27. November 2003 - Straubinger Tagblatt
Krippen aus Bethlehem für Bethlehem
“Wir leben in einem großen Gefängnis"
Verkauf im Karmelitenkloster für in Palästina festsitzende SchnitzerKrippen
aus Bethlehem gibt es in den kommenden Wochen im Karmelitenkloster zu sehen
und zu kaufen. Die Krippen wurden von Schnitzern in der Geburtsstadt Jesu aus
Olivenholz gefertigt. In Straubing werden sie verkauft, denn seit drei Jahren
ist Bethlehem von den Israelis abgeriegelt. Die Folge: Keine Touristen und Pilger
kommen mehr in die Stadt und kaufen die Krippen. Arbeitslosigkeit und Not machen
sich breit. Jetzt versuchen zwei Palästinenser mit Hilfe der Straubinger
Karmeliten ihre Krippen hier zu verkaufen.
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| Wollen mit ihrem Engagement die Schnitzerfamilien in Bethlehem
unterstützen (von links): Hassan Al Ahmed, Pater Rainer, Johny abu
Aita und Ahmed aus Palästina hinter einer Krippe aus Olivenholz. |
Um die Christen in Bethlehem zu unterstützen, hat Pater Rainer vor drei
Jahren zum ersten Mal an seinem damaligen Wirkungsort an der Mosel einen Krippenverkauf
organisiert. Heuer will er diese Aktion erstmals in Straubing auf die Beine
stellen. In rund 80 Kisten kamen mehrere hundert Krippen vom Nahen Osten in
den Gäuboden und sollen hier verkauft werden. Der Erlös geht komplett
wieder an die Schnitzerfamilien in Bethlehem. Und Hassan Al Ahmed hofft, “dass
wir kurz vor Weihnachten, wenn wir zurückfliegen, den Schnitzern den Lohn
für ihre Arbeit geben können".
"Wir müssen doch den Christen in der Stadt, in der die Wurzeln unseres
Glaubens liegen, helfen", appelliert Pater Rainer an die Spendenbereitschaft
der Straubinger. Die Lage dort sei katastrophal und für Außenstehende
fast nicht nachvollziehbar. Drei Wochen war der Karmelitenpater im Heiligen
Land und hat selbst erfahren, was es heißt, an Kontrollpunkten der Willkür
von Soldaten ausgesetzt zu sein. "Wenn sie Lust haben, lassen sie dich
passieren, wenn nicht, musst du unverrichteter Dinge umkehren."
Für viele Pilger war in der Vergangenheit das Hotel Paradise in Bethlehem
Anlaufstelle bei Pilgerreisen. Vor drei Jahren wurde es von israelischen Soldaten
besetzt und brannte aus. Johny abu Aita, Inhaber des Hotels, ist zurzeit mit
Hassan Al Ahmed, einem Reiseleiter und Mitarbeiter des Goethe-Instituts, bei
den Karmeliten und bereiten die Krippenausstellung vor.
“Wir wollen keine Spenden, sondern die Ware, die unsere Schnitzer produzieren,
verkaufen", sagt Hassan Al Ahmed. Ein Großteil der Bevölkerung
in Bethlehem sei durch die ausbleibenden Pilger arbeitslos, Al Ahmed spricht
von 75 bis 80 Prozent Erwerbslosen. Im Hotel- und Gaststättengewerbe, bei
den Schnitzern und Reiseleitern gehe die Quote gegen 100 Prozent. Zusätzlich
habe die Isolation Palästinas zur Folge, dass rund 240.000 Arbeiter, die
ihr Brot in Israel verdienen, nicht ausreisen können und so in die Untätigkeit
getrieben werden. “Wir leben in einem großen Gefängnis, aber
auf unsere Kosten, denn wir zahlen auch noch fleißig Steuern", erzählt
Hassan Al Ahmed, der in Hamburg studiert hat und fließend deutsch spricht.
“Natürlich gibt es einige Fanatiker unter den Palästinenser,
aber jetzt wird das gesamte Volk bestraft, und diese Kollektivstrafe fördert
wiederum den Hass"
Viele Christen verlassen Palästina, wandern aus zu Verwandten in der ganzen
Welt. Allein im vergangenen Jahr verließen rund 7500 Christen Bethlehem,
vor allem junge Leute. Für sie zeigt Hassan Al Ahmed Verständnis:
“In Bethlehem herrscht Ausgangssperre, im sieben Kilometer entfernten
Jerusalem gehen die Leute in die Disco und genießen das Leben" -jos-
Gelegenheit zum Besuch der Ausstellung sowie zum Kauf der Krippen und vieler
anderer Olivenholzschnitzereien ist an den vier Adventssonntagen von 14 bis
17 Uhr oder nach Absprache (Telefon 09421/843713). Zugang über die Klosterpforte,
Albrechtsgasse 20. |