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Die Spiritualität des Karmel von den Anfängen bis in die Gegenwart

Günter Benker OCarm

Karmel St. Elija, Ohrdruf 1999

Vorwort

Der Name "Karmel", der den Gebirgszug bei Haifa in Palästina bezeichnet, wo die gleichnamige Ordensfamilie der Karmeliten ihren Ursprung hat, heißt übersetzt "Baumgarten". Dieses Wort und seine Bedeutung trifft nicht nur für das Karmelgebirge mit seiner üppigen Vegetation zu, sondern bildhaft auch für den dort entstandenen Karmel-Orden, der in seiner rund 800jährigen Geschichte eine reiche Vielfalt von Früchten hervorgebracht hat: verschiedenste Reformbewegungen und Ordenszweige mit bedeutenden Heiligen, die das Charisma des Ursprungs in ihrer jeweiligen Zeit neu verlebendigten und so wertvolle Entwürfe christlicher Lebensgestaltung, Spiritualität und Mystik schufen.

Den verschiedenen Lebensformen des Karmel ist eine sowohl kontemplative als auch apostolische Grundstruktur gemeinsam. Im Zentrum karmelitanischer Existenz und Lebensgestaltung stehen nicht irgendwelche spezifischen Aufgaben und Aktivitäten, sondern es geht zuallererst und mit eindeutiger Priorität um das "Stehen vor Gott", womit die Tradition des Karmel das Leben in der Gegenwart Gottes, das Freisein für ihn und die freundschaftliche Beziehung mit ihm umschreibt. Dies geschieht allerdings nicht in egoistischer Selbstgenügsamkeit, sondern im Kontext einer konkreten Gemeinschaft und in Offenheit für die Welt und die Menschen. Der Karmelit, die Karmelitin ist gerufen, "Tag und Nacht", wie es die Regel ausdrückt, Gott zu suchen, das heißt immer und überall, bei allem Tun und Lassen, im Außerordentlichen besonderer Ereignisse wie im Gewöhnlichen des Alltags; es gilt, das Leben in all seinen Dimensionen und Bereichen mit allen Sinnen und Fähigkeiten ganzheitlich auf Gott hin auszurichten. Erst die lebendige Freundschaft mit Gott führt zu einem wirklich fruchtbaren Engagement für die Menschen, das sich je nach Lebensumfeld einer Gemeinschaft verschieden konkretisieren wird. Jedoch hat der Karmel auch bezüglich des Apostolats eine Priorität und zwar die der geistlichen Führung: Menschen auf ihrem Lebensweg und bei ihrer Suche nach Gott auf verschiedene und je angemessene Weise zu begleiten. Die reiche geistliche Tradition des Ordens bietet diesbezüglich auch heute noch wertvolle Hilfen zur Orientierung und zur Unterscheidung der Geister.

Der vorliegende Artikel möchte das eben kurz umrissene Charisma des Karmel näher bestimmen, indem er einen Einblick in die wichtigsten Strömungen seiner Spiritualität zu geben versucht.

1. Die Gründergemeinschaft am Karmel und ihr Lebensentwurf

2. Von der Einsiedlergemeinschaft am Karmel zum Bettelorden in Europa

3. Die Teresianische Reform als Aktualisierung und Weiterführung der ursprünglichen Ordensidentität

4. Grundzüge karmelitanischer Spiritualität nach der Teresianischen Reform bis zum Ende des 19. Jahrhunderts

5. Das Charisma des Karmel in der Gegenwart

6. Literturverzeichnis

Gesamter Artikel (ca. 100kB)