12. Januar 2004 - Straubinger Tagblatt
Christliches Leben - zerrissenes Land
Augenzeugenberichte über Israel und Palästina bei der Senioren-Union
Trotz
gut gefülltem Saal im Gäubodenhof herrschte gespannte Stille, als
Pfarrvikar Matthias Karl und Pater Rainer Fielenbach von den Karmeliten am Donnerstag
über ihre Erfahrungen in Israel und Palästina berichteten. Nach drei
Jahren Aufenthalt im Heiligen Land kam Matthias Karl, früher Kaplan in
St. Elisabeth, vor kurzem zurück.
Zwei Jahre davon verbrachte er im Kloster der Benediktiner in Jerusalem mit
derzeit 18 Mönchen. "Es befindet sich unmittelbar an der Altstadtmauer,
was vorteilhaft ist", erklärte der elegant gekleidete Geistliche,
"denn da es im so genannten Todesstreifen liegt, kann jeder, ob Israeli,
Christ oder Palästinenser, kommen." Das Kloster bilde einen regelrechten
Anziehungspunkt. 600 Besucher kämen regelmäßig zu den Orgelkonzerten,
vor allem Juden, wenn Johann Sebastian Bach auf dem Programm stehe. Aber auch
Christen und Moslems seien bei den Konzerten präsent. Als halbes Wunder
bezeichnete Karl die Aussicht, im Kern von Jerusalem auf eigenem Grundstück
bald ein neues Haus der Benediktiner errichten zu können, das dann auch
den Touristen dienen werde.
Segensreich wirke aber auch die Benediktinerdependance Tabgha. "In dieser
Jugend- und Behinderten-Begegnungsstätte für israelische und arabische
Behinderte, Kriegsverletzte und Waisenkinder, die vom Deutschen Verein vom Heiligen
Land unterhalten wird, habe ich gearbeitet", erzählte der Geistliche,
"sie liegt unmittelbar am See Genesareth in der Nähe von Kafarnaum
und der Seligpreisungskapelle, die an die Bergpredigt erinnert."
Christliches Wirken spüre man aber auch in Nazareth, freute sich Matthias
Karl, denn obwohl überwiegend muslimisch, seien am Sonntag alle Geschäfte
geschlossen.
Umso weniger erfreulich war, was Karmelitenpater Rainer mithilfe seines Beamers
an die Wand warf: Bilder und Filmsequenzen, die acht Meter hohe Mauern, Stacheldraht
und Straßenbarrieren zeigten, Szenen aus dem palästinensischen Alltag.
"Mein Orden stammt aus dem Heiligen Land", erklärte Pater Rainer,
deshalb sei die Beziehung dazu ein Stück seines Lebens. Bethlehem, mit
etwa 45 000 Einwohnern, sei für Einheimische und Besucher heute nahezu
abgeschlossen. Da die Touristen ausblieben, gebe es 80 Prozent Arbeitslose,
die Schnitzer hätten fast gar keine Arbeit mehr. Deshalb seinen schon viele
Einwohner ausgewandert, und diese Tendenz halte an.
Wegen der seit einiger Zeit bestehenden Behinderungen habe die evangelische
Schule im vergangenen Jahr 100 Ausfalltage gehabt. "Der Unterricht wurde
teilweise über E-Mail gemacht", ergänzte der Karmelitenpater.
"Ich war der einzige Gast im Shepard Hotel und der einzige Besucher in
der Geburtskirche", charakterisierte er die Situation im Geburtsort Christi.
Zum Schluss rief der Geistliche die nachdenklich gewordenen Senioren auf, für
Frieden im Heiligen Land zu beten.
- red - |