Straubinger Tagblatt - 17. März 2005
Als Amsterdam noch niederbayerisch war
Stadtarchivarin Dr. Dorit-Maria Krenn referierte über Herzogtum Straubing-Holland
Auf den ersten, flüchtigen Blick mutet die Epoche als eine ferne und etwas fremdartige Episode der Heimatgeschichte an. Wer freilich näher hinschaut, wie die Straubinger Stadtarchivarin Dr. Dorit-Maria Krenn bei einem Vortrag beim Historischen Verein für Niederbayern, der erkennt, dass in der Zeit des bayerischen Teilherzogtums Straubing-Holland (1353-1429) Fakten geschaffen worden sind, die zum Teil bis heute prägend sind.
Das gilt, wie die Referentin zeigte, für die Gäubodenstadt Straubing ebenso wie für die Niederlande. Die Archivarin stellte ihren Zuhörern somit nicht nur ein spannendes Kapitel niederbayerischer Geschichte vor, sondern sie zeigte auch auf, wie eine weithin unbekannte Vergangenheit bis in die Gegenwart hinein wirken kann, stellte Gerhard Tausche, der 1. Vorsitzende des Historischen Vereins, fest.
Wie kam es überhaupt zu diesem kuriosen Herrschafts-Gebilde ? Zu einem Herzogtum, zu dem Schärding, Landau, Straubing, Furth im Wald und Dietfurt im Altmühltal ebenso gehörten wie Amsterdam, Rotterdam, Gouda und Haarlem oder wie das belgische Mons, südwestlich von Brüssel gelegen und heute bekannt als Sitz des NATO-Hauptquartiers.
Es war der Bayernherzog, deutsche König und Kaiser Ludwig IV. "der Bayer" (1283-1347), der eine ehrgeizige Hausmachtpolitik für sein Adelsgeschlecht betrieb, schilderte die Referentin: Er nutzte alle Chancen, um in einem Territorium im Reich Adelige aus dem Haus Wittelsbach an die Spitze zu setzen, in Brandenburg und in Tirol zum Beispiel. Als der letzte Graf von Hennegau, Holland, Seeland und Friesland, ein Schwager Ludwigs, starb, dehnte er die Herrschaft der Wittelsbacher auf das Land an der Waterkant aus.
Im Jahr 1353 verständigten sich drei der Söhne Ludwigs über ihr niederbayerisch-niederländisches Erbe: Einer (Stephan II.) ging nach Landshut, die anderen, Wilhelm und Albrecht, teilten sich das Straubinger Land und die Grafschaft an Schelde, Rhein und Ems. Wilhelm bekam Holland und schlug seine Residenz in Den Haag auf, wo die ausgestorbene Grafenlinie ein Jagdschloss besessen hatte: Der Marktflecken wurde zur Stadt und später Sitz der Regierung und des Parlaments der Niederlande.
Albrecht, der "Ruuward"
Aber bereits 1357 wurde Wilhelm infolge eines Schlaganfalls regierungsunfähig. Die Stände (Adel, Bürger, Klerus) des belgisch-französischen Hennegaus und Hollands riefen Albrecht als Statthalter und "Ruu ward" (Ruhebewahrer) herbei: In Holland tobte im Spätmittelalter der Streit zwischen den aufstrebenden Städten und dem Adel.
Es waren, wie Dr. Dorit-Maria Krenn schilderte, vor allem die lange Regierungszeit von Albrecht, fast ein halbes Jahrhundert (1357-1404), und seine besonnene, auf Ausgleich bedachte Politik, die Spuren hinterlassen haben in Holland wie in Niederbayern: Für das "Straubinger Land" wie für die niederländischen Teile des Herzogtums wurde das gemeinsame Dreivierteljahrhundert in einem Herzogtum zu einer Epoche der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Blüte.
Albrecht, aber auch seine Nachfolger, hielten ihren Teil Bayerns aus Zank und Bürgerkriegen der wittelsbachischen Vettern heraus. Stattdessen förderten sie Wirtschaft und Handel, aber auch die Kunstschaffenden und die Kulturszene, wie man heute sagen würde.
Straubing hat damals sein "eindrucksvolles Gesicht" erhalten und seine "bis heute charakteristische Gestalt", legte die Referentin dar: "Die Anfänge fast aller bedeutenden Baudenkmäler fallen in diese Periode" - vom Herzogsschloss über die Stadtpfarrkirche St. Jakob bis zum Karmelitenkloster.
Auch in Den Haag zeugt ein Karmelitenkloster von der Ära Al brechts. Ebenso wie im südholländischen Delft die Oude Kerk (Alte Kirche) und die Niuwe Kerk, die übrigens die Grablege der holländischen Könige birgt. Massiv förderte er auch den Küstenschutz: Die Wasserbehörde von Delft führt bis heute das Wappen der Herzöge von Straubing-Holland als Hoheitszeichen.
Künstler und Soldaten, Händler und Verwaltungsbeamte wechselten zwischen Niederbayern und Holland hin und her: Das Grabmal des Ulrich Kastenmayr in St. Jakob, das den Ratsherrn und Kaufmann in burgundisch-holländischer Kleidung zeigt, dokumentiert diese einstige Verbindung.
Albrecht knüpfte Beziehungen zu Europas Hochadel. Edelleute aus ganz Europa mit Frankreichs König Karl IV. an der Spitze waren 1385 unter den 20 000 Gästen, die zu der Doppelhochzeit eines Sohnes und einer Tochter Albrechts nach Cambrai (heute Nordfrankreich) kamen. Beide heirateten in das Herrscherhaus des Großherzogtums Burgund ein.
Jakobäa, unglückliche Erbin
Auf Albrecht folgte sein tatkräftiger Sohn Wilhelm. Nach dessen überraschenden Tod brachen 1417 heftige Machtkämpfe aus: Wilhelm hatte seine einzige Tochter Jakobäa zur Erbin eingesetzt, rechtmäßig nach dem im Hennegau geltenden Recht, aber nicht gemäß den Wittelsbacher Hausverträgen, die bekanntlich nur männliche Erbfolger gelten ließen.
Jakobäas Onkel Johann, ein knallharter Machtpolitiker, hängte sein Amt als Bischof von Lüttich an den Nagel und setzte sich bei dem Erbschaftsstreit durch. Auch nach Johanns Ermordung im Jahr 1425 kämpfte Jakobäa weiter um ihr väterliches Erbe. Erst 1433 verzichtete sie zugunsten des Herzogs von Burgund auf alle Rechte.
Kaum ein Holländer oder Belgier weiß heute noch etwas von dem Herzogtum Straubing-Holland, resümierte die Referentin. Jakobäa freilich ist unvergessen: "Sie gehört zu den Volkshelden, überall begegnen einem Straßen, die nach ihr benannt sind."-es-
Redaktion: stadt_landshut am 17. März 2005
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