Straubinger Tagblatt - 09. Februar 2005
Menschen haben Angst vor dem Endgültigen
Immer weniger Kinder und religiöse Erziehung - Unzufriedenheit in der
Gesellschaft
Klöster beklagen Nachwuchsmangel
Klöster leiden unter Nachwuchsmangel, auch in Straubing: "Geistliche
Berufe haben in der heutigen Gesellschaft einen schlechten Stellenwert",
sagt Schwester Lucia Obieglo, Oberin bei den Elisabethinen. Sie, Schwester Judith
Reis, Oberin bei den Ursulinen, und Pater Prior Georg Bertram von den Karmeliten,
sprachen über die Gründe des Nachwuchsproblems, die Bedeutung ihrer
Arbeit, was ihnen Kraft gibt und was sie sich für die Zukunft wünschen
würden.
"Für mich ist das Leben in der Gemeinschaft das Schöne an meinem
Beruf", erklärt Schwester Judith. "Den Glauben gemeinsam zu teilen
und die Individualität des Einzelnen einzusetzen für den Anderen."
Der Orden sei ein großes Ganzes, in dem jedes einzelne Glied wichtig sei.
Das Gemeinschaftsleben bereichere den Einzelnen. "Jeder hat andere Fähigkeiten
und Fertigkeiten. Die Menschen ergänzen sich gegenseitig." Die 19
Straubinger Ursulinen widmen sich der Erziehung von Kindern und Jugendlichen.
Schwester Judith war schon als Kind Schülerin bei den Ursulinen. Schon
damals hat sie die Gemeinschaft der Ordensschwestern fasziniert. "Auch
die Spiritualität unserer Gründerin, der Heiligen Angela Merici, hat
mich sehr angesprochen. Sie ist eine Frau, die ich bewundere und mit der ich
mich identifizieren kann."
Bei Schwester Lucia, von den Elisabethinen im Kloster Azlburg, war es die Arbeit
und der Kontakt mit den Schwestern im Krankenhaus, der dazu beitrug, dass sie
sich für ein Leben im Kloster entschied: "Natürlich muss auch
die persönliche Beziehung zu Gott stimmen. Sonst kann es nicht funktionieren.
Aber ich habe damals gemerkt: Das ist mein Lebensweg."
"Früher war es einfacher"
Pater Georg ist schon der Vierte, der die Tradition eines Geistlichen in seiner
Familie weiterführt. "Früher war das einfach so. Die Leute hatten
viel mehr Kinder. Der eine hat zum Beispiel den Hof bekommen, die anderen wurden
verheiratet und einer ging ins Kloster", so der Prior.
"Zudem durften früher Frauen keinen Beruf erlernen", fügt
Schwester Lucia hinzu. "Wer Lehrerin, Kindergärtnerin oder Krankenschwester
werden wollte, musste ins Kloster eintreten."
Verzerrtes Bild vom Ordensleben
"Geistliche Berufe haben in der heutigen Gesellschaft einen schlechten
Stellenwert. Während noch vor 50 Jahren der Eintritt ins Kloster als Karriere
galt, wird man dafür heute für verrückt erklärt", sagt
Schwester Lucia. "Es herrscht ein verzerrtes Bild von der Ordensgemeinschaft.
Immer wird nur das Negative gesehen und was man alles nicht darf." Dabei
habe man auch als verheiratete Frau und Mutter nicht alle Freiheiten und müsse
auf vieles verzichten und zurückstecken. "Auch im Kloster leben ganz
normale Menschen. Was ist schon die Gesellschaft mit all ihren Freiheiten? Noch
nie gab es so viele unzufriedene Menschen wie heute."
Hinzu komme, dass sich die Leute nicht mehr entscheiden könnten: "Sie
wissen nicht, welchen Beruf sie ergreifen sollen, ob sie heiraten, Kinder kriegen
oder alleine bleiben wollen", so Schwester Lucia. Viele hätten Angst
vor dem Endgültigen. Dabei sei auch der Eintritt in einen Orden gar nicht
so endgültig. "Es gibt immer die Möglichkeit wieder auszutreten",
weiß Pater Georg. "Es ist ähnlich wie die Annullierung einer
Ehe."
Doch vor dem ewigen Gelübte habe man viele Jahre, in denen man sich in
der jeweiligen Gemeinschaft bewähren und integrieren könne. "Man
hat Zeit, die Brüder oder Schwestern und das Leben im Orden kennenzulernen",
so der Prior. Umgekehrt werde natürlich auch geprüft, ob das neue
Mitglied zur Gemeinschaft passe. "Mit manchen funktioniert es einfach nicht."
Kloster auf Probe
Voraussetzungen für den Eintritt ins Kloster seien Volljährigkeit
und eine abgeschlossene Schulausbildung. "Viele haben auch einen Beruf
erlernt, den sie dann gegebenenfalls innerhalb des Ordens ausüben können",
sagt Schwester Judith. Wichtig sei natürlich eine religiöse Grundeinstellung
und eine gewisse Frömmigkeit.
Für Interessierte gibt es die Möglichkeit, ein Kloster auf Zeit kennenzulernen.
Entweder durch individuelle Absprache oder dieses Jahr vom 20. bis zum 22. Mai
im Kloster Azlburg das "Atemholen im Kloster". "Viele Menschen
nutzen diesen Aufenthalt, um zur Ruhe und zu sich selbst zu finden", weiß
Schwester Judith. Leider sei die Nachfrage nicht sehr groß. "Ich
würde mir wünschen, dass das religiöse Leben wieder einen höheren
Stellenwert in den Familien bekommt." Das Klosterleben sollte ihrer Meinung
nach offener werden, so dass manche auch nur ein paar Jahre in einem Orden leben
könnten. "Außerdem wäre es schön, wenn es wieder mehr
Agrigierte gebe. Das sind Leute, die ganz normal in ihrer Familie leben, jedoch
immer wieder zum Gebet in die Klostergemeinschaft kommen und den Grundauftrag
des Ordens in die Gesellschaft hinaus tragen." - son -
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