22. Juli 2004 - Straubinger Tagblatt
Das bewilligte Wasser für die Karmeliten
von Hans Vicari
Am Dienstag, 20.Juli, zelebrierten der Prior des Karmelitenklosters, Pater
Georg Bertram, mit Pater Englmar Reiner das so genannte Wassersteftenamt. Dazu
werden alljährlich der Oberbürgermeister, die Bürgermeister und
der gesamte Stadtrat eingeladen. Dieses Wassersteftenamt gründet in einer
alten Tradition, an die hier erinnert werden soll.
Im "Urkundenbuch der Stadt Straubing, I.Band, Straubing 1911-1918, Cl.Attenkofer¹sche
Buch- und Kunstdruckerei," von Franz Solleder bearbeitet, finden wir unter
Nr. 1403 auf der Seite 849/850 einen Eintrag, der am 23.Juli 1669 von "F.Alexander
a.Michaele prior, F.Bernardus a.praesentatione B.V.Mariae provinzialis und F.Augustinus"
gesiegelt ist. Dort wird ein Wasserrecht behandelt. Ein halber Steften Wasser
soll in den Garten der Karmeliten geleitet werden.
Das städtische Wasserwerk befindet sich zu dieser Zeit am Untern Rain.
Der jeweilige Glockengießer ist auch Wasserwart. In der Nähe des
einstigen Monikaheims heute führt die Westtangente vorbei steht
zur damaligen Zeit auch ein hölzerner Wasserturm. Mehrere Rohre führen
zum Stadtplatz hinauf. Ein mittelschlächtiges Wasserrad befördert
das aus zahlreichen Quellen von den Frauenbrünneler Abbruchhängen
in einer Galerie hergeleitete und gefasste Wasser über den Stadtplatz zu
den dort befindlichen insgesamt noch sechs Brunnen. Die Karmeliten erbitten
sich eine Wasserzufuhr in ihr Kloster. Ein halber Steften wird von der Stadt
genehmigt. Der Begriff "Steften" ist im Sinne eines Wassermaßes
zu verstehen, das eine Brunnenröhre spendet, wobei in jeder Minute "zwei
Maß Wasser" abgegeben werden. Dafür verpflichten sich die Mönche,
alljährlich ein Seelenamt für die seit zehn Jahren verstorbenen Bürgermeister
und Räte zu halten.
Beten gegen Wasser
Die Urkunde hat folgenden Wortlaut: "Bernard, Provinzial, Alexander,
Prior, und Konvent des Karmelitenklosters zu Straubing bekennen, daß sie
sich zum Dank für die ihnen vom Bürgermeister und Rat bewilligte Zuleitung
eines halben Steften Wassers ins Kloster aus dem Brunn- und Wasserwerk verpflichten,
in der Woche nach dem Skapulierfest, am Dienstag oder Donnerstag früh 8
Uhr, wie bereits in den letzten Jahren, hinfort einen ewigen Jahrtag oder Seelamt
mit Chor zu singen, wobei die Bürgermeister, die von innern und äußern
Rat, auch der Stadt Offiziere erscheinen sollen. Während des Seelamts soll
nach dem Evangelium der Priester sich vor dem Altar umwenden, die Namen der
seit zehn Jahren verstorbenen Ratsfreunde und Offiziere verkünden und für
sie und ihre Vorfahren Seelen ein andächtiges Vaterunser und Ave Maria
kniend zu beten, die Anwesenden ermahnen."
Die Tradition des Wassersteftenamtes geht nach der Jubiläumschronik des
Ordens, anlässlich seiner 600 Jahrfeier von 1968, schon auf das Jahr
1662 zurück. Damals erhielten die Karmeliten mit dem Einverständnis
des Stadtsenats eine Wasserleitung bis zum Brunnen in der Gartenmitte. Am 6.
Mai 1667 erklärte das Provinzdefinitorium sein Einverständnis für
den vom Provinzial schon genehmigten Jahrtag des Senats (entspricht dem Stadtrat)
als Entgelt für das ewige Wasserrecht des Klosters.
Heute: Scheck der Stadtwerke
Oberbürgermeister Reinhold Perlak, die Bürgermeister Hans Vicari
und Markus Pannermayr sowie einige Referatsleiter und Stadträte wohnten
am Dienstag dem Wassersteftenamt bei, dem ein gemeinsames Frühstück
im Refektorium des Klosters folgte. Der Konvent zahlt natürlich wie alle
Bürger unserer Stadt heute seine Strom- und Wasserrechnungen. Als Ausgleich
für den ehemaligen Wassersteften überreicht das Stadtoberhaupt alljährlich
einen Scheck von den Stadtwerken.
Nach den Wirren der Säkularisation normalisierte sich auch wieder die Rechtslage
um den Wassersteften, doch verhielten sich die Stadtoberen nicht immer kooperativ.
Wie bekannt, wurde das Karmelitenkloster im Zuge der Säkularisation am
6. Februar 1802 zum "Centralkloster" (Aussterbekloster) bestimmt.
"Mit einem Schreiben vom 14. Juli 1802 wurden die 52 im Kloster lebenden
'Individuen' in den Pensionsstand versetzt und ihnen damit jegliche seelsorgerische
Arbeit in der Stadt und im Umland untersagt." 1842 durfte das Kloster eine
Restauration erleben, die es zur Wiege der Nordamerikanischen und der Oberdeutschen
Karmelitenprovinz werden ließ. (Pater Prior Georg Bertram).
Der Wasserstreit
Das k.b.Rentamt Straubing fragt beim Magistrat am 17. August 1823 an, wie
es sich dem aufgelassenen Kloster gegenüber mit dem Wassersteften verhalten
solle, da der Prior des Klosters Anzeige gemacht habe, "daß das von
unfür denklichen Zeiten in den Klostergarten geleitete Wasser dermal nicht
mehr einlaufen soll." Der Glockengießer Stern habe das verfügt
"im Auftrag des Titl.Magistrats Vorstand."
Das Rentamt will genau wissen, warum das Wasserrecht aufgehoben werden soll,
"da dieses Wasser einer durch einen eigenen Wechsel dahin geleitet worden
ist." Man könne sich keine Ursache denken, was zu diesem Auftrag die
Veranlassung gegeben haben mag. Zehn Tage später, am 27. August 1823 antwortet
der Straubinger Magistrat dem k.b.Rentamt, "daß das Wasserbezugsrecht
dem Kloster, vielmahr dermal dem Altar nicht zuständig seye."
Das Rentamt lässt nicht locker: Am 4. April 1827 "bestehet" mit
aller Hochachtung "der k.b.Rentsbeamte a.p.Biemhofer" in einem Schreiben
an den Magistrat: "Aus der Brunnstube in der Bruckstraße (heute Burggasse)
ist immer das Wasser in den Brunnen vor dem Landgerichtsgebäude (heute
Finanzamt am Schloss) und in den Karmelitengarten durch einen eigenen Wechsel
geleitet worden."
Der Glockengießer Stern sperre aber im Auftrag der Stadt den Wechsel,
damit kein Wasser mehr laufe. Diese Veranlassung sei nur einer gewissen Rache
entsprungen. Da das Karmelitenkloster aber schon immer hergebrachtes Wasser
aus der gesagten Brunnstube in den Garten geführt bekäme, verfügt
und meint Biemhofer, sei die Sperrung aufzuheben.
Fast zwanzig Jahre bewegt sich aber in dieser strittigen Frage nichts. Die wenigen
noch im Kloster lebenden Mönche erhalten bis zum 3. Juni 1842 keinen Tropfen
Wasser mehr aus dem städtischen Wasserwerk. Das notwendige Trinkwasser
schöpften sie aus dem klostereigenen Brunnen im Hof.
Wasser darf wieder fließen
Bürgermeister Gottfried Kolb gibt in einem Schreiben vom 3. Juni 1842
dem Prior Pater Perus Heitzer bekannt ( Kolb redet ihn mit "Herr Peter
Heitzer"): "Auf Grund des Inhalts der Urkunde vom 23. July 1669 wird
dem nunmehr wieder errichteten Carmelitenkloster die Benützung des Wassersteftens
unter der in der Urkunde enthaltene Stipulation (Vereinbarung,Vertrag; im römischen
Recht mündlicher Vertragsabschluss) mit dem Vorbehalte bewilligt, daß
die Ableitung des Wassers in solch mässigen Maaße geschehe, daß
der bey der Kaserne (Herzogschloss) stehende Brunnkorb noch das zum stets Gefülltseyn
erforderliche Wasser erhalte."
Nach 1935 legte die damalige braune Stadtverwaltung keinen Wert mehr auf die
Feier des Wassersteftenamtes.
Am 18. November 1949 überließ der Konvent der Stadt den Bauplatz
für einen Transformator. Dafür verlegten die Stadtwreke im Auftrag
der Stadt kostenlos neue Leitungen für Wasser und Elektrizität ins
Kloster. Auf der Basis von Stipendien wurde am 3. Mai 1950 das alte Wassersteftenamt
wieder eingeführt. Es wird seither alljährlich wieder gefeiert.
Totengedenken
Die innerhalb der letzten zehn Jahre verstorbenen Mitglieder des Stadtrates
Straubing verlas Pater Prior Georg Bertram. Es sind dies: Hans Süß,
ehemaliger Architekt, Stadtrat, verstorben am 24. März 1994; Dr.Max Kanzlsperger,
Zahnarzt i.R., Stadtrat, verstorben am 13. Dezember 1995; Alois Limmer, Landwirt,
Gemeinderat, verstorben am 26. März 1996; Georg Behacker, Amtsinspektor
a.D., Stadtrat, verstorben am 20. Juni 1996; Michael Hecht, Amtsrat a.D., Stadtrat,
verstorben am 2. Februar 1997; Markus Reisinger, Gastwirt, Stadtrat, verstorben
am 27. Juni 1998; Otto Ammer, Kaufmann, Gemeinderat, verstorben am 9. Oktober
1998; Hermann Schleinkofer, Maurerpolier, Gemeinderat, verstorben am 14. August
1999; Ludwig Scherl, Oberbürgermeister der Stadt Straubing von 1972 bis
1990, verstorben am 14. Oktober 1999; Xaver Eiglsperger, Landwirt, Gemeinderat,
verstorben am 13. September 2003; Manfred Fuchs, Kaufmann, Stadtrat, verstorben
am 31. Januar 2004.
Bier aus gestiftetem Wasser
Die frommen Karmelitermönche brauten bekanntlich seit 1368 ein bekömmliches
und süffiges Bier, zeitweilig mit dem Wassersteften der Stadt. Nach der
schon erwähnten Säkularisation kam ihre Brauerei in profane Hände
und um die Jahrhundertwende des zwanzigsten Jahrhunderts an den tüchtigen
Kaufmann und Bierbrauer Karl Sturm.
Aus Privatbesitz stammt die abgebildete Potpourrikarte nach einer Zeichnung
von Johann Graf, die der Straubinger Fotograf Max Kraus in seinem Atelier am
Stadtgraben gegen Ende des 19. Jahrhunderts ablichtete. Zu sehen ist die großzügige
Anlage der "Bierbrauerei zu den Karmeliten von Karl Sturm in Straubing.
Links oben das Sud-,Kühl- und Malzhaus, aus einem Medaillon blickt der
Besitzer der Brauerei, Karl Sturm. Das rechte Bild oben zeigt die Passage der
Brauerei in der Fürstengasse. Zu erkennen ist rechts das Gasthaus, das
heute unter anderen den Fundus des Agnes Bernauer - Festspielvereins beherbergt,
mit Nebengebäuden, das rechts stehende ist bereits vor längerer Zeit
abgerissen worden. Auf der Straße hält links eine Postkutsche, während
rechts ein pferdegezogener Bierwagen zur Wirtshauslieferung aufbricht. In der
mittleren Reihe links beginnend: Albrechtsgasse, westliche Ansicht der Bierbrauerei.
Es folgt die Totalansicht mit Kloster, Garten, Kirche, im Hintergrund Stadtturm
und Turm der Stiftskirche. Auf der rechten Seite gewährt uns die Fotografie
Einsicht in die nördliche Albrechtsgasse mit Eingang zum Garten und in
die Brauerei. Die südöstliche Gartenansicht in der unteren Reihe links
ist vielen Straubingern noch vertraut. Bis 1958 bediente dort sonntags der spätere
Besitzer, Dipl. Brauingenieur Theo Salberg, die Gäste. Ein großes
Orchestrium schmückte den holzverzierten Saal. Bis in die sechziger Jahre
spielte jeden zweiten Weihnachtssonntag zum Starkbierfrühschoppen dort
eine Kapelle, und die Straubinger ließen es sich weihnachtlich gut gehen.
Rechts unten die "nördliche Garten - Ansicht mit Saletl", links
davon das überhöhte Glockentürmchen der Asamkirche St.Ursula.
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