1. Karmelregel (gegeben zwischen 1206 und 1214),
Kapitel 7-11:den vollen Text finden Sie, wenn Sie hier
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einzelne soll in seiner Zelle oder in ihrer Nähe bleiben, Tag und Nacht
das Wort des Herrn meditierend und im Gebet wachend, es sei denn, er ist mit
anderen, wohlbegründeten Tätigkeiten beschäftigt.
Wer die kirchlichen Tagzeiten mit dem Klerus zu beten versteht, soll sie entsprechend
der Anordnung der heiligen Väter und der von der Kirche gutgeheißenen
Gewohnheit beten. ...
Keiner der Brüder soll etwas sein eigen nennen, sondern es sei euch alles
gemeinsam, und einem jeden soll durch die Hand des Priors, das heißt durch
den Bruder, der von ihm mit diesem Dienst betraut ist, zugeteilt werden, was
er braucht, unter Berücksichtigung des Alters und der notwendigen Bedürfnisse
jedes einzelnen. ...
Ein Oratorium soll, soweit es die Verhältnisse erlauben, inmitten der
Zellen errichtet werden, in dem ihr Tag für Tag frühmorgens zusammenkommen
sollt, um Eucharistie zu feiern, soweit es die Umstände erlauben.
Besprecht an den Sonntagen oder, falls notwendig, auch an anderen Tagen, die
Beobachtung euerer Lebensform und das geistliche Wohl; dabei sollen auch Übertreibungen
und Fehler der Brüder, wenn solche bei jemandem wahrgenommen werden, in
Liebe korrigiert werden.
2. Kerntexte aus den Neuen Konstitutionen von
1995:Art. 14-15 „In der Nachfolge Jesu Christi leben und ihm
mit reinem Herzen und gutem Gewissen treu dienen”. Dieser paulinisch geprägte
Satz ist das Fundament aller Grundzüge unseres Charismas und die Basis,
auf die Albert unser Lebensprojekt gestellt hat. ... Die Karmeliten leben ihre
Christusnachfolge, indem sie das Angesicht des lebendigen Gottes suchen (kontemplative
Dimension des Lebens), in Brüderlichkeit leben und sich für den Dienst
inmitten des Volkes öffnen (diakonia). Die drei grundlegenden Elemente
des karmelitanischen Charismas wurden von der spirituellen Tradition des Ordens
nie als von einander verschiedene, unabhängige Werte gesehen, sondern als
unlösbar miteinander verflochten. ... In unserer Spiritualität drücken
die Leitvorstellungen vom „ungeteilten Herzen” (puritas cordis)
und vom „Freisein für Gott” (vacare deo) die völlige Offenheit
für Gott und das fortschreitende eigene Loslassen aus. Wenn wir aus diesem
Prozeß heraus die Wirklichkeit mit Gottes Augen sehen, wird unsere Haltung
zur Welt in seiner Liebe verwandelt. Die Betrachtung der liebenden Gegenwart
Gottes wird dann Auswirkungen auf unser brüderliches Leben und unseren
Dienst haben.
17.
Die Tradition des Ordens hat die Regel und das Charisma des Anfangs immer als
Ausdruck der kontemplativen Dimension des Lebens interpretiert. Auf diese kontemplative
Berufung beziehen sich auch jeweils die großen geistlichen Meister der
karmelitanischen Familie. Die Kontemplation beginnt, wenn sich jemand Gott anvertraut,
gleich auf welche Art und Weise dieser sich uns nähert. Es ist eine Haltung
der Offenheit für Gott, dessen Gegenwart wir überall entdecken können.
Die Kontemplation ist somit die Grundlage für den inneren Weg des Karmeliten.
Er beginnt mit der freien Initiative Gottes, der uns berührt und umgestaltet.
So führt er uns zur Liebesvereinigung mit sich und richtet uns auf, daß
wir diese umsonst geschenkte Liebe Gottes genießen und in seiner liebenden
Gegenwart leben. Es ist die verwandelnde Erfahrung der Liebe Gottes, die alles
überragt. Diese Liebe befreit uns von einem menschlich begrenzten und unvollkommenen
Denken, Lieben und Handeln und verwandelt es in göttlicher Weise um.
18. Die Kontemplation beinhaltet auch einen apostolischen und kirchlichen
Wert. Ihre Verwirklichung ist nicht nur Quelle unseres geistlichen Lebens, sondern
bestimmt auch die Qualität unserer Brüderlichkeit und unseres Dienstes
inmitten des Volkes. In der Tat läßt die Kontemplation, wenn sie
treu im konkreten Alltag gelebt wird, die Brüderlichkeit des Karmel zu
einem Zeugnis für die Gegenwart des lebendigen und geheimnisvollen Gottes
inmitten seines Volkes werden. Die Suche nach dem Angesicht Gottes und die Offenheit
für die Gaben des Geistes schärfen unsere Aufmerksamkeit für
die Zeichen der Zeit und sensibilisieren uns für die Spuren der Gegenwart
des Wortes in der Geschichte, auch durch Analyse und Auswertung der Fakten und
Ereignisse in Kirche und Gesellschaft. So wird der Karmel wie Jesus Christus
solidarisch mit den Leiden und Hoffnungen der Menschheit und kann angemessene
Entscheidungen treffen, um das Leben zu verändern, damit es dem Willen
des Vaters entspricht.
19. Die kontemplative Haltung gegenüber der Welt um uns herum,
die uns die Gegenwart Gottes in unseren alltäglichen Erfahrungen entdecken
läßt, hilft uns, ihn vor allem in unseren Brüdern zu finden.
Auf diese Weise lernen wir, das Geheimnis der Menschen, mit denen wir unser
Leben teilen, wertzuschätzen. Unsere Regel verpflichtet uns, in erster
Linie “fratres”, Brüder, zu sein , und erinnert uns daran,
wie in unseren Gemeinschaften die Qualität der Beziehungen untereinander
und der Umgang miteinander nach dem Beispiel der Urgemeinde von Jerusalem entfaltet
werden soll. Brüder zu sein bedeutet für uns: Wachsen in Gemeinschaft
und Einheit, Überwindung von Unterschieden und Privilegien, Mitsprache
und Mitverantwortung, Gütergemeinschaft und ein gemeinsamer Lebensentwurf
bei unterschiedlichen persönlichen Charismen. Brüder zu sein bedeutet
auch Aufmerksamkeit für das geistliche und seelische Wohlergehen der anderen
durch Dialog und Versöhnung.
64. Von Anfang an gehört zum Karmelitenorden sowohl ein Leben aus
dem Gebet als auch das Apostolat des Gebets. Das Gebet ist die unaufgebbare
Mitte unseres Lebens, aus dem wirkliche Gemeinschaft und echter Dienst hervorgehen.
Das Gebet der karmelitanischen Gemeinschaft ist für die Welt ein Zeichen
der betenden Kirche.
70. Die tägliche gemeinsame Eucharistiefeier soll die ”Mitte
und der Höhepunkt des ganzen Lebens” der Gemeinschaft sein.
78-81: Unser ganzes Leben muß von einem tiefen religiösen
Empfinden durchdrungen sein, mit dem wir sowohl unsere persönlichen Erlebnisse
wie auch die unserer Umgebung im Licht Gottes deuten können. Unser ganzes
Leben muß durch und durch kontemplativ sein, damit wir alles, was geschieht,
wie mit den Augen Gottes sehen. In der Tradition des Karmel ist die Kontemplation
eine umsonst geschenkte Gabe Gottes. Er ergreift die Initiative, kommt uns entgegen
und erfüllt uns immer stärker mit seinem Leben und seiner Liebe. Wir
antworten ihm, indem wir ihm erlauben, der Herr unseres Lebens zu sein. Die
Kontemplation ist eine Haltung der Offenheit für Gott, durch die wir seine
Gegenwart in allem entdecken. So folgen wir dem Beispiel des Propheten Elija,
der unaufhörlich Gott suchte, und dem Beispiel Mariens, die alles in ihrem
Herzen bewahrte. Das stille Gebet ist eine große Hilfe, um den Geist der
Kontemplation in uns zu entfalten. Diesem Gebet sollten wir jeden Tag eine angemessene
Zeit widmen. Das Gebetsleben fordert uns heraus, unsere Lebensweise im Licht
des Evangeliums zu überprüfen, so daß sich unser Beten sowohl
auf unser persönliches als auch auf unser gemeinschaftliches Leben auswirkt.
92. Wir Karmeliten müssen unsere Sendung inmitten des Volkes vor
allem durch den Reichtum unseres kontemplativen Lebens verwirklichen. Unsere
prophetische Tätigkeit kann viele und verschiedene Formen apostolischer
Dienste übernehmen. Weil sich nicht jede apostolische Tätigkeit mit
unserem Charisma und mit den Gegebenheiten einer bestimmten Gemeinschaft vereinbaren
läßt, müssen wir immer zwischen allen Möglichkeiten, die
sich durch die jeweilige Situation ergeben, sorgfältig unterscheiden.
115. Unsere elijanische Tradition, - Grundlage unseres prophetischen
Charismas -, lädt uns ein, heute mit den Armen den Weg zu gehen, den der
Prophet in seiner Zeit beschritten hat; den Weg der Gerechtigkeit gegen die
falschen Ideologien und für eine konkrete Erfahrung des wahren Gottes;
den Weg der Solidarität, die für die Opfer der Ungerechtigkeit eintritt
und Partei für sie ergreift; den Weg der Mystik, der darin besteht, den
Armen ihr Selbstvertrauen zurückzugeben, indem wir ihnen zu Bewußtsein
bringen, daß Gott auf ihrer Seite ist.
3.
Teresa von Avila (1515-1582): Wer einmal das innerliche Gebet zu üben
begonnen hat, der gebe es, so viel Böses er auch tun mag, doch nicht wieder
auf; denn es ist das Mittel, durch das er sich wieder bessern kann, was ohne
dasselbe weit schwerer der Fall sein wird ... Wer aber mit dieser Übung
noch nicht begonnn hat, den bitte ich um der Liebe des Herrn willen, sich ein
so großes Gut nicht entgehen zu lassen. Hier gibt es nichts zu fürchten,
hier gibt es nur Verlangenswertes ... Meiner Ansicht nach ist nämlich das
innere Gebet nichts anderes als ein Freundschaftsverkehr, bei dem wir uns oftmals
im geheimen mit dem unterreden, von dem wir wissen, daß er uns liebt ...
O unendliche Liebe meines Gottes! ... Wie wahr ist es: wer deine Nähe nicht
erträgt, den erträgst du! Welch ein treuer Freund bist du ihm doch!
Wie beschenkst du ihn, wie duldest du ihn, wie wartest du zu, bis er deine Art
annimmt, indem du inzwischen die seine erträgst! Du, o mein Herr, rechnest
ihm die Stunden, in denen er dich liebt, zum Verdienste an, und auf eine augenblickliche
Reue hin vergißt du alles, womit er dich beleidigt hat. Unverkennbar habe
ich dieses an mir selbst erfahren. Ich begreife darum nicht, o mein Schöpfer,
warum nicht die ganze Welt danach strebt, durch diese besondere Freundschaft
mit dir in Verbindung zu treten.
Leben, Kapitel 8, 5f.
Obwohl wir alle, die wir dieses heilige Gewand des Karmel tragen, zum Gebet
und zur Kontemplation berufen sind - denn dies war unser Anfang, von diesem
Stamme kommen wir, als Nachfahren jener heiligen Väter vom Berge Karmel,
die in solch großer Einsamkeit und solcher Verachtung der Welt diesen
Schatz suchten, diese kostbare Perle, von der wir sprechen, sind es doch auch
unter uns nur wenige, die sich dafür bereit machen, auf daß der Herr
sie uns schauen lasse.
4. Johannes vom Kreuz (1542-1591):Gebet
(für Teresa von Avila)
Nichts soll dich ängstigen, nichts dich verwirren. Alles geht vorüber,
Gott allein derselbe. Geduld erreicht alles. Wer Gott hat, hat alles, Gott erst
genügt.
Die Dunkle Nacht
In
einer dunklen Nacht von Sehnsucht getrieben, in Brand gesteckt von Liebe, -
o glückliche Fügung! - entfloh ich, ohne bemerkt zu werden, als schon
das Haus um mich in Stille lag,
im Dunkeln, sichren Fußes über die geheime Leiter, tief ins Gewand
gemummt, - o glückliche Fügung! - im Dunkeln und wachsam angespannt,
als schon das Haus um mich in Stille lag,
in jener glückseligen Nacht, heimlich, daß mich niemand sah - auch
ich selbst nahm nichts wahr -, ohn’ andres Licht, den Weg zu leuchten,
als das nur, das im Herzen brannte;
das führte mich sichrer als das Licht der Tagesmitte dorthin, wo mich
erwartete, um den so tief ich weiß, dorthin, wo niemand uns belauerte.
O Nacht, die du den Weg geleuchtet! O Nacht, liebenswerter als das Morgendämmern!
O Nacht, die du zusammenbrachtest den Geliebten und die geliebte in den Geliebten
umgestaltete Geliebte!
An meiner Brust, aufgeblüht zu neuem Leben, die nur für ihn sich
aufbewahrte, da ruht’ er schlafend, und ich liebkoste ihn, und Zedern
fächelten ihm Wind.
Der Wind von den Zinnen her - als zärtlich er sein Haar durchwehte - mit
seiner sanften Hand streifte meinen Hals, und alle meine Sinne schwanden.
Ich blieb und ich vergaß mich, das Antlitz neigt’ ich über
den Geliebten, alles um mich verlosch, ich ließ mich los, ließ los
meine Sorgen, zwischen den Lilien war es vergessen.
5.
Theresia von Lisieux (1873-1897): Ich erhoffe von Gottes Gerechtigkeit so
viel wie von seiner Barmherzigkeit. Weil er gerecht ist, ist er barmherzig und
gnädig, langmütig und reich an Güte ...
Mein Weg ist ganz Vertrauen und Liebe, ich verstehe die Menschen nicht, die
vor einem so liebevollen Freund Angst haben ...
Die Vollkommenheit erscheint mir leicht, ich sehe, daß es genügt,
sein Nichts zu erkennen und sich wie ein Kind Gott in die Arme zu werfen.
aus den Briefen
Die Liebe gab mir den Schlüssel zu meiner Berufung. Ich begriff, daß
wenn die Kirche einen aus verschiedenen Gliedern bestehenden Leib hat, ihr auch
das notwendigste, das edelste von allen nicht fehlt; ich begriff, daß
die Kirche ein Herz hat, und daß dieses Herz von Liebe brennt. Ich erkannte,
daß die Liebe allein die Glieder der Kirche in Tätigkeit setzt, und
würde die Liebe erlöschen, so würden die Apostel nicht mehr das
Evangelium verkünden, die Martyrer sich weigern, ihr Blut zu vergießen.
Ich begriff, daß die Liebe alle Berufungen in sich schließt, daß
die Liebe alles ist, daß sie alle Zeiten und Orte umspannt, mit einem
Wort, daß sie ewig ist.
Da rief ich im Übermaß meiner überschäumenden Freude:
O Jesus, meine Liebe, endlich habe ich meine Berufung gefunden. Meine Berufung
ist die Liebe. Ja, ich habe meinen Platz in der Kirche gefunden, und diesen
Platz, mein Gott, den hast du mir geschenkt. Im Herzen der Kirche werde ich
die Liebe sein, so werde ich alles sein, so wird mein Traum Wirklichkeit werden.
Warum von überschäumender Freude sprechen? Nein, dieser Ausdruck
ist nicht richtig; es ist vielmehr der ruhige und heitere Friede des Schiffers
beim Anblick des Leuchtturms, der ihn zum Hafen führen soll. O strahlender
Leuchtturm der Liebe, ich weiß, wie man zu dir gelangt, ich habe das Geheimnis
gefunden, mir deine Flamme selbst anzueignen.
O Jesus, ich weiß, Liebe wird nur durch Liebe bezahlt, so suchte und
fand ich das Mittel, um mein Herz zu erleichtern, indem ich dir Liebe durch
Liebe vergelte.
6.
Elisabeth von Dijon (1880-1906): Ach ja, liebe Madame, leben wie mit Gott
wie mit einem Freund, erhalten wir unseren Glauben lebendig, indem wir durch
alles hindurch mit Ihm verbunden bleiben, so wie es die Heiligen getan haben.
Wir tragen unseren Himmel in uns, da Er, der die Seligen im Licht seiner Anschauung
sättigt, sich uns im Glauben und im Geheimnis schenkt, Er ist Derselbe!
Es scheint mir, daß ich meinen Himmel auf Erden gefunden habe, denn der
Himmel, das ist Gott, und Gott, das ist meine Seele. An dem Tag, wo ich das
Begriffen habe, ist alles in mir hell geworden, und ich möchte dieses Geheimnis
allen zuflüstern, die ich liebe, damit auch sie, durch alles hindurch,
immer zu Gott hin streben, und daß das Gebet Christi wahr werde: „Vater,
sie sollen alle mit Uns eins sein!“
aus Brief 122
Ich bin „Elisabeth von der Dreifaltigkeit", das heißt, Elisabeth
verschwindet, verliert sich, indem sie sich von der Dreiheit durchdringen läßt;
... Ja, meine kleine Germaine, leben wir aus Liebe, seien wir genauso einfach
wie sie, allzeit hingegeben, entäußern wir uns jede Minute, indem
wir den Willen des lieben Gottes tun, ohne außerordentliche Dinge zu suchen.
Und machen wir uns ganz klein, lassen wir uns wie ein kleines Kind in den Armen
seiner Mutter von Ihm, der unser Alles ist, tragen. Ja, meine kleine Schwester,
wir sind eigentlich schwach, ich würde sogar sagen, daß wir armselig
sind, aber Er weiß das sehr wohl, Er will uns so gern vergeben, uns aufrichten,
dann zu Sich hin mitnehmen, in seine Reinheit, in seine unendliche Heiligkeit;
genau so will Er uns reinmachen, im ständigen Kontakt mit Ihm, durch seine
göttliche Berührung. Er will, daß wir ganz rein sind, aber Er
selbst wird diese Reinheit sein: wir müssen uns in sein Ebenbild verwandeln
lassen, und das ganz einfach, indem wir allzeit mit dieser Liebe, die die Einheit
der Liebenden darstellt, lieben! Germaine, auch ich will heilig sein, heilig
damit Er glücklich ist. Bitten Sie Ihn, daß ich ganz aus Liebe lebe,
das ist meine „Berufung“. Und dann bemühen wir uns gemeinsam,
damit wir den ganzen Tag über die Beziehung aufrechterhalten: stehen wir
am Morgen aus Liebe auf, geben wir uns den ganzen Tag der Liebe hin, das heißt
indem wir den Willen des lieben Gottes tun, vor seinem Angesicht, mit Ihm, in
Ihm und für Ihn allein. Schenken wir uns jederzeit in der Weise, die Er
von uns verlangt ... Und dann, wenn es Abend wird, schlafen wir, nach einem
Liebesgespräch, das in unserem Herzen nie geendet hat, in der Liebe ein:
das ist ein verzehrendes Feuer, bereiten wir uns so in seiner Liebe unser eigenes
Fegefeuer!
aus Brief 172
Der große heilige Paulus sagt: „Wo die Sünde mächtig
wurde, da ist die Gnade übergroß geworden.“ Mir scheint, daß
gerade der schwächste, ja sogar der schuldbeladenste Mensch den meisten
Anlaß hat zu hoffen. Und dieser Akt, den er setzt, um sich zu vergessen
und sich in die Arme Gottes zu werfen, beglückt und erfüllt ihn mit
größerer Freude als alle Selbstbesinnung und alle Gewissenserforschung,
die ihn in seinen Gebrechen weiterleben lassen, während er in der Mitte
seiner selbst doch einen Retter hat, der ihn in jeder Minute neu reinigen will.
Erinnern
Sie sich an die schöne stelle, wo Jesus zu seinem Vater sagt, daß
Er ihm alle Macht gegeben habe über alles Fleisch, damit Er allen ewiges
Leben gebe? Eben dies will Er in uns wirken: In jeder Minute will Er, daß
Sie aus sich herausgehen, daß Sie alle Sorgen lassen, um sich in diese
Einsamkeit zurückzuziehen, in der Er auf dem Grund Ihres Herzens zu finden
ist. Er ist immer dort, Auch wenn Sie Ihn nicht fühlen. ER erwartet Sie
und will „einen wunderbaren Austausch“ mit Ihnen beginnen, ... ,
eine innige Vertrautheit zwischen Bräutigam und Braut. Von Ihren Gebrechen,
von Ihren Fehlern, von allem, was Sie beunruhigt, will Er, ja Er, Sie befreien,
durch diese beständige Verbindung mit Ihm. Hat er nicht gesagt: „Ich
bin nicht gekommen zu richten, sondern zu retten“? Nichts darf Ihnen als
Hindernis auf dem Weg zu Ihm erscheinen. Achten Sie nicht so sehr darauf, ob
Sie begeistert oder mutlos sind; es gehört zum Gesetz der Verbannung, daß
man so von einer Verfassung in die andere wechselt. Glauben Sie dann, daß
er sich niemals verändert, daß Er in Seiner Güte sich immer
über Sie neigt, um Sie mitzunehmen und in Sich zu bergen. Sollte trotz
all dem Leere und Traurigkeit Sie niederdrücken, so vereinigen Sie sich
in dieser Agonie mit der des Meisters im Ölgarten, als Er zum Vater sagte:
„Wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber.“
Liebe gnädige Frau, Sie meinen vielleicht, es sei schwierig, sich zu vergessen.
Seien Sie ohne Sorgen; wenn Sie wüßten, wie einfach das ist ... Ich
will Ihnen mein „Geheimnis“ mitteilen: Denken Sie an diesen Gott,
der in Ihnen wohnt und dessen Tempel Sie sind; der heilige Paulus sagt es so,
ihm können wir glauben. Nach und nach gewöhnt sich die Seele daran,
in seiner süßen Gesellschaft zu leben; sie begreift, daß sie
in sich einen kleinen Himmel trägt, in dem der Gott der Liebe sich niedergelassen
hat. Es ist gleichsam eine göttliche Atmosphäre, in der sie atmet.
Ich würde sogar sagen, nur noch ihr Leib ist auf der Erde. Ihre Seele wohnt
jenseits der Wolken und der Schleier, in Dem, der der Unveränderliche ist.
Denken Sie nicht, dies sei nichts Für Sie, Sie seien zu erbärmlich.
Denn das ist gerade im Gegenteil ein Grund mehr, um zu Dem hinzugehen, der rettet.
Aber nicht mit dem Blick auf diese Erbärmlichkeit werden wir gereinigt
werden, sondern in dem wir Den anschauen, der die völlige Reinheit und
Heiligkeit ist.
aus Brief 249
Gebet zur Dreifaltigkeit vom 21. November 1904:
O mein Gott, Dreifaltiger, den ich anbete, hilf mir, mich ganz zu vergessen,
damit ich in Dir bin, regungslos und friedvoll, als ob meine Seele bereits in
der Ewigkeit weilte. Nichts soll meinen Frieden stören, nichts mich von
Dir entfernen, o mein Unwandelbarer, jede Minute soll mich mehr in die Tiefe
Deines Geheimnisses hineinführen. Schenke meiner Seele Frieden, mach aus
ihr Deinen Himmel, Deine geliebte Wohnstatt und den Ort Deiner Ruhe. Niemals
will ich Dich dort allein lassen, sondern selber ganz dort sein, ganz wach in
meinem Glauben, ganz anbetend, ganz Deinem schöpferischen Wirken hingegeben.
O mein Christus, den ich liebe, aus Liebe gekreuzigt, ich möchte eine
Braut Deines Herzens sein, ich möchte Dich mit Ehre überhäufen,
ich möchte Dich lieben... bis ich daran sterbe! Aber ich fühle meine
Ohnmacht, und ich bitte Dich, mich mit Dir selbst zu bekleiden, meine Seele
der Deinen in all ihren Regungen ähnlich zu machen, mich einzutauchen,
mich zu überfluten, Dich an meine Stelle zu setzen, damit mein Leben nichts
anderes sei als ein heller Widerschein Deines Lebens. Komm in mich, als der
Anbetende, als Retter und Heiland. O ewiges Wort, Wort meines Gottes, ich will
mein Leben lang Dir zuhören, ich will mich von Dir unterweisen lassen,
damit ich alles über Dich erfahre. Und durch alle Nächte, durch alle
Leere, durch alle Ohnmachten hindurch will ich immer auf Dich schauen und in
Deinem hellen Licht bleiben; o mein Gestirn, das ich liebe, nimm mich so gefangen,
daß ich nicht mehr aus Deinem Strahlenkranz weichen kann.
O verzehrendes Feuer, Geist der Liebe, komm in mich, damit das Wort in meiner
Seele Fleisch annehme: daß ich für Es eine Weiterführung Seiner
Menschheit bin, in dem Es Sein ganzes Mysterium erneuert. Und Du, o mein Vater,
neige Dich zu Deinem armen, kleinen Geschöpf, birg es in Deinem Schatten,
sieh in ihm nichts als den Vielgeliebten, an dem Du Dein ganzes Wohlgefallen
hast.
O mein dreifaltiger Gott, mein Alles, meine Seligkeit, unendliche Einsamkeit,
unendliche Weite, in der ich mich verliere, ich gebe mich Dir zum Opfer hin.
Versenke Dich in mir, damit ich mich in Dich versenke, sodass ich dereinst den
Abgrund Deiner Größe in Deinem Licht schauen darf.
7.
Titus Brandsma (1881-1942): „Es ist eine Eigentümlichkeit des
Karmelitenordens, daß er, obgleich ein Mendikantenorden, der mitten unter
dem Volk lebt und wirkt, ... die Einsamkeit und die Beschauung als den besseren
Teil seines geistlichen Lebens betrachtet ... Trotz der vielen Hindernisse,
denen das Gebetsleben der beschaulichen Orden begegnet, hat der Karmel doch
stets daran festgehalten, daß das kontemplative Leben den Vorrang haben
muß ... Niemals darf vergessen werden, daß der wichtigste Teil die
Kontemplation ist - das aktive Leben gehört stets an die zweite Stelle
... Und dies ist die höchste Schule des Karmel: die Beschauung soll das
Fundament und die Stärke seiner apostolischen Aktivität sein ... Das
mystische Leben ist im höchsten Sinne apostolisch. Ohne jede Aktivität
nach außen hin übt es den größten Einfluß aus ...
Die alte Geschichte des Ordens zeigt uns, daß diese besondere Berufung
zum mystischen Leben sich von Anfang an offenbarte und das ständige Ideal
des Ordens darstellte ... [Es] wird die Erreichung dieses hohen Standes der
mystischen Einigung allen Karmeliten als Ziel vor Augen gestellt, und alle sind
verpflichtet, ihr Leben diesem erhabenen Ideal anzupassen.“
Mit
Edith Stein wurde am 11. Oktober 1998 eine Frau heiliggesprochen, deren Schicksal
das 20. Jahrhundert kennzeichnet, im Guten wie im Bösen: 1891 in Breslau
in einer jüdischen Familie geboren, ab dreizehn Jahren ,,Atheistin",
als Gymnasiastin und Studentin Frauenrechtlerin, Schülerin des bedeutenden
Philosophen Edmund Husserl, bei dem sie 1916 summa cum laude promoviert und
dessen Assistentin sie wird - die erste deutsche (Privat-)Assistentin in Philosophie!
Dann erfährt das hochstrebende Leben einenUmschwung durch große
Leiden. Darunter sind zwei „unwirklich“ gebliebene Beziehungen,
die eine Antwort auf das Empfinden der jungen Frau verweigern und sie auf die
Suche nach einem tieferen Leben schicken. Am Ende einer mehrjährigen, unschlüssigenWanderung
durch die christliche Literatur springt in einer „einzigen Nacht“
der Entschluß zur Taufe auf - mit Hilfe der Lebensbeschreibung der Teresa
von Avila. Edith Stein wird Lehrerin in St. Magdalena in Speyer (1923-31) und
für ein Jahr Dozentin am Deutschen Institut für wissenschaftliche
Pädagogik in Münster, bis die Ariergesetze 1933 sie dieser Möglichkeit
berauben, schließlich 1933-1938 Karmelitin in Köln und ab 1939 in
Echt/Holland, wo sie am 2. August 1942 - nach einem holländischen Hirtenbrief
gegen die Judenverfolgung von der Gestapo abgeholt und wahrscheinlich am 9.
August 1942 zusammen mit ihrer Schwester Rosa in Auschwitz getötet und
spurenlos verbrannt wird.
Ein ungewöhnliches Leben, das in seiner ersten Hälfte steil und
selbstsicher nach oben strebt, „Karriere“ macht, keine wirklichen
Widerstände kennt; das sich in der zweiten Hälfte nach unten und innen
beugt, ins Unauffällige zurückgeht, schließlich in einem Grauen
verschwindet. Ein reich begabtes und tief gedemütigtes Leben - Nachfolge
Jesu durch eine Jüdin, Philosophin, Martyrerin „für die Kirche
und den Karmel, ihr jüdisches Volk und Deutschland, und alle, die Gott
mir gegeben“, wie sie es in einem Akt der Hingabe formuliert.
In diesem Leben liegen Anstöße, die heute und vielleicht wirklich
erst heute in ihrer Tiefenwirkung zu bedenken sind. Dazu gehört die zeichenhafte
Verbindung von Judentum und Christentum, das Wiedererkennen des einen Volkes
Israel im Alten wie im Neuen Bund; dazu gehört Edith Steins intellektuelle
Vertrautheit mit den denkerischen Problemen des 20. Jahrhunderts und darunter
nicht zuletzt mit der Frauenfrage; dazu gehört letztlich die mystische
Lebensnähe der „Kreuzeswissenschaft“ (Titel eines ihrer Hauptwerke),
die das Paradox Jesu vor Augen stellt: Heilung durch Leiden.
In der Gestalt Edith Steins treffen sich verschiedene Spannungen, die anderswo
zum bloßen Gegensatz auseinandergefallen wären: Judentum und Christentum,
Wissenschaft und Religiosität, Intellekt und Hingabe, anspruchsvolles Denken
und Schlichtheit.
Wenn man das Leben, die philosophische Klarheit, die religiöse Tiefe
Edith Steins vor Augen hat, so stößt man um so verwirrter auf ihren
furchtbaren Tod. Was kann der Sinn der ganzen, lebenslangen Anstrengung um Wahrheit
gewesen sein, welche auch nur geringe Spur hinterlassen ihre luziden Forschungen,
wenn alles absurd-mörderisch endet? Und ihr Tod versinkt ja in den Tod
ungezählter Millionen dieses Jahrhunderts, das so fortschrittsbewußt
begann und nun die tiefe Vergänglichkeit des Fortschritts erwiesen hat.
Ganz Europa ist gezeichnet von den Toten der Welt- und Bürgerkriege,
der Revolution von 1917 und ihrer Folgen, der Machtergreifung von 1933, der
geplanten Vernichtungen durch Lager, Hunger, Exekution. Mehr als das: Die Folgen
dieser dämonischen Ereignisse sind immer noch nicht zu Ende, ein Großteil
des östlichen Europa leidet bis zum heutigen Tage. Wozu philosophische
Erkenntnisse, wozu Fleiß und Disziplin des Arbeitens, wenn es in solchen
,,Tatsachen" untergeht? Bleibt das Streben nach endgültiger Wahrheit
des Denkens leer angesichts der unzähligen Opfer?
Die Antwort darauf kann wohl nicht von uns Lebenden mit letzter Überzeugung
kommen, da diese Überzeugung noch keine persönliche Prüfung bestehen
mußte. Aber Edith Steins Gesicht hat Teil an der namenlosen Verwüstung
und kann daher eine Antwort wagen: Der Sinn solcher Klärungen des Denkens
mag darin liegen, daß in aller Bitterkeit verstanden wird, wodurch der
Mensch geheilt wird: allein durch die Liebe Gottes, die Edith Stein zutiefst
berührt und der sie sich ganz hingegeben hat.
2. Geborgenheit in Gott - aus einem Brief von Edith Stein:
In
dem Gefühl der Geborgenheit, das uns oft gerade in ,,verzweifelter“
Lage ergreift, wenn unser Verstand keinen möglichen Ausweg mehr sieht und
wenn wir auf der ganzen Welt keinen Menschen mehr wissen, der den Willen oder
die Macht hätte, uns zu raten und zu helfen: in diesem Gefühl der
Geborgenheit werden wir uns der Existenz einer geistigen Macht inne, die uns
keine äußere Erfahrung lehrt. Wir wissen nicht, was weiter aus uns
werden soll, vor uns scheint ein Abgrund zu gähnen und das Leben reißt
uns unerbittlich hinein, denn es geht vorwärts und duldet keinen Schritt
zurück; aber indem wir zu stürzen meinen, fühlen wir uns „in
Gottes Hand“, die uns trägt und nicht fallen läßt. Und
nicht nur seine Existenz wird uns in solchem Erleben offenbar, auch was er ist,
sein Wesen, wird in seinen letzten Ausstrahlungen sichtbar: die Kraft, die uns
stützt, wo alle Menschenkräfte versagen, die uns neues Leben schenkt,
wenn wir innerlich erstorben zu sein meinen, die unseren Willen stählt,
wenn er zu erlahmen droht - diese Kraft gehört einem allmächtigen
Wesen. Das Vertrauen, das uns einen Sinn unseres Lebens annehmen läßt,
auch wo menschlicher Verstand ihn nicht zu enträtseln vermag, lehrt uns
seine Weisheit kennen. Und die Zuversicht, daß dieser Sinn ein Heilssinn
ist, daß alles, auch das Schwerste, letzten Endes doch unserem Heil dient,
und ferner, daß dieses höchste Wesen sich unser noch erbarmt, wenn
die Menschen uns aufgeben, daß es keine schlechthinnige Verworfenheit
kennt, dies alles zeigt uns seine Allgüte.
Selbstbildnis in Briefen I, Freiburg 1976, 194.siehe auch: Literaturhinweise