inleitung - Entstehung der Karmelregel
Von seiner äußeren Form her ist der Regeltext ein Brief des Patriarchen
Albert von Jerusalem, der zuständigen kirchlichen Autorität, an die
Eremitengemeinschaft am Berg Karmel, zu der sich aus Europa stammende Kreuzfahrer,
Pilger oder Büßer zusammengefunden hatten. Er enthält als Antwort
eine Lebensregel ("vitae formula") für ihre bereits bestehende
Gemeinschaft, worum sie Albert gebeten hatten. So schreibt er: "Da ihr
uns ersucht habt, euch euerem Vorschlag gemäß eine Lebensregel zu
geben, sollt ihr in Zukunft folgendes beobachten: ..." (3) Er geht also
auf ihren Vorschlag, ihr Vorhaben (propositum), das heißt schon gelebte
Erfahrungen der Eremiten, ein und gibt ihnen dafür Weisungen.
Noch ist die "vitae formula" keine Ordensregel im strengen Sinn, aber
der Patriarch von Jerusalem gibt in seiner Form der Gesetzgebung auch eine Art
kirchlicher Anerkennung für die Laienbewegung am Karmel. Sie war dadurch
jedoch noch kein "Orden" im heutigen Sinn des Wortes. Albert brachte
in diese Lebensregel seine geistliche und juristische Erfahrung ein. Geboren
in der Mitte des 12. Jahrhunderts, wurde Albert von Avogadro im Jahre 1180 zum
Prior der Regularkanoniker von S. Croce in Montara (Pavia) gewählt. 1184
wurde er Bischof von Bobbio und ein Jahr später von Vercelli (1185-1205).
Beratend arbeitete er an der Regel der Humiliaten mit und erstellte Konstitutionen
für verschiedene Gemeinschaften. 1205 wurde er zum Patriarchen von Jerusalem
ernannt und residierte ab 1206 in Akkon, wo er 1214 bei einer Prozession ermordet
wurde. Die Eremiten am Karmel mußten demnach ihre "vitae formula"
irgendwann zwischen 1206 und 1214 erhalten haben. Das genaue Jahr ist nicht
bekannt.
Albert greift auf die Spiritualität der Wüstenväter zurück,
er hielt das Leben der Eremiten für eine Prüfung und einen Kampf gegen
die bösen Mächte. Ganz in Übereinstimmung mit der klassischen
Spiritualität der Wüstenväter sah er dieses Ringen als den Kampf
des Soldaten Christi, der sich mit der entwaffnenden Haltung Christi wappnet
(19) und aus dieser Haltung heraus beständig mit Ruhe arbeitet (Kap. 20-21).
Wichtiger Bestandteil dabei war, "dass jeder einen eigenen, abgesonderten
Raum zum Leben hatte" (8) und sich dort "Tag und Nacht vom Wort des
Herrn aus besann" (10).
Albert gibt den Laieneremiten eine gemeinschaftliche Struktur (vgl. 1-17), damit
werden wichtige Grundelemente der in seiner Zeit wachsenden Spiritualität
der Mendikantenbewegungen aufgenommen. Auf einzigartige Weise vereinigt er somit
eremitische und gemeinschaftlich-demokratische Werte in seiner Lebensregel.
So ist die gemeinschaftliche Struktur der Brüder auf dem Karmel von folgenden
Grundsätzen geprägt: Vorsteher der Gemeinschaft ist nicht, wie z.B.
in der Regel Benedikts, ein Abt, sondern ein von den Brüdern selbst gewählter
Prior, der im Geist des Dienstes die Gemeinschaft leiten soll (22-23).
Es gibt kein Gehorsamsverhältnis zwischen Vater und Sohn, sondern eine
Haltung gegenseitiger Treue im Rahmen und zugunsten des gemeinsamen Ziels. Deshalb
werden auch wichtige Fragen des Gemeinschaftslebens in gegenseitigem Einverständnis
geregelt und gemeinsam besprochen (4; 5; 6; 15). Ein weiterer wichtiger Punkt
ist das Fehlen einer Unterscheidung von Priestern und Nicht-Priestern. Priestersein
wird in keiner Weise erwähnt, noch wird es berücksichtigt. Für
sie gibt es weder eigene Vorschriften noch Vorrechte. Es wird lediglich unterschieden
zwischen denen, die lesen können, und denen, die das nicht können
(11).
Von ihren rechtlichen Bestimmungen her gesehen, ist die "vitae formula"
Alberts ein Original, ohne Abhängigkeit von bestehenden Regeln. Albert
schreibt im spirituellen Kontext seiner Zeit, inspiriert von der Heiligen Schrift
und Gedanken Cassians. Für die Eremitengemeinschaft am Karmel wurde es
immer wichtiger, dass ihre Lebensform auch vom Papst anerkannt wurde. Grund
dafür war eine Entscheidung des 4. Laterankonzils (1215), die sich gegen
die Gründung weiterer Orden richtete. Bestätigungen erfolgten schließlich
unter Papst Honorius III. 1226, Gregor IX. 1229 und Innozenz IV. 1245. Die endgültige
Anerkennung der "vitae formula" als Regel blieb aber noch aus. Während
dieser Zeit kam es aufgrund der politischen und religiösen Situation im
Hl. Land zu existentiellen Veränderungen für die Karmeleremiten. Um
das Jahr 1238 begannen sie deshalb, sich in Europa niederzulassen. Ihrer Lebensform
entsprechend waren diese ersten Gründungen (Zypern, Sizilien, Provence
und England) vorwiegend in einsamen Gegenden. Doch ihr Leben als Eremitengemeinschaft
entsprach nicht mehr in allem ihrer Erfahrung vom Berg Karmel. Keineswegs ohne
bedenkliche Stimmen näherten sie sich daher der auf die gesellschaftliche
Situation in Europa antwortenden Mendikantenbewegung an. Dies sollte natürlich
auch Konsequenzen für ihre Lebensregel haben. Der Bitte des Generalkapitels
von Aylesford (England) 1247 um rechtliche Berücksichtigung der neuen Lage
entsprechend, beauftragte Papst Innozenz IV. die beiden Dominikaner Hugo de
St. Cher und Wilhelm, Bischof von Antarados, Alberts Lebensregel zu ergänzen.
Die wichtigsten Einfügungen sind: - Kap. 4: Dem Gehorsamsgelübde werden
die beiden anderen evangelischen Räte Ehelosigkeit und Armut hinzugefügt.
- Kap. 5: Niederlassungen müssen nicht unbedingt in der Einsamkeit sein,
sondern auch dort, wo Grundstücke geschenkt werden. Damit ist die Tür
zum Leben als Mendikanten geöffnet. - Kap. 7: Es sieht jetzt die gemeinsame
Mahlzeit im Refektorium vor. - Kap. 13: Es erlaubt nun, bestimmte Haustiere
zu halten. Damit wird die Bestimmung über die Armut gemildert. Dieses Zugeständnis
wurde bereits 1229 durch Gregor IX. gemacht. - Kap. 17: Es verweist deutlich
auf das Leben der Mendikanten, wenn eingefügt wird, dass beim Betteln auf
Reisen Fleischgenuß erlaubt ist. Mit der Bulle "Quae Honorem Conditoris"
vom 1.10.1247 wird die "vitae formula" Alberts mit den Einfügungen
und Modifizierungen endgültig bestätigt und dadurch zur Regel im eigentlichen
Sinn. Ebenso wird darin unterstrichen, dass die Karmeliten nun als Orden gelten.
(P. Christian Körner O.Carm.)
REGEL DES ORDENS DER BRÜDER
DER SELIGEN JUNGFRAU MARIA VOM BERGE KARMEL
1. Albertus, von Gottes Gnaden bestellter Patriarch der Kirche von Jerusalem,
an die in Christus geliebten Söhne B. und die übrigen Eremiten, die
unter seinem Gehorsam beim Brunnen auf dem Berg Karmel leben: Gruß im
Herrn und des Heiligen Geistes Segen!
2. Oftmals und auf vielfache Weise haben es die heiligen Väter gelehrt,
wie einer, welcher Lebensform er auch angehört oder welche gottgeweihte
Lebensweise er gewählt hat, in der Nachfolge Jesu Christi leben und ihm
mit reinem Herzen und gutem Gewissen treu dienen soll.
3. Da ihr uns ersucht habt, euch eurem Vorhaben gemäß eine Lebensregel
zu geben, sollt ihr in Zukunft folgendes beobachten:
4. Als erstes bestimmen wir, dass ihr einen von euch als Prior haben sollt,
der durch die einmütige Zustimmung aller oder des größeren und
verständigeren Teils zu diesem Amt gewählt wird. Jeder von euch soll
ihm Gehorsam versprechen und bemüht sein, das Versprochene zugleich mit
der Keuschheit und dem Verzicht auf Eigentum auch tatsächlich zu halten.
5. Niederlassungen könnt ihr an einsamen Orten haben oder wo sie euch
geschenkt werden, sofern sie für die Beobachtung eurer religiösen
Lebensweise passend und geeignet sind, so wie es dem Prior und den Brüdern
förderlich zu sein scheint.
6. Je nach Lage des von euch gewählten Ortes soll jeder einzelne von euch
eine eigene, abgesonderte Zelle haben, wie sie nach Anordnung des Priors und
mit Zustimmung der übrigen Brüder oder des verständigeren Teils
einem jeden zugewiesen wird;
7. jedoch so, dass ihr im gemeinsamen Refektorium das, was euch gegeben wird,
miteinander genießt, wobei ihr eine Lesung aus der Hl. Schrift hört,
wo dies den Umständen entsprechend beobachtet werden kann.
8. Außerdem ist es keinem Bruder ohne Erlaubnis des jeweiligen Priors
gestattet, die ihm angewiesene Zelle zu wechseln oder mit einem anderen zu tauschen.
9. Die Zelle des Priors soll sich am Eingang der Niederlassung befinden, damit
er als erster allen, die dorthin kommen, begegnen kann und dann alles, was zu
tun ist, nach seinem Ermessen und auf seine Anordnung hin geschehe.
10. Jeder einzelne soll in seiner Zelle oder in ihrer Nähe bleiben, Tag
und Nacht das Wort des Herrn meditierend und im Gebet wachend, es sei denn,
er ist mit anderen, wohlbegründeten Tätigkeiten beschäftigt.
11. Wer die kirchlichen Tagzeiten mit dem Klerus zu beten versteht, soll sie
entsprechend der Anordnung der heiligen Väter und der von der Kirche gutgeheißenen
Gewohnheit beten. Wer dies jedoch nicht kann, bete zur Matutin fünfundzwanzig
Vaterunser. Eine Ausnahme bilden die Sonn- und Feiertage, für die wir die
Verdoppelung dieser Zahl anordnen, so dass also fünfzig Vaterunser zu beten
sind. Siebenmal soll dieses Gebet zu den Laudes gebetet werden. Zu jeder anderen
Tagzeit soll es ebenfalls siebenmal gebetet werden, ausgenommen zur Vesper,
bei der ihr es fünfzehnmal beten sollt.
12. Keiner der Brüder soll etwas sein eigen nennen, sondern es sei euch
alles gemeinsam, und einem jeden soll durch die Hand des Priors, das heißt
durch den Bruder, der von ihm mit diesem Dienst betraut ist, zugeteilt werden,
was er braucht, unter Berücksichtigung des Alters und der notwendigen Bedürfnisse
jedes einzelnen.
13. Wenn es nötig ist, dürft ihr Esel oder Maultiere halten, ebenso
einen kleinen Bestand an Vieh oder Geflügel.
14. Ein Oratorium soll, soweit es die Verhältnisse erlauben, inmitten
der Zellen errichtet werden, in dem ihr Tag für Tag frühmorgens zusammenkommen
sollt, um Eucharistie zu feiern, soweit es die Umstände erlauben.
15. Besprecht an den Sonntagen oder, falls notwendig, auch an anderen Tagen,
die Beobachtung euerer Lebensform und das geistliche Wohl; dabei sollen auch
Übertreibungen und Fehler der Brüder, wenn solche bei jemandem wahrgenommen
werden, in Liebe korrigiert werden.
16. Beobachtet das Fasten vom Fest Kreuzerhöhung bis zum Tag der Auferstehung
des Herrn an jedem Tag, mit Ausnahme der Sonntage, es sei denn, dass Krankheit,
körperliche Schwäche oder ein anderer berechtigter Grund dazu rät,
das Fasten aufzuheben, denn Not kennt kein Gebot.
17. Enthaltet euch des Essens von Fleisch, außer es wird als Heilmittel
bei Krankheit oder Schwäche gebraucht. Und weil ihr häufig betteln
müsst, wenn ihr unterwegs seid, könnt ihr, um den Gastgebern nicht
zur Last zu fallen, außerhalb eurer Häuser gekochte Speisen mit Fleisch
zu euch nehmen. Aber auch ist es erlaubt, auf See Fleisch zu essen.
18. Weil aber das Leben des Menschen auf Erden eine Prüfung ist und alle,
die in Christus ein frommes Leben führen wollen, Verfolgung leiden, euer
Widersacher, der Teufel, zudem wie ein reißender Löwe umhergeht und
sucht, wen er verschlingen kann, sollt ihr mit aller Sorgfalt eifrig bestrebt
sein, die Waffenrüstung Gottes anzulegen, damit ihr den Anschlägen
des Feindes widerstehen könnt.
19. Zu gürten sind die Lenden mit dem Gürtel der Keuschheit; zu wappnen
ist die Brust mit heiligen Gedanken, denn es steht geschrieben: Ein heiliger
Gedanke wird dich behüten. Anzulegen ist der Panzer der Gerechtigkeit,
so dass ihr den Herrn, euren Gott aus ganzem Herzen und mit ganzer Seele und
mit allen Kräften lieben könnt und euren Nächsten wie euch selbst.
Bei allem muss der Schild des Glaubens ergriffen werden, mit dem ihr alle feurigen
Geschosse des Bösen auslöschen könnt, denn ohne Glauben ist es
unmöglich, Gott zu gefallen. Auch der Helm des Heils ist aufzusetzen, damit
ihr allein vom Heiland euer Heil erhofft, der sein Volk von seinen Sünden
erlöst. Das Schwert des Geistes aber, das ist das Wort Gottes, wohne mit
seinem ganzen Reichtum in eurem Mund und in eurem Herzen, und alles, was immer
ihr zu tun habt, geschehe im Wort des Herrn.
20. Ihr sollt irgendeine Arbeit verrichten, so dass der Teufel euch immer beschäftigt
findet und nicht wegen eurer Untätigkeit einen Zugang finden kann, um in
eure Seele einzudringen. Hierzu habt ihr die Unterweisung und zugleich das Beispiel
des heiligen Apostels Paulus, durch dessen Mund Christus gesprochen hat und
der als Verkünder und Lehrer der Völker im Glauben und in der Wahrheit
von Gott bestellt und uns gegeben ist. Wenn ihr ihm folgt, könnt ihr nicht
irregehen. „Tag und Nacht haben wir gearbeitet“, sagt er, „um
keinem von euch zur Last zu fallen. Nicht als hätten wir keinen Anspruch
auf Unterhalt; wir wollten euch aber ein Beispiel geben, damit ihr uns nachahmen
könnt. Denn als wir bei euch waren, haben wir euch die Regel eingeprägt:
Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen. Wir hören aber, dass einige
von euch ein unordentliches Leben führen und alles mögliche treiben,
nur nicht arbeiten. Wir ermahnen sie und gebieten ihnen im Namen Jesu Christi,
des Herrn, in Ruhe ihrer Arbeit nachzugehen und ihr selbstverdientes Brot zu
essen.“ Dieser Weg ist heilig und gut, auf ihm müsst ihr gehen!
21. Der Apostel aber empfiehlt das Schweigen, wenn er vorschreibt, in Ruhe
zu arbeiten, wie auch der Prophet bezeugt: „Die Übung der Gerechtigkeit
ist das Schweigen.“ Und ferner: „Im Schweigen und in der Hoffnung
liegt eure Stärke.“ Deshalb ordnen wir an, dass ihr nach dem Beten
der Komplet das Schweigen halten sollt, bis die Prim des folgenden Tages gebetet
ist. Wenn auch in der übrigen Zeit das Schweigen nicht so sehr gewahrt
zu werden braucht, hüte man sich dennoch sorgfältig vor Geschwätzigkeit,
denn wie geschrieben steht und nicht minder die Erfahrung lehrt: „bei
vielem Reden bleibt die Sünde nicht aus“ und „Wer unbedachtsam
im Reden ist, dem ergeht es übel.“ Sodann: „Wer viele Worte
macht, schadet seiner Seele.“ Und der Herr selbst sagt im Evangelium:
„Über jedes unnütze Wort, das die Menschen reden, werden sie
am Tag des Gerichts Rechenschaft ablegen müssen.“ Daher wäge
ein jeder seine Worte und zügle seine Zunge, damit er nicht strauchle und
durch seine Rede zu Fall komme und sein Fall unheilbar zum Tod führe. Mit
dem Propheten achte jeder auf seine Wege, damit er sich mit seiner Zunge nicht
verfehle, und er mühe sich sorgfältig und gewissenhaft um das Schweigen,
in dem die Übung der Gerechtigkeit besteht.
22. Du aber, Bruder B., und jeder, der nach dir als Prior eingesetzt wird,
erwägt stets im Geist und befolgt in der Tat, was der Herr im Evangelium
sagt: „Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und
wer unter euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein.“
23. Ihr übrigen Brüder aber, ehrt demütig euren Prior, indem
ihr eher an Christus denkt, der ihn über euch gesetzt hat, als an ihn selbst,
und der zu den Vorstehern der Kirche gesagt hat: „Wer euch hört,
der hört mich, und wer euch ablehnt, der lehnt mich ab“, damit ihr
nicht wegen Verachtung gerichtet werdet, sondern durch Gehorsam den Lohn des
ewigen Lebens verdient.
24. Dies haben wir euch in Kürze geschrieben, um euch eine Regel zu geben,
nach der ihr leben sollt. Will aber einer noch mehr tun, dann wird es ihm der
Herr selbst vergelten, wenn er wiederkommt. Er gebrauche jedoch die Unterscheidung,
die die Richtschnur der Tugend ist.