Bedeutung

Wie keine andere Epoche prägen die Jahrzehnte des Herzogtums Straubing-Holland (1353-1429) das mittelalterliche Erscheinungsbild der Stadt. In der Bettelordenskirche der Karmeliten besitzt Straubing neben der großartigen Hallenkirche St. Jakob, die kurz danach (um 1400) vom städtischen Bürgertum begonnen wurde, einen zweiten Sakralbau aus dieser spätgotischen Zeit. Er steht St. Jakob in baukünstlerischer Qualität nicht nach.

Offenbar ab 1368 als basilikales Langhaus begonnen, erfährt der Bau in den 90er Jahren durch Meister Hans Krumenauer mit dem ausgeschiedenen, langgestreckten Mönchschor die entscheidende Umgestaltung. Verwandt mit Chor und Langhaus der gleichfalls von den Meistern Hans Krumenauer und Hans von Burghausen geschaffenen Stadtpfarrkirche St. Martin in Landshut, zählt er zu den bedeutendsten und ältesten dreischiffigen Hallenanlagen im niederbayeri­schen Raum.

Der beachtliche Bestand an spätmittelalterlichen Grabdenkmälern verleiht der Kirche, die für die herzogliche Familie wie für wohlhabende Straubinger Patrizier- und Bürgerfamilien wegen der Hochschätzung des Fürbittgebetes der Bettelorden als bevorzugte Grablege diente, einen besonderen kunstgeschichtlichen Akzent.

Die blühende Wallfahrt zum Gnadenbild der Nessel-Muttergottes führt bald zur Ausstattung im Barockstil.

Wolfgang Dient­zenhofer, Giovanni B. Carlone, Paolo d'Aglio und Melchior Steidl geben dem spätgotischen Raum jene ansprechende barocke Form, die einheimische und auswärtige Künstler mit monumentalen Altaraufbauten, prächtigen Gemälden und der architektonisch wirksamen Rokokokanzel zum Abschluß bringen.

Die vielen Ordensheiligen erinnern an die Karmeliten, die hier ununterbrochen seit über 625 Jahren wirken. Entsprechend ihrem Ordensideal, das kontemplative Zurückgezogenheit und Offenheit für die seelische Not der Menschen miteinander verbindet, ist diese Klosterkirche für viele Gläubige im weiten Umkreis eine gesuchte Stätte des stillen Gebots und der außerordentlichen Seelsorge.

Alfons Huber und Hermann Reidel