden Schlußpunkt
finden können.
Das ist ein herrliches Bild für den geistlichen Weg. Und dies aus mehreren
Gründen.
1. Beim Kuppelbau und bei der Spiritualität greifen stets zwei Bewegungen
ineinander. Einerseits haben wir die Wirkung der Mitte, die wie eine unsichtbare
Hand jede Bewegung lenkt. Anderseits haben wir die Arbeit des Maurers, der
Stein für Stein und Schicht für Schicht die Kuppel entstehen läßt.
So ist auch in der Karmelregel ein doppelter Gesichtspunkt wirksam: einerseits
der Messias, der von der Begrüßung bis zum Schluß das Wesen
des geistlichen Weges bildet, anderseits der Weg, den jede Seele von der elementarsten
Einübung an bis zu ihrem höchsten Heil geht.
2. Bei Kuppelbau und bei Spiritualität gibt es ein Arbeitsziel und ein
Endziel. Das Arbeitsziel ist der horizontale Kreis, der Stein für
Stein entsteht und auf dem die folgende Schicht weiterbaut. Das Endziel ist
das Ganze, das die Mitte entfaltet. Ich sage das mit Absicht zweideutig: Das
Ganze und die Mitte können beide Subjekt und Objekt sein. Die Mitte trägt
gleichsam von innen aus die Kuppel auf Händen, und die Kuppel entfaltet
die Mitte gleichsam nach allen Seiten. Die Entfaltung der Mitte und die Bildung
des Ganzen greifen unteilbar ineinander. So scheinen auch die Kapitel in der
Regel anfangs ziellos hintereinandergeschaltet zu sein. Aber bei näherem
Zusehen wird zuerst der Kreis der Grundausstattungen gelegt (I-IV). Auf diese
greift der Kreis der elementaren Aneignungen zurück und baut darauf
weiter (VII-XIII). Die Aneignungen machen empfänglich für die Tugenden,
in denen sich Gott selbst mitteilt (XIV). Die Selbstmitteilung Gottes
erfordert eine stetige Verinnerlichung, die im stillen Wirken vom Ende her
Form erhält (XV - Schluß). Ganz allmählich erwacht das wirkliche
Bewußtsein, daß dieses messianische Leben die ewige Mitte
ist, in der wir wohnen dürfen (petitio).
3. Der Kuppelbau bringt bildhaft zum Ausdruck, daß Spiritualität
ein spiralartiges Geschehen ist. Immer neue Schichten von uns selbst
und der Wirklichkeit um uns herum werden in den Umformungsprozeß einbezogen.
jedesmal wieder durchlaufen wir den ganzen Prozeß, und doch bieten sich
jedesmal wieder neue Bereiche an, in Berührung mit der Mitte zu kommen.
Es hat den Anschein, als machten wir keine Fortschritte. jedesmal kommen
wir auf denselben Punkt zurück. Das ist Schein. In Wirklichkeit
vertieft und verdichtet sich der Prozeß, durch den die Kuppel immer
fester von der Mitte aus geformt wird. So ist zum Beispiel das Bleiben in
der Zelle anfangs ein rein physisches Geschehen. Aber allmählich - wenn
wir mehrmals den ganzen Gang der Regel durchlaufen haben - formt dieses
Bleiben in der Zelle unsere Beständigkeit, gründet uns in der Schrift
und im Gebet, festigt unser Haften im Messias wie die Rebe in einem Weinstock.
So berührt eine elementare Übung - das Bleiben in der Zelle - tiefe
Schichten in uns und formt diese um.
4. Kuppelbau und Spiritualität sind ein fragiles Geschehen. Solange die
Kuppel nicht vollendet ist, ist sie äußerst brüchig. Nur ein
kleiner Stoß, und der ganze Bau stürzt zusammen. Wenn die Kuppel
vollendet ist, sind alle Punkte auf der Kuppel der Mittelpunkt eines starken
Kraftfeldes. Eine vollendete Kuppel ist fast nicht zum Einsturz zu bringen.
Das gleiche gilt für Spiritualität: Allein vom Ganzen aus bekommen
die Teile ihren festen Platz und ihre innere Kraft. Sonst fallen sie wie loser
Sand auseinander. Auch die Karmelregel ist vor allem ein Ganzes, durch die
Mitte zusammengehalten. Erst von diesem Ganzen her empfangen alle Elemente
ihren festen Platz und ihre innere Kraft. Wo man auch beginnt, immer
steht man in der Mitte der Kuppel, denn alle Hauptlinien laufen dort zusammen.
So kann man sagen, daß das Bleiben in der Zelle den zentralen Punkt
der Karmelkuppel bildet, denn dort kommt alles zusammen: Schriftlesung,
Gebet, Wachen, Arbeiten, Stille, Hoffnung, Vertrauen. Aber auch die Eucharistie
bildet den zentralen Punkt: Alle Zellen kommen dort zusammen, alle Stunden
des Tages, das Bleiben im Messias, die Wegzehrung für unterwegs, die
Brüderlichkeit, die Hoffnung auf das Ende. Bei welchem Punkt auf der
Karmelkuppel wir auch beginnen, stets kommen dort die Hauptlinien des Ganzen
zusammen.
Wir wollen nun, auf der Grundlage der Erklärung, die wir gegeben haben,
den spirituellen Weg der Karmelregel beschreiben. Wir folgen dabei dem Weg
der Regel selbst, die von Kapitel zu Kapitel komplexer und grundlegender
wird. Das steht in Übereinstimmung mit dem Fortgang des geistlichen
Weges selbst, der nach Ansicht der Wüstenväter in dieser Hinsicht
dem Erlernen einer Kunst oder eines Handwerks gleicht.
Die Vollkommenheit beginnt in jedem Handwerk und in jeder Wissenschaft mit
tastenden Übungen und wird zuerst in leichteren und zarteren Anfangsgründen
unterrichtet, damit der Schüler, gleichsam mit vernünftiger
Milch genährt und aufgezogen, heranwachse und so kaum merklich vom
Niedrigsten zum Höchsten stufenweise aufsteigt. Ist er dadurch in
die einfacheren Anfänge und sozusagen Tore des ergriffenen Berufs hineingeschritten,
so wird er nach und nach ohne Mühe auch zum Kern der Vollkommenheit und
zu den erhabenen Gipfeln gelangen.
1. Die Grundausstattungen als spirituelles Symbol
Grundgegebenheiten in der spirituellen Umformung sind die Art und Weise
(modus vivendi), wie eine Spiritualität angelegt ist, die Form (formula
vitae), die zur Einübung dargeboten wird, der Plan (propositum),
der vorgelegt, die religiöse Lebensweise (religio), die gewählt
wird, kurzum: das Wie (qualiter) oder die Ordnung (ordo) der Dinge. Wir nennen
diese Grundgegebenheit Struktur. Diese Struktur wird eingesetzt (instituere),
ja festgesetzt (statuere).
Struktur darf nicht oberflächlich verstanden werden. Denn es handelt
sich um die Architektur einer religiösen Lebensweise. In ihr wird eine
Welt erschlossen. Sie ist eine Gründung. Derartige Schöpfungen werden
Gründervätern zugeschrieben: "Vielmals und auf vielerlei Weise
haben die Väter gelehrt ..." (exordium); "nach den Anordnungen
der Väter ..." (VIII). Es ist der Patriarch von Jerusalern, der
die Karmelform einsetzt: "ordnen wir erstens dies an ..." (narratio);
"Deshalb bestimmen wir ..." (XVI). "Dies haben wir euch kurz
geschrieben und damit eine Regel für euer Verhalten festgesetzt...“(conclusio).
Diese Architektur wird näher ausgeführt in strukturierenden
Handlungen, wie der Wahl des Priors (I), der Wahl des Aufenthaltsortes (II),
der Zuweisung der Zellen (III und V), dem Empfang der Gäste (VI), der
Verteilung der Güter (IX) usw. Alles, was die Karmelform konkret strukturiert,
partizipiert am Stiftungscharisma der Gründerväter. Der Einsetzung
der karmelitanischen Grundform gehört das Hauptinteresse in Abschnitt
1 (Kapitel I-IV), zieht sich aber als Unterton durch die ganze Regel.
Wenn wir von diesen Grundgegebenheiten aus auf die Architektur blicken, wie
sie in der Karmelregel zutage tritt, erhalten wir das folgende Bild.
a. Es handelt sich um eine Gemeinschaft. Diese ist auf der Ebene der Autoritätsverhältnisse
nach dem Muster Prior-und-Brüder strukturiert (I, petitio). Mit
Hilfe dieses Musters werden wichtige Entscheidungen kanalisiert (II-III und
IX). Aber die Gemeinschaft manifestiert sich auch durch das Zusammenkommen:
zusammen essen, zusammen die Schriftlesung hören, zusammen die Eucharistie
feiern, zusammen die wesentlichen Dinge besprechen (IV, VIII, X, XI).
Ferner strukturiert sich die Gemeinschaft auf ökonomischer Ebene: Jeder
trägt sein Steinchen zu der Gütergemeinschaft bei, die, zusammen
mit den Schenkungen, groß genug ist, um jedem das Seine zu geben (X,
XII, XIII, XV) über die Hand des Priors (XV). Schließlich
manifestiert sich die Gemeinschaft in der Stille, die den anderen achtet und
Raum schafft für Seine Gegenwart (XVI).
b. Diese Gemeinschaft bewohnt einen Ort, ursprünglich das Karmelgebirge,
später eine Wohnstätte in der Einsamkeit oder in der Stadt. Dieser
Ort bietet jeder Person dadurch Raum, daß jeder eine Zelle hat (III).
Er gibt der Gemeinschaft Gestalt, vor allem im Gebetsraum und im Refektorium
(IV, X), und ist für Menschen von draußen zugänglich (VI).
c. In der Gemeinschaft und dem Aufenthaltsort leben die einzelnen Brüder.
Jeder der Brüder hat aktives und passives Stimmrecht (I). jeder von ihnen
hat eine eigene Zelle (III), aber nicht als privaten Besitz (V). Ihrem Alter,
ihren primären Bedürfnissen und ihrem Gesundheitszustand wird Rechnung
getragen (IX, XII, XIII). In Stille verrichten sie ihre Arbeit (XV bis XVI).
Das Heil ihrer Seele liegt der Gemeinschaft am Herzen (XI).
d. In der Zelle erhält der eigene Platz eines jeden Bruders innerhalb
des Aufenthaltsortes und innerhalb der Gemeinschaft seine Verankerung.
Dort läßt sich der Bruder auf die Konfrontation mit der Einsamkeit
ein. Von dort kommt er zur Mitte der Gemeinschaft.
e. Die lokale Gemeinschaft steht im Dialog mit der Umgebung auf vier verschiedenen
Ebenen.
Erstens: Die Entstehung der Regel zeigt, daß ein lebendiger Dialog
zwischen der Kirchenleitung (Albertus und die Päpste) und der Karmelgemeinschaft
bestand, ursprünglich in dem Spannungsfeld von Struktur - Antistruktur.
Zweitens: Der Regel zufolge gab es einen lebhaften Umgang mit Sympathisanten.
Diese schenkten Wohnraum und/oder Gebäude (II), gaben Almosen und Spenden
für den Lebensunterhalt (IX), wurden von ihnen aus den verschiedensten
Gründen besucht (VI), beteten mit ihnen (VIII, X).
Drittens: Es bestand eine Verbindung mit anderen religiösen Gemeinschaften.
Die Karmeliten sehen sich selbst als eine Form religiösen Lebens
(exordium). Am lebendigsten ist ihre Beziehung zu der religiösen
Erneuerungsbewegung. Deshalb war der Kontakt mit Albertus wahrscheinlich so
herzlich (salutatio). Die Abänderungen der beiden Dorninikaner werden
sie von Herzen begrüßt haben. Als die Karmeliten gezwungen
wurden, nach Europa zurückzukehren, fanden sie sich mühelos in Einklang
mit der Mendikantenbewegung: Das Gemeinschaftselement (Brüderlichkeit)
wurde verstärkt; die Bedeutung bestimmter Elemente (Meditation, Chorgebet,
Eucharistie, das Wort Gottes als Schwert des Geistes) verschob sich in Richtung
des apostolischen Lebens; neue Elemente (Speiseraum, bettelnd umherziehen,
internationaler Verbund) wurden integriert. Viertens: Man stellt sich
in die sich wandelnde Kultur. Der gesellschaftliche Schwerpunkt verschob sich
vom flachen Land in die Städte. Innerhalb dieser Stadtkultur (Heimarbeit,
städtische Schulen, Bürgertum, Handelsfreiheit, freier Besitzerwerb,
politische Selbständigkeit, Demokratisierung) wählten sich die Karmeliten
ihren Ort. Innerhalb der Armutsbewegung (keine Besitzbildung durch Eigentum)
entschieden sie sich für die Geringeren (minores) und die Geringsten.
f. Diese lokale Gemeinschaft kennt eine Zeitordnung. Es gibt Tätigkeiten,
die eine Art Kontinuum bilden, bezeichnet mit Tag und Nacht: Schriftmeditation
und Gebet in der Zelle (VII), arbeiten in Stille (XV-XVI). Andere Verrichtungen
sind auf bestimmte Zeiten beschränkt: die kanonischen Stunden (VIII),
die tägliche Eucharistiefeier (X), das wöchentliche Kapitel (XI),
die Fasten- und Abstinenzzeiten (XII-XIII).
Diese Architektur ist keine rein sachliche Einrichtung. Sie ist ein spirituelles
Symbol in dem Sinn, den Viktor Turner und andere ihr geben. Bei einem
spirituellen Symbol handelt es sich um eine plastische Struktur, die nach
zwei Seiten zugleich wirkt. Einerseits ruft ein solches Symbol fundamentale
Werte wach. Es verweist auf ein Ganzes von Werten und Wahrheiten und
stellt dieses prasent, es bietet Ausblick auf eine geistige Wirklichkeit.
Zugleich berührt das Symbol tiefe Schichten in der Person, die damit
umgeht: Es ruft Sehnsüchte, Erinnerungen und Erfahrungen wach, es gibt
Ausblick auf den Personkern. Das gilt auch für die oben beschriebene
karmelitanische Architektur.
Der Aufenthaltsort muß zu einem Karmel werden. Es spielt keine Rolle,
ob ein Kloster auf dem Karmelberg liegt oder anderswo, in der Einsamkeit oder
in der Stadt, wenn der Ort nur zu einem Karmel wird. Und das kann allein dann
gelingen, wenn der Karmelit dort erwacht als Einsamer, der sich - wie sein
großes Vorbild Elija - die Einsamkeit zutraut als Weg zu der Wüste,
die Gott ist. So muß die Gemeinschaft zum Leib des "Messias"
werden. Die Regel sagt das ausdrücklich, wo es um die Struktur Prior-und-die-Brüder
geht: Prior und Brüder reichen einander den Messias an (petitio). Wo
die Brüder zusammen essen, lauschen sie dem Wort des Herrn (IV). Sie
kommen täglich um das Wort und den Leib und das Blut des Messias
(X) zusammen. Ihre Besprechungen wissen Ihn in ihrer Mitte (XI). Was
der Herr gibt, wird vom Prior an alle verteilt (IX). Ganz allgemein steht
die messianische Gemeinschaft des zweiten und vierten Kapitels der Apostelgeschichte
im Hintergrund. Auch die einzelne Person in einer eigenen Zelle wirkt symbolisierend:
Die Zelle sondert in Einsamkeit die Einzigartigkeit der Person aus, die
von der Schechina empfangen wird. Dasselbe gilt für die Umgebung.
Das gemeinsame Beten mit einfachen Menschen, das Umherziehen als Bettler
in deren Mitte, das Teilnehmen an ihrem Leben ist eine Lebensweise, die
sich mit dem Beten der Kirche verbindet, wo die Institution fließend
ist: nicht bestimmt durch Hierarchie, durch Standesunterschiede, durch Ansprüche
und Diskriminierung.
Schließlich bezweckt auch die Zeitordnung keine Beschwörung der
Langeweile und der langen Dauer. Sie vermittelt die Ausrichtung auf das Ende,
über den Gesichtskreis unseres Horizonts hinaus. Alle Bauelemente sind
also die Vermittlung einer Wertperspektive. Sie geben Ausblick auf eine
messianische Welt. Zugleich erwekken sie den messianischen Menschen tief
in uns. Sie zielen auf die Gottesgeburt in uns, den Bruder, der seine
Einsamkeit kennt und sich deshalb nichts darauf einbildet und sich dem anderen
gegenüber nicht erhebt, den Bruder, der sich in der Menschengemeinschaft
geboren weiß, ja der sich als ein einfaches Geschöpf weiß,
ein Kind Gottes, das sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Kinder
Gottes wartet (Röm 8,19-22).
2. Die spirituelle Einübung
Die karmelitanische Architektur kann nur dann wirksam sein, wenn es Bewohner
gibt, die sich diese Architektur aneignen. Sie kann nur dann zu einem
bewohnbaren Inneren werden, wenn sie interiorisiert wird. Die Wüstenväter
sagten schon, daß man nur "durch die Erfahrung des Tuns zu Sachverstand
kommen kann“.
Daher die Wichtigkeit der Einübung, die den Hauptpunkt des Interesses
in Abschnitt 2 der Regel (Kapitel VII-XIII) bildet, aber auch außerhalb
dieses Abschnitts stets eine Rolle spielt. Diese Einübung wird von der
Regel mehrere Male ausdrücklich berührt. Jeder Religiose wählt
eine bestimmte religiöse Lebensweise (exordium). An diese muß
man sich halten (narratio) oder besser: Diese muß man wahren, wie man
die Stille wahrt (XVI). Wer Stille wahrt, wird ein stille-wahrender Mensch:
Er wird voller Stille und wohnt darin wie in seiner Zelle. Man bewahrt (II)
und hütet (XI) eine bestimmte Ordnung, man lebt danach (conclusio), wie
man in einer Melodie oder einer Sprache oder einer Wohnung lebt.
Der Kern der Einübung ist also nicht die Anpassung, sondern das wirkliche
Sich-zu-eigen-Machen der angebotenen Sprache, die danach und dadurch
eine Wahrnehmungs- und Handlungsmöglichkeit bildet. So ist das wirkliche
Gehorchen (I und petitio) eine Einübung, die das Hören einer anderen
als meiner eigenen Stimme möglich macht. Eine solche Form kann ersetzt
werden durch eine andere, zum Beispiel durch ein Gruppengespräch.
Aber auch dann werde ich mir diese Form so zu eigen machen müssen,
daß ich die Stimme des anderen höre und nicht die Gruppe als Podium
für meine Monologe mißbrauche. Der Aufenthaltsort muß bewohnt
werden, und in der Zelle muß man bleiben, um dadurch zu erfassen, wie
generös die Wirklichkeit ist, die mich empfängt (II-III und VII).
Das geht natürlich auch anders. Aber auch dann wird die konkrete Einübung
der Selbstbejahung, der geschenkte Empfang im Leben, Einübung erfordern.
Der Selbsthaß läßt sich nicht so leicht überwinden,
lehrt die Erfahrung. Die Schrift und insbesondere die Psalmen stehen für
eine Kultur, die von göttlicher Erfahrung durchtränkt ist. Will
ich in und aus dieser Erfahrung leben, ist eine tiefstmögliche Interiorisation
notwendig: Die Schrift muß gehört (IV) und rezitiert (VII), die
Psalmen müssen gesprochen werden (VIII).
Natürlich kann man innerhalb der Schrift andere Akzente setzen oder innerhalb
der Tradition andere Texte auswählen (Vätertexte, mystische Texte,
neuzeitliche Texte), aber auch dann gilt: Wenn sie wirklich unsere Augen öffnen
und unser Handeln orientieren sollen, dann ist ein Lernen nach innen notwendig.
Ist ein Text nicht in mich eingegangen, kann ich nicht in ihn hineingehen.
Und bin ich nicht in ihn hineingegangen, dann ist er (noch) nicht mein Sinnesorgan
und Orientierungsvermögen. Dasselbe gilt für den Gemeinschaftsmenschen,
der ich werden kann.
Die Regel bietet einige treffsichere Übungsmodelle an (IX-XI): das Eigene
vergemeinschaftlichen (Dinge, Begabungen, Fertigkeiten, Intuitionen usw.),
aus dem Eigenen heraus zusammenkommen im Gebet (Gebetszeiten und Eucharistie),
gemeinsam besprechen, was jeden und alle angeht (das Heil eines jeden und
die Ordnung des Ganzen). Diese Modelle werden nur dann zu Bestandteilen der
wirklichen Identität von mir als Mitbruder, wenn ich die Übung oft
wiederhole, immer wieder aus mir selbst hinaustrete zur Mitte hin und
dabei alles mitnehme, was ich habe und bin. Selbstverständlich sind
andere Formen, die das wirkliche Aus-mir-selbst-Heraustreten interiorisieren,
denkbar.
Aber auch dann werde ich es mir wiederholt antun müssen, meine eingenommenen
Positionen aufzugeben, mein abgestecktes Territorium aufzudecken, meine
Möglichkeiten einzuschalten. Fasten und Abstinenz (XII-XIII) sind
Formen, die unseren Körper auf zweierlei Art und Weise beeinflussen.
Sie wollen das (Über-)Volle unserer Leiblichkeit entleeren und die
Entfremdung von unserer leiblichen Eigenart ungeschehen machen. Unvermeidliche
Übungen, um Raum zu schaffen für den anderen und wahres Leben, wie
man dieses auch gestalten mag. In Stille arbeiten übt Achtung und
Zurückhaltung ein (XV-XVI). Es webt einen Raum, aus dem falsche Hoffnung
verbannt und in dem geistiger Realismus eingeübt wird. Falsche Vorstellung
von mir selbst und dem anderen wird umgeformt zu stiller Erwartung.
Wir sehen also, daß alle dargebotenen Formen den Zweck haben, eingeübt
zu werden. Eine solche Einübung vollzieht sich nicht in einemmal. Wahrhaft
aus der Regel leben verlangt eine ständige Besinnung: tägliche Schriftlesung,
fortwährendes Psalmenrezitieren. Ich bin nicht auf einmal ein Bruder.
Soll der Bruder in mir wachwerden, dann werde ich tagtäglich von neuem
konkrete Weisen finden müssen, aus mir selbst herauszutreten. Das ist
denn auch der Sinn der von der Regel dargebotenen Zeitordnung. Manche
Dinge sind so schwierig oder gehören so sehr zu der karmelitanischen
Identität, daß sie eine fortwährende Aneignung fordern. Das
gilt jedenfalls für die Schriftbesinnung und das Gebet: Sie verlangen
eine Einübung, die Tag und Nacht (VII) weitergeht. Aber auch das Arbeiten
in Stille ist ein solches Formelement (XV-XVI). Bei Arbeit stehen die
Wörtchen "immer" und "Tag und Nacht". Die Stille
kennt sogar zwei Formen, die alle vierundzwanzig Stunden umfassen: Tagstille
und Nachtstille. Auch die Liturgie kennt solche stetige Aneignung: Alle Stunden
des Tages haben ihren Gebetsmoment, wobei die Eucharistie auf dem Scharniermoment
von der Nacht zum Tag liegt. Wenn wir so auf die Zeitordnung blicken, bietet
sie uns den Zeitpfad einer stetigen Einübung.
Das Arbeitsziel dieser Aneignung ist ein reines Herz. Die Regel sagt dies
selbst: Es geht darum, daß wir dem Herrn aus reinem Herzen und gutem
Gewissen dienen (exordium). Die Reinheit des Herzens hat drei Aspekte.
a. Innenseite. Wie ein Leib nicht funktionieren kann, wenn er nicht genügend
Abwehr hat, so auch der Geist nicht, wenn er keine Innenseite, kein Herz,
hat. Daher sind mehrere Formelemente darauf angelegt, ein Inneres zu schaffen.
Der Aufenthaltsort, die Zelle, die Schrift und die Gebete schaffen eine
offene Form, die empfänglich für Gottes Eigenschaften ist. Deshalb
können Schriftmeditation und Gebet in einem Atemzug mit anderen Verrichtungen
genannt werden, die dafür sorgen, daß wir beschäftigt sind
(VII). Auch mit etwas Arbeit wird bezweckt, daß wir immer beschäftigt
sind (XV). Das Symbol, das dieses Innere am besten darstellt, ist die Zelle.
Die Zelle macht als Form Sichtbar, worum es bei der Schriftlesung, den Psalmen,
der Arbeit, der Stille geht: um die Bildung einer Innenwelt.
b. Reinigung. Die Innenwelt muß von Uneigentlichem befreit werden. Das
heißt, sie muß gereinigt werden. Diese Reinigung findet die beste
Darstellung in der Abstinenz. Enthaltung von bestimmten Speisen und Getränken
hat ja zum Ziel, den Leib, unser Inneres, vor versklavenden und entfremdenden
Einflüssen, betäubenden Mitteln und eingeredeten Bedürfnissen
zu bewahren. Aber was in der Abstinenz deutlich zu sehen ist, ist in allen
Formelementen verborgen. Stille bewahrt uns vor entfremdendem Geschwätz.
Etwas Arbeit sorgt dafür, daß ich kein Workaholic werde. Die Schrift
schenkt mir eine durch die Jahrhunderte hindurch erprobte Erfahrungssprache.
Und so weiter.
c. Empfänglichkeit. Das gereinigte Innere will kein verschlossenes Innere
sein. Es will empfänglich werden für den Anderen, für den Lebenden.
Deshalb gibt es Formelemente, die uns vom Übervollen befreien. Ein
klares Beispiel ist das Fasten. Durch eine Entleerung des Inneren - indem
das Übervolle daraus entfernt wird - entsteht Raum für das Nicht-Ich.
Das wird körperlich spürbar im Verlust. Aber die eigentliche Empfänglichkeit
ist aktiv: das Einüben einer ausgehenden Bewegung. Das ist das Wesen
aller Reinigung. Darauf sind fast alle Formelemente direkt angelegt.
Natürlich die Gemeinschaftsübungen an erster Stelle: das Vergemeinschaftlichen
alles dessen, was in meinen Bereich kommt, das Ausgehen zur Mitte in dem gemeinsamen
Gebet, das Aus-sich-Heraustreten in einem aufrichtigen Gespräch.
Aber der Gehorsam beabsichtigt das gleiche: hören auf das NichtIch.
Das Beten ist auf Wachsamkeit gerichtet. In Stille arbeiten ist innerlich
auf stille Erwartung angelegt. Wir können ohne weiteres sagen, daß
die Formung und die Reinigung des Inneren ihr Arbeitsziel erst in der Empfänglichkeit
erreicht haben, die sich auf den Anderen ausrichtet.
3. Umformung in Gott
Nachdem die leiblichen Strukturen bis ins Innerste geformt, gereinigt und
empfänglich gemacht worden sind, können sie mit Gottes Eigenschaften
bekleidet werden: mit den göttlichen Tugenden, dem messianischen Leib.
Das ist das Heil der Seele (XI), das Heil im Herrn, die Segnung des Heiligen
Geistes (salutatio). Das ist das Endziel, das die Regel allen religiösen
Lebensweisen vorbehalten sieht. In Hörigkeit gegenüber Jesus
Christus leben und Ihm treu dienen" (exordium). Dieser Umformung
in Gottes Kraft gehört das Hauptinteresse in Abschnitt 5.3: dem Kapitel
über die Rüstung Gottes (XIV). Drei Momente sind hier bedeutsam.
a. Zuallererst wird das reine und empfängliche Herz dadurch gestärkt,
daß es mit Gottes Keuschheit und Gottes Heiligung der Erwägungen
bekleidet wird. Natürlich ist es wesentlich, daß das Innere durch
elementare Übungen strukturiert wird, daß es sich des Zuviels und
des Un-eigen-tlichen entäußert, daß es sich in Empfänglichkeit
ausstreckt. Aber erst die ehrfurchtsvolle Anwesenheit des Anderen gibt
dem Inneren seine Weihe, Er, der das Eigene liebt und das Nach-außen-gerichtet-Sein
erfüllt. Ich kann vorbereiten, was ich will, aber nur der Andere
kann diese Vorbereitung festigen. Und das ist mehr als festsetzen. jetzt erst
wird die Reinheit Wirklichkeit: in der keuschen Ehrfurcht. jetzt erst wird
das Innere Wirklichkeit: in der Empfängnis. Jetzt erst wird die Empfänglichkeit
Wirklichkeit: in der Begegnung. Jetzt erst wird die Hingabe Wirklichkeit:
in der Heiligung.
b. Heiligung und Keuschheit sind sozusagen die Zugangspforten für die
Selbstmitteilung des Anderen, Seine Selbstgabe in Liebe. Das heißt nicht,
daß die Seele hier bloß passiv wäre. Wie die Reinigung bis
ins Innerste die Keuschheit und die Heiligung der Gedanken vorbereitet, die
aber wesentlich geschenkt werden, so empfangen wir Gottes Bewahrung durch
Werke der Gottesliebe, der Nächstenliebe und der Selbstliebe. Gottes
Vertrauen empfangen wir, indem wir Schritte ins Dunkel setzen, ohne einen
anderen Halt als das Gehen selbst. Und Gottes Erwartung empfangen wir, indem
wir uns sehnen nach dem Heil, das Er aufbewahrt hat in dem einzigen Heil,
das alles heilt: Jesus Messias.
c. In Keuschheit und heiliger Erwägung macht Gott uns bereit, Ihn selbst
in den großen Drei: Glaube, Hoffnung und Liebe, zu empfangen: Er will
uns mit Seiner Anwesenheit füllen, und zwar so, daß wir davon überströmen.
Klar ist dies bei dem göttlichen Wort: In der Einsamkeit der Zelle wird
es durch Meditation angeeignet (VII), auf daß es schließlich in
Fülle in unserem Mund und unserem Herzen wohne (XIV), so daß alles,
was wir tun, vom Wort des Herrn aus geschieht (XIV). Hier ist das Endziel
der Schriftlesung erreicht. So sehnen alle Grundausstattungen ihr Endziel
herbei: daß der Messias im Gehorsam gehört wird (petitio);
daß der Messias in der Eucharistie wirklich empfangen wird (X); daß
es nach der Fastenzeit leiblich Ostern wird (XII); daß der Herr mitten
in unserem Reden huldvoll zugegen ist (XI).
4. Ständige Verinnerlichung
Die Betrachtung bleibt beiläufig, wenn sie kein Flußbett in unserem
Leben findet. Sie kann leicht durch Hochmut verderbt werden. Sie kann durch
Oberflächlichkeit zerfließen. Dauer und Vertiefung der Kontemplation
verlangen spezifische Vorkehrungen und Einübungen. Die Regel bietet
Arbeiten in Stille als Grundlage für die Kontemplation an (XV bis XVI).
Das erklärt auch, warum in einem so kurzen Brief so lange über Arbeiten
in Stille gesprochen wird. Nirgends sonst äußert sich Albertus
so motivierend. Außer bei der Rüstung Gottes wird nirgends so reichlich
mit Bibelzitaten gearbeitet. Interessant ist auch, daß die Regel den
ganzen Umformungsprozeß von vornean wieder aufnehmen zu wollen
scheint. Die Arbeit gehört nämlich auch, genauso wie die Stille,
zu den Grundausstattungen. Bei der Stille wird das ausdrücklich
gesagt: "Deshalb bestimmen wir ..." (XVI). Arbeit und Stille sind
Einrichtungen. Arbeit verrichten und Stille wahren sind Einübungen. Doch
ist allzu deutlich, daß die Regel mehr sagen will. Sonst hätten
diese Kapitel nicht so lang, nicht so motivierend und nicht so voller Zitate
zu sein brauchen. Man schaue sich nur das so wichtige Kapitel über das
Bleiben in der Zelle an, wo in zwei Zeilen vier Grundübungen geboten
werden: bleiben, meditieren, beten und wachen. Die Regel will also mehr als
eine neue Einrichtung einführen und Einübungen anbieten. Sie
will auch mehr, als einen neuen Bestandteil der Rüstung vorstellen. Glaube,
Hoffnung und Liebe - die großen Drei! - haben zusammen nur 72 Wörter,
Arbeit und Stille dagegen 299.
Im übrigen geht es nicht um Arbeit und Stille als solche. Ich will damit
sagen: Es geht nicht so um Arbeit und Stille, wie es um die Zelle, den
Prior, den Gebetsraum usw. geht. Arbeit und Stille sind, außer einfachen
Vorkehrungen, vor allem Vorkehrungen, welche die Beschauung gleichsam
auffangen und in gutem Zustand erhalten müssen. Mit dem Blick gerade
darauf - Stille und Arbeit als stetige Verinnerlichung der Betrachtung - werden
sie in einer prophetisch-eschatologischen Tonart komponiert. Genau das macht
sie zur Interiorisierung der Kontemplation. Leben vom Ende her beraubt
uns jeder Anmaßung. Das Ende macht uns frei vom Wahn des Tages. Das
schneidet tief in unser Selbst-Bewußtsein. Es zieht uns aus uns selbst
heraus. Es läßt uns sehnsuchtsvoll verlangen. Es vertieft in uns
das stille Erwarten. Bis nichts mehr bleibt als Sehen und Schweigen.
Die prophetischeschatologische Tendenz von etwas Arbeit und stillem Erwarten
macht diese Einübungen zu einem dauerhaften Kanal für das Oberströmen
des göttlichen Wortes. Ihre eschatologische Tendenz macht sie zur
beständigen Empfängnis der Eigenschaften Gottes. Aber das bedeutet
dann, daß auch alle anderen Ausstattungen und Einübungen diese
prophetisch-eschatologische Tendenz empfangen und so zur Verinnerlichung
der Kontemplation werden können. ja, sie tragen diese eschatologische
Tendenz schon in sich. Das wird durch sechs Signale hervorgerufen.
1. Eigentlich verrät sich die eschatologische Tendenz schon gleich zu
Beginn: "Heil im Herrn" (Prolog 1). Heil ist, so sahen wir, ein
Wort, das einerseits auf das schon verwirklichte Heil in Jesus Messias hinweist,
aber sich anderseits nach dem Heil ausstreckt, das uns vom Ende her erwartet.
Das Heil der Seelen (XI) liegt hinter dem Horizont unseres Blickfeldes, und
doch kommt es uns jeden Augenblick näher, den wir ihm näher kommen.
Heil ist nicht nur der Kern des Albertus-Grußes (salutatio) und Kernpunkt
des Kapitelgesprächs (XI), sondern auch die Klimax der göttlichen
Tugenden: Nach der Bewahrung durch Gott in Liebe und dem Vertrauen, das
Gott gefällt, folgt als Letztes und Höchstes: das "Heil, das
ihr erwartet von dem einzigen Heiland, der sein Volk heilt von seinen Vergehen"
(XIV).
2. Ein zweites Signal der eschatologischen Tendenz ist hörbar in dem
Wachen in Gebeten (VII). Hier wird, so sahen wir, auf den Ersten Petrusbrief
verwiesen: "Das Ende aller Dinge ist nahe. Seid also besonnen und wachsam
in euren Gebeten" (1 Petr 4,7). Es geht um ein wachsames sehnsüchtiges
Verlangen nach dem Kommen Jesu und des Reiches Gottes über den Horizont
unserer Vorstellungen und Veranstaltungen hinaus.
3. Ein drittes Signal der Ausrichtung auf das Ende bildet die Einleitung zur
Rüstung. In dieser Einleitung werden die Motive dafür dargeboten,
die Rüstung Gottes anzulegen. Es ist die Rede von Prüfung und
Verfolgung, Signalwörtern, die auf das Ende hinweisen. Aber auch
der Löwe, der brüllend umhergeht, suchend, wen er verschlingen könne,
beschwört das Ende der Zeit herauf Der Kampf, bei dem die Rüstung
Gottes uns hilft, ist ein endzeitlicher Kampf. Der Löwe, der die
Seele aus einem Hinterhalt heraus zu verschlingen sucht, hat es auf unser
Heil abgesehen.
4. Das vierte Signal ist kaum noch als Signal zu bezeichnen: die Kapitel über
die Arbeit und die Stille (XV-XVI). In der Auslegung zeigten wir, daß
die Arbeit dadurch, daß sie in den Kontext des Zweiten Thessalonicherbriefs
gestellt wird, ganz von der Enderwartung durchtränkt ist. Das wird noch
dadurch verstärkt, daß diese Arbeit in Stille geschehen muß,
in einer Stille, die durch die Jesaja-Zitate den Anstrich eines stillen Erwartens
bekommt, das stark und gerecht macht. Auch die anderen Zitate konfrontieren
uns alle mit dem Ende: den Endfolgen unseres Redens.
5. Der Gehorsam (petitio), der uns den Messias vermitteln will, steht durch
die Zitate, diesmal aus dem Neuen Testament, ganz im Zeichen der Endzeit.
6. Diese Perspektive findet ihre Krönung im Epilog. Dort wird gesagt:
"Wenn jemand mehr gibt, wird der Herr es ihm, wenn er wiederkommt, erstatten."
Hier wird ausdrücklich gesagt, was sich in einem Crescendo durch die
ganze Regel zieht. Die karmelitanische Betrachtung richtet sich, am Gesichtskreis
unseres Wirkens, unseres Redens und unserer Machtverhältnisse vorbei,
auf Sein Kommen.
5. Umformung in Christus
Die Regel erklärt zum Ausgangspunkt für alle religiösen Lebensformen:
"in Hörigkeit gegenüber Jesus Christus leben und Ihm aus einem
reinen Herzen dienen" (exordium). Das ist das Grundmuster, in das
die karmelitanische Lebensform eingewoben werden muß und das sie
ans Licht bringen soll. Denn das ist die Tendenz von Alberts Bitte, in der
Ausgangspunkt und Darlegung ineinanderfließen: die christozentrische
Orientierung der karmelitanischen Lebensweise. In der Regel geht es um eine
Umformung in den Messias. Wir müssen dabei an Paulus denken, der ausruft:
"Ich lebe, doch nicht ich, sondern Christus lebt in mir" (Gal 2,20).
Alles im Leben des Paulus ist darauf gerichtet, in Christus zu sein. Zu diesem
Zweck gibt er alles auf, dafür setzt er alles ein. Alles in ihm ist auf
den Christus gerichtet, nach dem er sich in Verkündigung und still
arbeitend ausstreckt, innig hoffend auf Sein Kommen (XV).
Spirituell gesehen, ist es nicht zufällig, daß die Hörigkeit
und das Dienen in Treue als Ausgangspunkt in der Regel vornean stehen. Religiöse
Lebensweisen könnte man nämlich als Formen sehen, die den Übergang
vom Mietling zum treuen Knecht markieren. Der treue Knecht wendet sich von
der Selbstbezogenheit ab und richtet sich auf die Reinheit des Herzens, um
so seinen Herrn empfangen zu können. In allem sucht er sich nach seinem
Herrn zu fügen, um Ihm in stets größerer Treue zu dienen.
Das ist die Perspektive, in die die Ausstattungen und die Einübungen
gestellt sind.
Eine der zentralen Einübungen, die zu diesem Knechtdienst führen
will, ist die tägliche Schriftlesung: „Tag und Nacht nachsinnen
über die Weisung des Herrn“ (VII). Das Wort des Herrn nimmt eine
zentrale Stellung ein. Tag und Nacht sind sozusagen von ihm durchtränkt.
Die Schrift ist zu hören in den Horen und in der Eucharistie, im
Speiseraum und in der Zelle. Immer ist das göttliche Wort im Mund, damit
es mit dem Mund des Herzens gekostet und mit den Händen verwirklicht
wird. Das Wort ist die Zelle der Zelle. Es formt den Karmeliten auf allen
Ebenen: leiblich, insofern er die Worte der Schrift memoriert, kognitiv, insofern
er sie meditiert, affektiv, insofern er sie verkostet, agogisch, insofern
er aus ihnen heraus handelt. So wird das Wort allmählich zu dem Element,
in dem der Karmelit lebt. Er ist darin zu Hause.
So ist er vom treuen Knecht zum Hausfreund geworden. Vom Wort des Herrn aus
fällt ein Licht auf alles. Der Hausfreund lebt aus dem Wort des Herrn.
Er lernt, kreativ damit zu sehen. Er erinnert sich, daß alle Autorität
im Zeichen der messianischen Entäußerung steht (petitio). Er erinnert
sich, daß wir, wenn wir auf die Leitung hören, nicht in Psychologismen
verstrickt zu werden brauchen, sondern über den Vorgesetzten hinaus
das Wort des Herrn suchen und auf Ihn hören müssen (petitio). Er
erinnert sich des Herrn, wie Er in der Mitte der Gemeinde steht, seinen Frieden
ausspricht und Vergebung schenkt. Er erinnert sich des Herrn: so tief
hineingezogen in Abba, daß Er jeden als Bruder und Schwester sah
und nicht mehr zu diskriminieren vermochte.
Kern der Umformung ist die Umformung in Liebe: leben lernen aus der Liebe,
zu der das Wort des Messias jeden einlädt: "Liebe den Herrn, deinen
Gott, mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit all deiner
Kraft und den Nächsten wie dich selbst" (XIV)! Diese Liebe durchdringt
das Gebetsleben (VII-VIII), den gegenseitigen Umgang (XVI) und die Art und
Weise, wie wir bei uns selbst sind (III-VII). Unser Beten und Arbeiten, unser
Schweigen und Reden, unser Fasten und Feiern sehnen sich nach dem Heil dieser
allseitigen Liebe, die Gott ist.
Die Regel hofft innig, daß "das Wort Gottes überreichlich
wohne in Mund und Herzen, so daß alles, was von uns getan werden muß,
im Wort des Herrn geschieht" (XIV). Wie von selbst, ohne daß wir
darüber nachdenken, strömt das Wort in uns über. Das ist
die Auferstehung des Herrn, nicht die Auferstehung, die an Sonn- und Feiertagen
und bei der täglichen Eucharistie gefeiert wird, sondern die Auferstehung
des Herrn, die leiblich gelebt wird. "Ich lebe, doch nicht ich, sondern
Christus lebt in mir" (Gal 2,20). Das ist es, worauf die Regel gerichtet
ist: leben in Christus (XIV), bekleidet werden mit dem Christus als Rüstung
Gottes, damit Er lebt. Ich muß abnehmen, damit Er wachse (XII-XIII;
vgl. Joh 1, 19-34). Das ist das Heil im Herrn, mit dem Albertus die Einsiedler
grüßt (salutatio), das Heil, das überströmt und bleibt,
denn in einem Atemzug fügt er hinzu: und den Segen des Heiligen Geistes.
Das ist das Heil, auf das alle Teile der Rüstung Gottes hinzielen: "Der
Helm des Heils muß auf den Kopf gesetzt werden, damit ihr das Heil erhofft
von dem einzigen Heiland, der sein Volk heilt von seinen Vergehen" (XIV).
Das ist das Heil der Seelen, das bei der wöchentlichen Besprechung
im Mittelpunkt steht (XI). Wer davon ohne Bedenken überströmt, ist
kein Hausfreund mehr, sondern ein in Christus geliebter Sohn (salutatio).
Sein Leben ist durch Liebe gekennzeichnet. Manchmal ist uns diese zu kosten
kurz vergönnt. Danach gibt es wieder das Arbeiten in Stille (XV-XVI),
im Warten auf Sein Kommen. Das ist schließlich noch das Einzige, das
wir tun: in stillem Erwarten bei Seinem Kommen verweilen. Alles andere
tun wir, weil es uns von Ihm anvertraut ist. Das Mehr, das wir ausgeben, empfangen
wir jeden Augenblick von Ihm selbst! Es ist der Herr selbst, der jetzt schon
kommt, vom Ende her, in der Mitte unserer Tage. Es ist eine Frage der Unterscheidung
(conclusio).
6. Die mystische Dynamik
In der Karmelregel ist eine Dynamik wirksam, die wir mit dem Wort "weiter"
kennzeichnen können. Ich denke dabei an die Anfangsworte von "Zeichen
am Weg": "Weiter treibe ich hinaus ins fremde Land". Dieses
Weiter kann ich nicht aus eigener Kraft bewirken. Ich werde von jemandem
berührt jenseits meines Horizonts: "Berührt vom Winde
meines unbekannten Ziels, zittern die Saiten im Warten.“ Am Gesichtskreis
meines Horizonts vorbei werde ich in ein unbekanntes Land gezogen, das Gebiet
des Anderen, der weicht, aber gerade so mich aus mir selbst herauslockt.
Diese Anziehung verfehlt ihre Wirkung nicht. Sie berührt den ganzen
Kuppelbau. Dieser wird dadurch zerrüttet und gefügt. Sie vollendet
das Ganze und macht es offen. Die Reinheit des Herzens zum Beispiel, anfangs
nur ein Arbeitsziel, auf das alle elementaren Einübungen gerichtet
sind und in dem sie ihren Ruhepunkt finden, erweist sich als kein Endpunkt
und schon gar nicht als ein Ruhepunkt, sondern ist ein Sich-immer-weiter-Ausstrecken
in fragender Empfänglichkeit. „Immer ein Fragender, werde ich dort
sein, wo das Leben verklingt - ein klar schlichter Ton im Schweigen.“
Und die Bekleidung mit Gottes Eigenschaften ist dann viel mehr als das
Empfangen von Gottes Eigenschaften. Sie bedeutet: aus mir selbst fortgezogen
werden in Seine Hut.
Wir sahen es schon bei der Auslegung, werden uns aber jetzt, am Ende, dessen
schärfer bewußt: Gottes Eigenschaften ziehen uns aus uns selbst
fort und hinein in Gottes Liebe. Und dort vergehen uns Hören und Sehen.
Unsere Arbeit und unsere Stille sind nur noch Relikte, die nachzittern, berührt
vom Wind aus meinem unbekannten Horizont. Warten kennzeichnet die Stille,
in der meine Arbeit geschieht. Kern ist: der Gehorsam gegenüber
dem, was jenseits meines Horizonts erklingt, "wo das Leben verklingt
- ein klar schlichter Ton im Schweigen“ . Hörigkeit und Stille
gehören zusammen. Stille ist das intensive Warten, das die Stimme jenseits
meines Horizonts hört. Das ist prophetische Eschatologie. Der Wirt aus
dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter verkörpert dieses Weiter, dieses
mehr, als möglich ist. In ihm ist das Über-den-Horizont-hinaus-Gezogenwerden
verdichtet vorhanden. Es ist seine Lebensform, Ausschau zu halten nach dem
Gast, der beim Eintreten jedesmal wieder die Mitte seines Lebensraums
bildet. Selbst wenn dieser Gast ihm einen Gast bringt, wird er gehorchen.
Am Rand der Wüste lag eine kleine Herberge. Ein Speiseraum, ein paar
Ruhebetten und ein Stall für die Tiere, das war alles. Der Wirt lebte
für seine Herberge. Er hielt alles gut in Ordnung. Die Räume waren
sauber, und es gab genügend zu essen und zu trinken.
Wenn ein Reisender eintrat, stellte er sich auf ihn ein. Er versuchte, seine
Wünsche zu erraten. "Mein Gast ist mein Herr", sagte er bei
sich selbst.
Oft irrte sein Blick in die Wüste. Gewissermaßen erwartete er unerwartete
Gäste Er war bekannt als Wirt, zu dem man immer kommen konnte.
Eines Abends, es war schon spät, aber die Gäste saßen noch
draußen und plauderten miteinander, näherte sich ein Reisender
aus der Wüste. Auf seinem Esel trug er einen schwerverletzten Mann, der
von Räubern mißhandelt worden war. Der Reisende war sichtlich
bewegt. Er wandte sich an den Wirt: "Sei so gut und sorge für ihn.
Hier hast du einen Vorschuß, den Rest erstatte ich dir auf meiner Rückreise."
Er nahm Brot, trank ein wenig Wein, küßte den Verwundeten und verschwand
in der Nacht.
"Schöner Edelmut", murrten die Gäste, "uns beschert
er das Jammern und Stöhnen, und er selbst macht sich davon." Der
Wirt sagte nichts, verband dem Kranken die Wunden, gab ihm zu essen und zu
trinken und bettete ihn. Der Vorschuß würde sicher nicht reichen,
aber an Erstattung dachte er nicht. Würde der Reisende je wiederkommen?
Es kümmerte ihn nicht. Er tat, um was man ihn gebeten hatte.
Als der Verletzte endlich schlief, ging der Wirt nach draußen. Still vor
sich hin grübelnd, starrte er in die Wüste. Bis die Sonne aufging.
Entnommen aus:
Waaijman, Kees: Der mystische Raum des Karmels: Eine Erklärung der Karmelregel.
Mainz 1997, Ss 7-18 und 216-232.