Straubinger Tagblatt 21.06.2004
Als Tourist und Pilger unterwegs
Von Madrid nach Santiago de Compostela auf alten Wanderwegen Zwischen den
Zeiten und zeitlosen Zielen
- von Erich Winner
 |
| Schweigend gehen die Pilger von Foncebadon auf dem Weg zum
"Cruz de fero" ... |
42 entschlossene Wanderer, überwiegend aus Straubing und Umgebung, machten
sich in der Woche nach Pfingsten auf den Camino de Santiago de Compostela, den
Weg zum Hl. Jakobus im Sternenfeld: um zu reisen, zu wandern, zu pilgern. -
Waren das neugierige Touristen oder ehrfürchtige Wallfahrer, die sich unter
der geistlichen Führung von Pater Rainer Fielenbach vom Karmelitenkloster
Straubing und der organisatorischen Leitung von Helga Gatter vom Bayerischen
Pilgerbüro auf den Weg machten?
Der erste Teil des Weges führte von Madrid, El Escorial und Avila auf den
Jakobsweg zu; diesen erlebten wir im zweiten Teil von Burgos nach Santiago.
Stadtrundfahrt in Madrid
Wir landeten in Madrid. Auf der kleinen Stadtrundfahrt begegneten uns sogleich
die Verknüpfungen von Gegenwart und Vergangenheit, von touristischen Sensationen
einerseits und nachdenkenswerter Besinnlichkeit. Wir fuhren vorbei an der großen
Stierkampfarena und sahen die Plaza Mayor, wo Stierkämpfe aber auch Autodafes
stattfanden; beides Orte der Prachtentfaltung, aber auch des bewusst herbeigeführten
Leidens von Mensch und Tier.
Auf der Stadtrundfahrt hielten wir an am alten Bahnhof von Atocha, in dem die
Bahngleise unter einem Palmengarten versenkt wurden; gleich daneben erinnerte
der neue Bahnhof von Antocha an das Attentat vom 11. März, bei dem
in sechs Vorortzügen 191 Menschen sterben mussten.
Die Stadtrundfahrt in Madrid endete am Königspalast, wo wir bei herrlichem
Sonnenschein den Weg vom Königspalast zur neuen Kathedrale zu Fuß
gingen, den viele von den Fernsehbildern her kannten. Bei strömendem Regen
mussten ihn damals, nur wenige Wochen davor, das spanische Hochzeitspaar, der
Thronfolger und seine Braut, zurücklegen.
Kunstsammlung Prado
Die Vielschichtigkeit der Geschichte erschloss sich uns auch in der weltberühmten
Kunstsammlung des Prado, in der wir bei zahlreichen Bildern ganz nahe in die
Augen der Herrscherfamilie blicken konnten, aber auch Not und Elend vergangener
Zeiten abgebildet sahen. Teilweise war beides von denselben großen spanischen
Meistern festgehalten, beispielsweise von Velazquez, von Murillo oder Goya.
Diese Vieldeutigkeit begegnete uns ebenso in den zwei nahe beieinanderliegenden
Erinnerungsstätten des Todes: im Valle de los Caidos, einer Gedenkstätte,
die an die Opfer des Spanischen Bürgerkrieges erinnert, und im El Escorial,
der Grabstätte der königlichen Familie seit Philipp II., Monumentalität
und Kälte finden sich hier vereint.
Vergangenheit in Avila
Einen Ausflug in die Vergangenheit erlebten wir auch in Avila. Diese mittelalterliche
Stadt mit zinnenbekrönter, fast vollständig erhaltener Stadtmauer
interessiert den Touristen in jedem Fall. Etwas außerhalb der Stadtbefestigung
liegt das Kloster der weiblichen Karmeliten, das mit dem Namen der gebildeten
Nonne Theresa von Avila verknüpft ist. Theresa führte im 16. Jahrhundert
eine spirituelle Erneuerung des Ordens durch, was sie zu einer der wenigen Kirchenlehrerinnen
erhob. Reiseleiter Pater Rainer feierte an diesem geschichtsträchtigen
Ort des Karmelitenordens die Sonntagsmesse und brachte uns diesen Abschnitt
der Religionsgeschichte näher.
80.000 Pilger pro Jahr
Der zweite Teil unserer Pilger-Wanderreise, der Jakobsweg, begann für
uns in Burgos und führte bis Santiago de Compostela, in die Kathedrale,
die das Grab des ersten Märtyrerapostels besitzt. Die Wallfahrt zum Grab
des Apostels Jakobus hat eine lange Tradition; sie wuchs in den letzten 20 Jahren
stetig an. Im Jahr 2003 wurden 80.000 Pilger registriert, die mindestens 200 Kilometer
zu Fuß zurückgelegt hatten. Im Heiligen Jahr dürfte sich diese
Zahl noch vergrößern, da eine touristische Ausweitung erwartet wird.
Neben den Pilgerfahrten nach Jerusalem und nach Rom zählt die nach Santiago
schon seit Jahrhunderten als drittgrößte in den katholischen Ländern.
Was unterscheidet nun den Pilger vom Touristen? Kann der Wandernde zugleich
Tourist und Pilger sein? In der Neugierde, in der Suche nach persönlichen
Erfahrungen müssen sich beide nicht voneinander unterscheiden. In der Suche
nach Bequemlichkeit des Reisens sind die Ansprüche vielleicht verschieden.
Der Tourist mag sich vielleicht über ein unzureichendes Quartier beim Reiseleiter
beschweren; der Pilger geht oft seinen Weg allein, "er nimmt alles, wie
es kommt". Das Ziel ist für den Pilger nicht ein bestimmter Ort, sondern
sein Ziel ist der Weg, auch wenn Santiago immer als Ziel angegeben wird. Viele
Pilger im Laufe der Jahrhunderte haben dieses Ziel physisch nicht erreicht.
Etwa 50 Kilometer über Santiago hinaus endet am Atlantik Europa. Der Pilger
findet schon vor Santiago de Compostela das Hinweisschild "Cabo Finisterra",
Ende der Welt, Endpunkt Europas. So sollte für den idealtypischen Pilger
nicht nur eine lange Wegstrecke als Reiseziel stehen, sondern auch der Weg zur
Selbstfindung.
Jakobswegs aus allen Ländern
Der Jakobsweg beginnt in fast allen Ländern Europas. Die meisten dieser
Wege vereinen sich nach den Pyrenäen an der Puente la Reina und führen
dann gebündelt im nördlichen Spanien parallel zur Meeresküste
bis Santiago in Galicien. Erst dieser letzte Abschnitt verläuft einheitlich
markiert in Tagesetappen von durchschnittlich 20 bis 25 Kilometern, die der
Pilger in freier Entscheidung von Herberge zu Herberge erwandert. Auf der Strecke
liegen ein paar größere Städte, auf unserem Abschnitt waren
es Burgos und Leon, deren wunderbare Kathedralen wir auch besichtigten. Zumeist
aber geht der Weg (Camino) durch kleine Dörfer und Gehöfte, die selten
eine Landkarte anzeigt, durch Felder und Wälder, die sanfte Hügellandschaft
der Meseta. Für uns stieg der Camino vor Santiago nur geringfügig
an, war meist eher staubig, und schlängelte sich zwischen den Feldern dahin.
Unsere Gruppe ging unterschiedlich lange Etappen von täglich etwa 10 bis
13 Kilometer; nur einmal stand eine vollständige Etappe von etwa 22 Kilometern
auf dem Programm.
Am Wegrand fanden sich zahlreiche romanische Kirchlein, an denen wir zumeist
die kostbaren Portale bewunderten. Manches Kirchlein stammte auch aus vorromanischer
Zeit und erzählte so von der langen Geschichte der Pilgerschaft.
Wallfahrer und Wanderer
Wir Pilger wechselten öfter die Rolle: Wir betraten als Wallfahrer, betraten
als Wandernde ein kleines Kirchlein am Weg, in dem für den gezählten
Pilger ein Stempel für den Pilgerpass geholt werden konnte; wir sangen
dort vielleicht ein Pilgerlied oder vertieften uns in eine Meditation; danach
aber besichtigten wir die Bettensäle einer Herberge als Touristen, die
lange davor schon ihr Hotelbett reserviert hatten.
Oder wir gingen in der Mittagshitze zwischen den unterschiedlichsten Pilgern
auf dem Camino dahin, ließen uns aber auch mit dem Bus zum vorbestellten
Mittagessen bringen. Wir erlebten in der Pilgermesse in der Kathedrale zu Santiago
gemeinsam das spektakuläre Schwingen des Weihrauchfasses, das im Querschiff
am Ende der Messe seit Jahrhunderten nicht nur liturgische, sondern auch hygienische
Aufgaben erfüllen sollte.
Am Ende unserer Pilgerfahrt stand auch für uns der unabweisbare Satz: "Wir
sind am Ziel, am Grab des Apostels angelangt; machen wir uns wieder auf den
Weg, gehen wir den Weg zurück nach Hause."
Für das nächste Jahr sind bereits geplant eine reine Fußpilgerfahrt
von Astorga nach Santiago (220 Kilometer) und eine Pilger-Wanderreise von Pamplona
nach Santiago.
Informationen gibt es im Karmelitenkloster, Albrechtsgasse 20, Telefon
09421/843713 oder karmel.straubing@karmelitenorden.de
Foto: Bruno Buchner
Redaktion: Straubinger Tagblatt am 21. Juni 2004, 00:00:00
 |
| ..... Dort legen sie ihre von zu Hause mitgebrachten
Steine ab. |
|
 |
| Ankunft der Straubinger Pilgergruppe auf dem Monte
del Gozo, dem Berg der Freude, von dem aus man zum ersten Mal die
Kathedrale von Santiago de Compostela sieht. |
|
|