Der spätgotische Heiliggrab Christus im Straubinger Karmelitenkloster
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Ein Sensationsfund zur Straubinger Tonplastik
Friedrich Fuchs
in: Historischer Verein für Straubing und Umgebung - Jahresbericht 103/2001

Einleitung
Als vor etwa zwei Jahren der Prior des Straubinger Karmelltenklosters anregte,
in der Karwoche wieder eine Heiliggrabanlage aufzustellen, erinnerten sich ältere
Mitbrüder, dass man doch früher mal einen großen Grabchristus
hatte. Und in der Tat fand dieser sich in der Mönchsgruft wieder.
Ein Brief von 1935, den freundlicherweise der Prior zugänglich gemacht
hat, enthält ein paar sehr interessante Aussagen. Ein auswärtiger
Kunsthändler wandte sich in diesem Brief wegen des Grabchristus an
den damaligen Prior des Straubinger Karmelitenklosters. Er rühmt die
Figur als einzigartiges Kunstwerk, indem er schreibt: "diese Figur ist
von so hervorragender Qualität, dass sie zu den besten Werken der figürlichen
Tonplastik in Deutschlandgezählt werden muß". Ferner bittet
er den Prior, die geplante Neufassung durch den Straubinger Malermeister Reff
- dort hatte er nämlich die Figur gesehen - nicht auszuführen. Ferner
bittet er ihn ... "im Namen aller Kunstfreunde ... diese erschütternd
lebenswahre Figur nicht, wie geplant, in die Gruft zu verbannen, sondern ihr
den einzig würdigen Platz zu geben, sie neben dem berühmten Hochgrab
aufzustellen zu wollen" Untertänigst beruft sich der Schreiber
sodann auf seine 40 jährige Erfahrung als Kunsthändler und meint,
... "Kunst und Nachwelt würden es dem Prior danken, wenn er seiner
Anregung Folge leisten würde".
Nun, unser Dank ist ihm jedenfalls gewiss. Der Grabchristus ist nicht neu gefasst
worden, kam aber trotzdem in die Gruft, was ihm freilich nicht geschadet hat.
Er muss aber auch vorher schon gut versteckt gewesen sein, denn in der zu Recht
hoch angesehenen alten Inventarreihe der Kunstdenkmäler von Bayern
ist die Christusfigur nicht erwähnt, und das obwohl der Band zur Stadt
Straubing, erschienen 1921, sogar besonders gründlich erarbeitet ist. Dies
heißt notgedrungen, der damalige Kollege hat die Figur nicht zu Gesicht
bekommen, sonst hätte er sie sicher ausführlich gewürdigt. Sie
muss also sehr gut in der Gruft versteckt und möglicherweise damals
auch aus dem Bewusstsein der Karmelitenpatres verschwunden gewesen sein.
Nicht ganz auszuschließen ist aber auch, dass die Patres ihren Grabchristus
bewusst nicht hergezeigt haben. Auch wenn die Säkularisation schon über
100 Jahre zurücklag, gab es auf breiter Front in geistlichen Kreisen scheinbar
nach wie vor gewisse Ressentiments gegenüber dieser von Seiten des
bayerischen Staates betriebenen Kunstinventarisation. Dies mag wohl einer
der Hauptgründe sein, warum bei der heutigen, erklärtermaßen
von der Kirche aus betriebenen Inventarisierung des kirchlichen Kunstgutes immer
wieder Entdeckungen von großartigen Kunstwerken möglich sind, welche
nicht in den alten staatlichen Inventarbänden verzeichnet sind. Dies gehört
im übrigen zu den Freuden der Alltagsarbeit des Verfassers.
Der Straubinger Grabchristus wurde jedoch wie oben geschildert bei den Karmeliten
gewissermaßen "hausintern" wiederentdeckt. Die Erkenntnis, dass
es sich um ein großartiges spätgotisches Kunstwerk handelt,
reifte alsbald in der Restaurierungswerkstatt des Gäubodenmuseums, wo der
Grabchristus im Spätwinter 2002 für seinen nächsten Einsatz in
der Karwoche vorbereitet werden sollte. Dort bin ich ihm erstmals begegnet,
nachdem mich dankenswerterweise mein Kollege Stephan Maler vom Gäubodenmuseum
in Amtshilfe zugezogen hatte. Sehr schnell entpuppte sich dies als höchst
verlockende Aufgabe.
Heute nun ist der Grabchristus da, wo er, um nochmals jenen Brief von 1935 zu
zitieren, "im Namen aller Kunstfreunde" sein sollte, nämlich
im Chorschluss beim Albrechtsgrab hinter dem barocken Hochaltar. Das Albrechtsgrab
ist das Hochgrab Albrechts II. (um 1410/20), Herzog des Herzogtums Straubing-Holland.
Dessen Vater Albrecht I. hatte die Karmeliten nach Straubing geholt.
Im Verlaufe des späteren14.Jahrhunderts gab es eine rege Bautätigkeit
an Kirche und Kloster unter Führung namhafter Baumeister. Ab der 1390er
Jahre leitete Hans Krumenauer die Arbeiten, ab der 1420er Jahre Hans von
Burghausen, beide zählen zu den besten Baumeistern der Spätgotik in
Süddeutschland. Für die Spätgotik dürfen wir also von einer
guten Finanzlage des Klosters ausgehen. Zu nicht näher bestimmter Zeit
im Verlaufe des 15. Jahrhunderts wurde an der Südseite des Chores eine
Heiliggrabkapelle errichtet, die noch im 18. Jahrhundert als "capella sepulchri
Domini" bezeichnet wird'.
In der Reformationszeit während des 16. Jahrhunderts heißt es, sei
das Karmelitenkloster in großen finanziellen Nöten gewesen.
Im Barock erlebt die Kirche eine blühende Wallfahrt und damit einen ungeahnten
Aufschwung.
Kehren wir ganz konkret zurück zum spätgotischen Grabchristus.
Er ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Er besteht aus gebranntem Ton und
für diese Herstellungstechnik ist er ungewöhnlich groß. Er misst
193 cm, hat "Schuhgröße 44", wie Karl Hainer, der Keramikrestaurator
des Gäubodenmuseums, ausgerechnet hat. Auch die künstlerische Qualität
ist mehr als beachtlich. Und angesichts der Seltenheit von Tonplastik, noch
dazu bei einem Grabchristus, der sicher oft transportiert worden ist, überrascht
der sehr gute Erhaltungszustand. Außen wie innen - die Figur ist natürlich
hohl - bietet sich eine Vielzahl hochinteressanter Befunde zum Herstellungsprozess,
eine Frage, die bei gotischer Tonplastik die Forschung stets besonders interessierte,
weil wir darüber immer noch wenig wissen und weil wegen der hohen Bruchgefahr
nur sehr wenige Objekte bis in unsere Zeit erhalten geblieben sind.
Landläufig ist bekannt, dass neben Nürnberg und Landshut auch Straubing
ein bedeutendes Zentrum für die Produktion gotischer Tonplastik war.
Zumindest zwischen Landshut und Straubing lassen sich nur schwerlich klarere
Abgrenzungen ziehen. Vor diesem Hintergrund ist der Neufund des Grabchristus
eine kleine Sensation, denn nun lässt sich dem Straubinger Fundus ein so
herausragendes Werk hinzufügen, dass sich ein für Straubing typischer
Werkkomplex abzuzeichnen beginnt.
Dieser Grabchristus ist für den Kunsthistoriker wahrlich nicht leicht zu
datieren, zu sehr fällt dieses Werk auf den ersten Blick aus dem Rahmen.
Wie zu hören war, hat man vereinzelt sogar an den Barock gedacht. Der Verfasser
ist von einer Entstehung um 1460/70 überzeugt. Umso wichtiger erschien
eine gründliche restauratorische Untersuchung zur Werktechnik, um
sicher zu gehen, ob auch wirklich alle Teile original sind bzw. wann eventuell
welche Teile ergänzt wurden. In der Restaurierungswerkstatt des Gäubodenmuseums
boten sich dafür ideale Voraussetzungen, noch dazu unter der engagierten
Mitarbeit des dortigen Keramikrestaurators. Nun, das Ergebnis ist eindeutig,
außer einer Fingerspitze ist alles an dieser Figur original.
Beobachtungen zur Werktechnik
In der Außenerscheinung haben wir ein ungemein ergreifendes Kunstwerk
vor uns, das jedermann irgendwie erschauern lässt. Die spontane und flotte
Art, wie diese Figur gemacht ist, trägt außerordentlich expressive
Züge, die einen in der Tat an barocke Kunstwerke erinnern mögen. Richten
wir aber vorerst den Blick auf technische Fragen.
Als Ausgangsmateriall diente ein mittelfetter Ton, in der Zusammensetzung sehr
inhomogen mit unterschiedlich groß gekörntem Magerzusatz. Der
Ton war nur sehr flüchtig aufbereitet, das heißt schlecht durchgeknetet.
Die Farbe des gebrannten Materials ist durchwegs stumpf ocker. Das Herstellungsverfahren
zeugt in technischer Hinsicht grundsätzlich von eher flüchtig-souveräner
Routine als von minutiös-handwerklicher Sorgfalt. Dies zeigt sich
an zahlreichen Rissen und Sprüngen v.a. im Rückenbereich des
Oberkörpers.
Das Bildwerk ist im Wesentlichen innen hohl und aus mehreren Teilen zusammengesetzt.
Zu unterscheiden sind folgende Teilstücke:
- Zwei große Teilstücke, die separat gefertigt und gebrannt und
auch nach dem Brand "mobil" belassen wurden; dies sind Oberkörper
und Unterkörper inkl. der Beine.
- Teile, die separat gefertigt und schon vor dem Brand angesetzt wurden;
dies sind Kopf, Oberarme, Unterschenkel inkl. der Füße.
- Teile, die separat gefertigt und gebrannt und erst dann fest angesetzt
wurden; dies sind Unterarme und Hände.
- Ein kleines Teilstück am rechten Ellenbogen, das beim Brand abplatzte
und unmittelbar danach wieder angesetzt wurde.
Stützkonstruktionen: Während der Herstellung ist das Tonmaterial
noch verhältnismäßig weich. Sowohl während der Arbeit
als auch später während der Trockenzeit des fertigen Werkes bis zum
Brand waren daher Stützkonstruktionen nötig, entweder gleichfalls
aus Ton oder in Form von Gerüstkonstruktionen aus Holz oder Metall, die
vor dem Brand wieder entfernt wurden. Außerdem musste, um ein Platzen
beim Brand zu vermeiden und auch wegen der Gewichtsreduktion, das Werk
so weit wie möglich innen hohl sein. Sowohl bei den Stützkonstruktionen
als auch beim Aushöhlen gab es Standardverfahren, aber durchaus auch
spezielle Tricks. Solche speziellen Gepflogenheiten können natürlich
auch helfen, bestimmte Produktionsstätten regional näher einzugrenzen.
Beim Straubinger Grabchristus bieten sich zu diesen Fragen überaus reichhaltige
Befunde. Sie erscheinen mindestens ebenso interessant wie die künstlerische
Seite dieser Figur und sollen daher eingehend dargestellt werden.
Befunde am Oberkörper-Teilstück.
- An der Schädelkalotte sitzt eine große kreisrunde Öffnung.
Auch mit einer verhältnismäßig großen Hand kann man durch
den Hals bis in den halben Oberkörper hineingreifen. Ursprünglich
hatte man diese Öffnung mit einem passgenauen Holzdeckel geschlossen, heute
gibt es einen neueren Deckel.
- Innen lassen sich grob verstrichene Passfugen an Hals und Schultern erfühlen,
das heißt, der Kopf wie auch die Oberarme waren separat gefertigt und
vor dem Brand angesetzt worden.
- Die Stacheln der Dornenkrone waren ursprünglich aus Holz gefertigt
und nach dem Brand in entsprechend vorbereitete Buchsen eingesteckt.
- Durch zwei primitive Außenstützen aus Ton sind die Oberarme
auf Ellbogenhöhe fest mit dem Körper verbunden.
- Ein kleiner Wandungsdurchstich zwischen den Schulterblättern diente
zum Einführen eines externen Stützarms.
- Die Bauchunterseite ist völlig offen und macht den gesamten Brustraum
bequem zugänglich. Eine dünne vertikale Stützwand verläuft
dort gleichsam wie ein "inneres Rückgrat" von der Hüfthöhe
bis zum Halsansatz.
Befunde am Beine-Teilstück:
- Die Anpassfläche des Beine-Teilstücks an den Oberkörperteil
ist völlig offen. Mit Hilfe einer Sondage aus Draht ließ sich nachweisen,
dass die Beine bis auf Knöchelhöhe hohl sind, das heißt auf
eine Länge von ca. 1m.
- Zwei kleine Wandungsdurchstiche an der Rückseite der Oberschenkel
dienten zum Einführen externer Stützarme.
- Im rechten Bein sitzen auf Kniehöhe zwei primitiv geformte Innenstützen
aus Ton.
- Am linken Knie ist außen eine verstrichene Passfuge sichtbar, das
heißt Ober- und Unterschenkel wurden getrennt gefertigt, aber vor dem
Brand zusammengesetzt.
- Das rechte Bein ist scheinbar in einem Stück gefertigt.
- Die Füße selbst sind sehr wahrscheinlich separat gearbeitet
und vor dem Brand angesetzt. Außen finden sich jedoch keine Spuren
einer Fuge, der Innenbereich ist nicht einsehbar.
Unterarme und Hände wurden wie gesagt separat hergestellt, gebrannt und
erst nachträglich angesetzt. Die diesbezüglichen, sehr speziellen
Befunde seien demgemäss auch separat vorgeführt.
Die Unterarme sind innen hohl, aber mit nur sehr geringem Höhlungsquerschnitt.
Die Passfugen an Ellbogen und Handgelenken sind relativ großspurig zugerichtet,
ließen also beim Zusammenmontieren einen gewissen Spielraum hinsichtlich
der Stellung zu. Die Verbindung erfolgte durch große, tief in die Höhlungen
hineinreichende Holzdübel und eine thermoplastische Gießmasse.
Diese bislang naturwissenschaftlich nicht untersuchte Masse ist dunkel-ockrig,
teils transparent, teils mit Einschluss von Werch, das heißt Filz
und Pflanzenfasern. Ein Lösungsversuch in Spiritus war erfolgreich, demnach
handelt es sich wohl um Baumharz, besser bekannt als Pech, wie es im Mittelalter
auch bei Steinflickungen im Bereich von Architektur und Skulptur üblich
war.
Für die solchermaßen angestückten Unterarme war ursprünglich
noch eine zusätzliche Fixierung am Körper geplant, am rechten
Arm wurde sie ausgeführt, am linken unterblieb sie, und genau deswegen
gibt es hier eine Totalbruchstelle. Die Zusammenschau der Befunde an beiden
Armen erlaubt eine umso klarere Rekonstruktion des Verfahrens.
Der abgenommene linke Unterarm zeigt einen offenen fingerdicken Wandungsdurchstich
an der Unterseite. In dessen Flucht findet sich an der Oberseite ein Verkittungspfropfen,
wohl in einer ähnlichen Öffnung. Im Bereich, wo der Unterarm in montiertem
Zustand auf der Hüfte aufliegt, ist positionsgerecht zu den Armöffnungen
auch durch die Körperwandung ein Durchstich zu beobachten.
Ein Blick von unten in die Oberkörperhöhlung zeigt die offene Mündung
dieses Durchstichs. Durch die beschriebenen Öffnungen sollte offensichtlich
bei der Montage des linken Unterarms eine Armierung eingebracht werden, was
jedoch unterblieb.
An der Gegenüberseite wurde die geplante Zusatzfixierung ausgeführt,
sie ist bis heute in Funktion, die Befundlage demnach nicht so gut einsehbar.
Wir haben jedoch genug äußere Indizien, dass es hier gleichfalls
einen Durchstich gibt, der durch beide Unterarmwandungen und die Hüftwandung
ins Innere führt. Dort kommt an der Mündung des Durchstichs eine Verzurrung
aus kräftigem, in sich verdrehtem Metalldraht zum Vorschein. Diese
Drahtverzurrung ist in Baumpech eingebettet, welches offensichtlich in
heißem und somit flüssigem Zustand von außen eingegossen
wurde, wie die Verlaufsschliere deutlich macht.
Die Hände sind separat gearbeitet und im Bereich des Handgelenks angesetzt.
Die Montage erfolgte in derselben Weise mit Holzdübeln und einem Verguss
mit Baumharz.
An der linken Hand ist die Fuge über 1 cm dick, ließ also viel Spielraum
für die letztendliche Handstellung. Um die Verlaufsmöglichkeiten in
den sowieso schon engen Höhlungen der Teilstücke zu minimieren,
wurden diese in begrenztem Umfang mit getrocknetem Pflanzenmaterial (Heu) ausgestopft.
Neben wiederholten Neuverkittungen der Passfugen findet sich an der linken Hand
der einzige spätere Reparatureingriff an dieser Figur. Der Zeigefinger
ist im ersten Glied abgebrochen und wurde sehr großspurig in Gips ergänzt,
unter Einschluss eines größtenteils offen liegenden Eisenstifts
als zusätzliche Armierung. Der Zurichtung des Eisenstifts nach dürfte
die Maßnahme wohl ins ausgehende 19. Jahrhunderts zu datieren sein.
Die Oberfläche des Bildwerks
Ursprünglich war der Grabchristus natürlich farbig gefasst. Die Reste,
die sich schon bei geringer optischer Vergrößerung gut beurteilen
lassen, stammen im Wesentlichen von einer einzigen Fassung, wohl der Ursprungsfassung,
die im Laufe der Jahrhunderte naturgemäß da und dort partiell überarbeitet
wurde. Auch ohne eingehendere Untersuchungen lässt sich das ungefähre
Farbkonzept rekonstruieren: Das Inkarnat war blassweiß, die Haare
dunkelbraun, zur Augenzeichnung gibt es keinen Befund. Mundhöhlung und
Lippen waren kräftig rot (Krapplack), so auch die krassen Wundmale am ganzen
Körper. Das Lendentuch war weißrosa, vielleicht mit Saumvergoldung.
Durch das Fehlen der Farbfassung liegt die Oberfläche bloß. Auch
sie erlaubt Rückschlüsse auf das Material und die Arbeitsabläufe
bei der Herstellung. Die Oberfläche ist wie oft auch bei Holzplastik mit
geplanter Farbfassung zumindest bereichsweise nicht besonders sorgfältig
zugerichtet. Durchwegs findet man unterschiedlichste Werkzeugspuren, dies sind
messerscharfe Schnittrillen, Kratzer aller Art vom Glätten der Oberfläche,
teils von unsauberen Glättkanten der Werkzeuge, teils von ausgerissenen
Körnungen im Tonmaterial. Häufig zeigen sich auch noch die Spuren
der Fingerabdrücke, sei es als Druckspuren oder Verschleifspuren.
Der
Kopf hingegen zeigt sorgfältige und gekonnte Endbearbeitung. Die Haare
sind mit souveräner Vorstellung in flotter Geste herausziseliert. Augen,
Mund und Zähne sind sehr detailgenau gearbeitet. Speziell die Dornenkrone
zeigt eine ungewöhnliche Oberflächenglätte, die sehr anschaulich
das spannungsgeladene Ineinanderverflochtensein des Dornengeästs vor
Augen führt. Die Dornstacheln waren wie gesagt auch ursprünglich aus
Holz geschnitzt.
Die Hände sind ausgesprochen weich und teigig ausgeformt, teils mit einer
nahezu abstrakten Formauflösung, die regelrecht modern anmutet. Die Füße
hingegen übertreiben die natürliche Anatomie fast ins Bizarre, in
schauerlicher Expressivität werden die schrundig aufgeworfenen Wundmale
und die quellenden vorgeführt.
Damit sind wir bei der Betrachtung des Künstlerischen angekommen. Bevor
wir dies vertiefen wollen, seien noch kurz die restauratorischen Maßnahmen
erläutert, deretwegen der Grabchristus ja vorübergehend ins Gäubodenmuseum
umgezogen war.
Die Restaurierung
Die Aufgabenstellung war recht vielfältig. Die meisten Montageverbindungen
mussten neu gemacht werden. Die alten Holzdübel wurden wiederverwendet
bzw. am Bruch des linken Unterarms ein neuer eingesetzt. Als Vergussmasse diente
Kunstharz, wie es auch für Verklebungen von Keramikscherben verwendet wird.
Die Passfugen wurden neu verkittet, als Kittmasse diente ein mineralisches Material,
wie es für Keramikergänzungen üblich ist.
Mit Rücksicht auf die fehlende Drahtfixierung am linken Unterarm wurde
dort eine spezielle Stützbettung aus Dentalformkitt untergelegt, so dass
der Arm künftig auf der Hüfte fest aufliegt.
Die gesamte Oberfläche wurde einer sanften Reinigung unterzogen. Im Umfeld
der Hände mussten großflächig dicke Lagen von Wachsresten abgenommen
werden, jahrzehntelang hatte man nämlich diesem Christus eine Kerze
in die Hand gedrückt.
Die Neuverkittungen wurden retuschiert, da und dort erfolgten auch kleinere
kosmetische Retuschen. Sie wurden als ölgebundene Komplettretuschen
ausgeführt.
An der großen Kopföffnung wurde der vorhandene jüngere Holzdeckel
eingesetzt und mit pigmentiertem Wachs fixiert und verkittet.
Schließlich erhielt der Christus noch neue Dornen in seine Krone. Sie
hatte im vorauseilendem Fleiß der Hausmeister des Karmelitenklosters geschnitzt
und man hat sie, auch wenn sie etwas allzu langstachelig ausgefallen sind, verwendet.
Abschließend musste noch ein Konzept entwickelt werden, wie angesichts
der geplanten Verwendung der Figur innerhalb der Karwochenliturgie künftige
Schäden vermieden werden können.
Um neuen Brüchen vorzubeugen, wurde die Figur auf einer eigens angefertigten
hölzernen Tragebahre platziert. Dabei wurden an den wesentlichen Aufliegeflächen
im Bereich von Rücken und Gesäß speziell zugeschnittene Holzunterfütterungen
hergestellt, die Feinanpassung erfolgte wiederum mit Bettungen aus Dentalformkitt.
Künftig soll also die Figur selbst nicht mehr angefasst werden, Standortveränderungen
erfolgen mitsamt der Tragebahre. Auf eine feste Fixierung des Grabchristus auf
der Bahre wurde bewusst verzichtet, um punktuelle Spannungskonzentrationen zu
vermeiden.
Der Straubinger Grabchristus als Kunstwerk
Da liegt er nun also gut gerüstet für seinen alljährlichen
Einsatz in der Karwoche und wartet ansonsten auf eine stilistische Einbettung
in die Straubinger Kunstlandschaft bzw. in die bekannt schwierigen Gefilde der
spätgotischen Tonplastik Niederbayerns überhaupt.
Nachdem weder die Landshuter noch die Straubinger Tonplastik bislang wissenschaftlich
aufgearbeitet ist, werden Betrachtungen zu einem Neufund wie dem Straubinger
Grabchristus naturgemäß in gewissem Grade einzelstehende Betrachtungen
bleiben müssen. Im Folgenden wird der Betrachtungshorizont daher bewusst
relativ eng gezogen. Er wird sich konkret auf Straubing beschränken.
Als Randbemerkung sei jedoch klargestellt, dass von den bislang bekannt gewordenen
Nürnberger' oder Landshuter' Tonbildwerken nicht einmal ansatzweise ein
Weg zu unserem Straubinger Christus führt.
Vergleiche
Selbst innerhalb von Straubing steht der Grabchristus auf den ersten Blick
alleine da. Die naheliegendsten Vergleichsstücke, nämlich die Figuren
vom östlichen Südportal der St. Jakobskirche, sind ein stilistisch
und übrigens auch werktechnisch völlig eigenständiger Komplex.
Auch ein jüngster Neuzugang im Museumsdepot, eine Bischofsfigur aus der
Zeit um 1440, hat nichts mit unserem Grabchristus zu tun.
Ein Vergleich mit der sogenannten "Bernauerin" im Gäubodenmuseum,
ein Werk um 1470, ist durch das völlig andere Sujet sehr erschwert, so
dass sich kaum überzeugende Argumente ob für oder wider eine
Nähe zum Grabchristus ableiten lassen. Auf die Bernauerin werden wir aber
über einen anderen Umweg noch einmal zurückkommen.
Anders steht es jedoch mit einem bislang wenig beachteten Kopf von einem "Schmerzensmann"
im Gäubodenmuseum. Der Kopf ist aus Ton, lebensgroß, die Fassung
stammt auf jeden Fall aus älterer Zeit. Der gesamte Kopftypus, vor allem
aber die Partien um die Nasenwurzel und die Augen herum sind täuschend
ähnlich zum Grabchristus. Hier wie dort wird gestalterisch sehr kräftig
und mit spontaner Geste in der Handhabung der Modellierspachtel zugepackt. Bei
Haaren und Bart täuscht vielleicht etwas die vereinheitlichende Wirkung
der Farbfassung, welche die plastische Detailschärfe sichtlich reduziert.
Es erscheint mir nicht ausgeschlossen, ja sogar recht wahrscheinlich, dass
es sich bei diesem Kopffragment um ein anderes Werk jenes Bildhauers handelt,
der den großen Grabchristus geschaffen hat.
Grundsätzlich stellt sich seit jeher die Frage, aus welchem künstlerischen
Milieu heraus figürliche Tonplastik entstand. Die alte Vorstellung,
wonach diese Sonderform der Bildhauerkunst eine Abspaltung des Hafnerhandwerks
sei, kann angesichts der hochrangigen Qualität bei vielen der erhaltenen
Tonbildwerke nicht überzeugen. Natürlich spielte das in bestimmten
Regionen vorherrschende Material, die über Jahrhunderte unerschöpflichen
Tonlagerstätten, eine nachhaltige Rolle, dass dieses Material auch in die
Bildhauerei Eingang fand und sich somit regional spezifische Produktionszentren
herausbilden konnten.
Ungeachtet dessen stellt sich aber die Grundsatzfrage: Waren diese Tonbildner
reine Spezialisten nur auf ihrem Gebiet oder haben sie auch als Holz- oder Steinbildhauer
gearbeitet und wenn ja, was hat sie bewogen, mal mit diesem, mal mit jenem
Material zu arbeiten? Stellt also die Tonplastik eine eigenständige Kunstgattung
dar oder nur eine Materialvariante der Bildhauerei allgemein?
Hierzu lohnt ein Seitenblick auf eine um 1470 lebensgroß aus Holz geschnitzte,
stehende Christusfigur, gleichfalls in der Straubinger Karmelitenkirche.
Es handelt sich um eine lkonographische Verbindung aus Schmerzensmann und
Salvator. Diese Figur kommt unserem Grabchristus sehr nahe, stammt aber
sicher nicht vom selben Bildhauer. Dennoch scheinen sich hier gute Vergleichsansätze
zu bieten, wie bestimmte Gestaltungsabsichten bzw. Stilmerkmale einmal in Holz,
ein andermal in Ton ausfallen können.
Da ist bei beiden die Gesamtstatuarik eines hageren, gelängten Körpers
mit kargem, straff anliegendem Leibschurz, in der Haltung steif, die Beine etwas
angezogen. Beim Schmerzensmann spricht daraus der vom Leiden gebrochene Körper,
sein leicht einknickendes, schwaches Dastehen. Beim Grabchristus steigern
die angezogenen Beine vor allem den Eindruck der Totenstarre. Bei beiden scheint
überdies die typische Beinstellung des Gekreuzigten nachzuklingen.
Beim Grabchristus irritieren die wild zerklüfteten Körperformen an
Schulter, Armen und Brust, beim Schmerzensmann erscheint diese freie gestische
Dynamisierung der Oberflächenform in kleintellig harte Knitterfalten des
Mantels und damit in eine eher hölzern schematisierte Formensprache übersetzt
zu sein. In selber Weise begegnet uns die weiche, beinahe ornamentale Ebenmäßigkeit
der Brust- und Bauchpartie des Schmerzensmannes beim Grabchristus als hochdramatische
Körperlandschaft.
Und die linke Hand des Schmerzensmannes erweist sich als ähnlich teigig
gelängt wie die Hände des Grabchristus. Aber wieder treffen wir beim
Grabchristus dieses Gestaltungsmerkmal in einer wesentlich gesteigerteren
Variante an.
Glücklicherweise muss man nicht weit gehen, um die ganz besondere Handschrift
des Grabchristus-Bildhauers in Reinstform wiederzufinden. Nördlich von
Straubing in der Pfarrkirche Parkstetten gibt es eine bestens erhaltene Pietä
aus Ton, unzweifelhaft ist sie ein Werk von seiner Hand. Eine genaue werktechnische
Untersuchung ist derzeit nicht möglich, das 120 cm hohe Bildwerk steht
eingesenkt in eine massive Holzplinthe auf einem Mauersockel fest vor der
Wand. Die wenigen zugänglichen Befunde lassen jedoch auch deutliche werktechnische
Parallelen zum Grabchristus erkennen, die hier aber nicht näher ausgeführt
werden sollen.
Die Pieta in Parkstetten ist gleichfalls ein herausragendes Meisterwerk der
spätgotischeu Tonplastik. Maria sitzt frontal auf einer schlichten
Bank, eingehüllt in weitläufig drapierte Gewänder. Quer über
ihrem Schoß lagert der Leichnam Christi und darauf hin ist ihr verschleiertes
Haupt gerichtet. Tiefe ernste Trauer spricht aus dem fest gefügten
Antlitz. Maria greift ihrem toten Sohn mit der Rechten unter die Achsel und
richtet den Oberkörper etwas auf, völlig leblos fällt jedoch
das Haupt zur Seite. Mit der Linken versucht Maria die Hände Christi
stützend festzuhalten.
Der tote Christus von Parkstetten erscheint geradezu als Zwillingsbruder des
Straubinger Grabchristus. Dieselben dünnen, sperrig angewinkelten
Beine, die expressiv langgezogenen Füße, die zerbrechlich schlanke,
in straffes Tuch gezwängte Lendenpartie. Dieselbe körperliche Dramatik
an Brust und Armen, dieselben seltsam teigig langgezogenen Hände. Und natürlich
engste Übereinstimmungen auch in der Gestaltung des Hauptes, nicht
nur im Typus, sondern bis in die kleinsten Details wie etwa den kantig zerklüfteten
Hautfaltungen an der Nasenwurzel und die so markant schräg herabgeschlitzten
Augenlider.
Und es gibt auch feine Unterschiede. Sie sind themabedingt und bezeugen auf
ihre Weise die feinsinnige Gestaltungskraft dieses Bildhauers. Die Mundpartie
des toten Christus in Parkstetten wirkt sichtlich entspannter, weit weniger
starr wie beim Grabchristus in Straubing. Gleiches gilt auch für die
Beine. Das Thema der Pieta spricht von der stillen meditativen Trauer der Mutter
um ihren Sohn direkt nach der Kreuzabnahme. Noch trägt der Leichnam
eine Spur von Lebenswärme in sich und schmiegt sich an den stützenden
Körper der Mutter, noch ist die endgültige Totenstarre nicht eingetreten.
Beim Grabchristus jedoch ist dies bereits geschehen. Der offene Mund ist verhärtet
und legt die Zahnreihen bloß, die Beine sind stelzig erstarrt.
Das, was diese beiden Bildwerke aber vor allem verbindet und als von ein und
derselben Hand ausweist, ist die tiefe Intensität der Ausdruckskraft,
die in die Oberflächendetails gelegt ist. Das wilde und ungestüme
Auf und Nieder aus Knochigkeit, quellenden Blutadern und geschundenem Fleisch,
oft in sehr phantasievoll expressiver Obertreibung der Anatomie. Offensichtlich
war genau dies das zuvorderst anstehende Thema, das sich der Bildhauer
mit dieser Figur vorgenommen hatte, das ihn besonders gereizt hat. Man
könnte so etwas grundsätzlich auch in Holz schnitzen, aber das Material
Holz und die Arbeitstechnik des Schnitzens stehen einer solchermaßen spontanen,
gestisch intuitiven Arbeitsweise entgegen.
Das alte Argument, Ton sei in bestimmten Gegenden eben Ersatzmaterial für
Holz gewesen, will hier nicht überzeugen. Vielmehr sieht es so aus, als
ob der Bildhauer des Straubinger Grabchristus und der Parkstettener Pieta die
in vielfacher Hinsicht größeren Gestaltungsmöglichkeiten
des Tonmaterials längst erkannt hatte und auch leidlich ausgenutzt hat.
Das Material eröffnete ihm einen ganz neuen Horizont für Kreativität,
Intuition und Spontaneität bei der Arbeit. Und gerade diese Begriffe sind
kennzeichnend für die Herausbildung des Künstlertums am Ende
der Spätgotik und damit am Beginn der Neuzeit. In diesem Sinne war
unser anonymer Bildhauer sogar ein bisschen modern.
Auch wenn er wohl in Zukunft anonym, das heißt namenlos wird bleiben müssen,
für uns nimmt seine Künstlerpersönlichkeit aber doch allmählich
gewisse konkrete Konturen an. Mit dem Neufund des Straubinger Grabchristus steht
die Parkstettener Pieta nicht mehr so alleine da. Ausgehend von der Marienfigur
dieser Pieta erscheint nun auch die so genannte Bernauerin im Gäubodenmuseum
in einem neuen Licht. Boten sich aus der Sicht des Straubinger Grabchristus
keine überzeugenden Vergleichsansätze, so lässt sie sich
der Maria in Parkstetten recht gut an die Seite stellen. Die Bernauerin
erreicht zwar nicht ganz den hohen künstlerischen Rang wie jene, ist ihr
aber im Figurentypus, in der Gesichtsbildung und im Faltenstil durchaus verwandt.
Sie gehört zumindest in das enge Umfeld des Bildhauers, der den großen
Grab-Christus, den nur als Kopffragment erhaltenen Schmerzensmann im Gäubodenmuseum
und die Parkstettener Pieta geschaffen hat.
Der verdiente Kollege vom Bayerischen Denkmalamt, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts
in der Inventarreihe der Kunstdenkmäler von Bayern die Parkstettener Pieta
erfasst und gewürdigt hat, glaubte auch noch bei drei weiteren Tonbildwerken
in der Region die Hand unseres Bildhauers erkennen zu können. Gemeint
sind eine sehr qualitätvolle Magdalenenfigur in der Kirche von Kay,
südwestlich von Straubing nahe bei Alburg, ferner eine Heilige in Opperkofen,
etwas weiter südlich von Straubing und im übrigen auch die so genannte
Bernauerin im Gäubodenmuseum. Den Grabchristus der Straubinger Karmelitenkirche
hatte er ja offenbar nicht zu Gesicht bekommen. Die Oberprüfung dieser
Mutmaßungen auf der Grundlage des heutigen Kenntnisstandes wird eine spannende
Aufgabe für die allernächste Zukunft sein, und vielleicht wieder ein
kleiner Mosaikstein in der Kunstgeschichte von Straubing. |