03. Januar 2005 - Straubinger Tagblatt
Das Programm krönt den Meister
Christian Brembeck an der Sandtner-Orgel
Der Münchner Organist Christian Brembeck kommt so ziemlich jedes Jahr
in seine Heimat- und Studienstadt Straubing; doch wie es scheint, nicht nur
um die Stadt wiederzusehen, sondern auch die Sandtner-Orgel bei den Karmeliten,
die ihm besondere Spielfreudigkeit bereitet, weil sie am besten alle für
ihn geeigneten Möglichkeiten zur Entfaltung seiner "musikantischen
und fantasiereichen Interpretationen" gibt.
Und wer am Neujahrssabend sein Orgelkonzert von Bruhns bis Dupré gehört
hat, dem wurde eine ganz neue Orgel offenkundig gemacht mit bisher kaum gehörten
Farben, Feinheiten und Schattierungen, und das erlesene Programm krönte
den Meisterinterpreten.
Schon der Anfang mit Nicolaus Bruhns' Präludium in G, in Schleswig geboren
und Schüler von Buxtehude, tätig, am Husumer Dom, - er gehört
zur Barockzeit wie Händel und Bach -, Brembeck aber wandelte dieses in
brillanter Technik und Farbgebung geradezu in moderne Spielarten um, klangvoll
registriert und neuartig verarbeitet. Der liegende Bass hätte fast die
perlenden Obertöne erdrückt.
Virtuos wie diese Einleitung ging es weiter mit Johann Sebastian Bach, und zwar
seinen kanonischen Veränderungen über das Weihnachtslied "Vom
Himmel hoch, da kommt ich her". Dies waren nicht bloß Veränderungen,
sondern auch Umspielungen
dieser Melodie mit reichhaltiger und fantasievoller Figuration, immer transparent
und sich steigernd bis zum Fortissimo.
Jean-Francois Dandrieu (auch d'Andrieu geschrieben) war zur Zeit Bachs ein glänzender
Orgelvirtuose zu Paris, und ebenso wirkten auch sein "Offertoire"
(schwungvoll und festlich) und seine "Muzete" (feingliedrig und pastoral),
doch ganz an-ders als Bach oder Händel. Neuer Klang auch mit Jaromir Weinberger,
Schüler von Max Reger und in Prag geboren, als Organist tätig in aller
Welt. Sein "Hosanna " wirkte geradezu aufregend und natürlich
modern, der "Old Hebrew Choral"(aus seinen Bible Poems 1939) ungemein
farbig und originell dargestellt. Christian Brembeck entlockt einer guten Orgel
Facetten und Nuancen, wie nie vermutet, und er schöpft sie aus wie kein
Zweiter nicht nur im Forte, auch im Piano, so beim "Noel" von Mareo
Enrico Bossi. Dieser italienische Komponist gilt als Begründer der modernen
italienischen Orgelmusik, und, seine, Noels (Weihnachtslieder französischer
Art) wirken besinnlich und gefühlsdicht; Brembeck zeichnete das aus Opus
94 mit großer Ruhe und zarten Effekten aus. -
Sergej Prokofjews Märchenoper "Die Liebe zu den drei Orangen"
wurde ein Welterfolg. Aus ihr spielte Brembeck den bekannten Marsch in einer
Orgelbearbeitung von Jean Guillon: effektvoll, fantasiereich, meisterhaft umgesetzt
und ausgeführt. Mindestens zehn Variationen über ein "Noel"
von Marcel Dupré bildeten den Abschluss. Die Melodie erst ganz leise,
die Variationen virtuos und klangvoll gestaltet, aber auch obskur und bizarr,
bis sie in ein Tutti gipfelten, das den Beifall herausforderte. Christian Brembeck
offenbarte nun seine Improvisationskunst: Er spielte mit allen technischen und
gedanklichen Raffinessen brilliant und rauschend eine mehrsätzige Improvisation
über das Weihnachtslied "Zu Bethlehem geboren". Seinen einstigen
Lehrmeister Professor Franz Lerndorfer hat er nicht nur erreicht, vielleicht
sogar übertroffen.
Rudolf Röhrl
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