Straubinger Tagblatt - 18. April 2005
Von Elias bis Edith Stein
Eine Kirchenführung der etwas anderen Art mit Werner Schäfer
Bei den Karmeliten
Zu einer Führung der etwas anderen Art versammelte sich Freitagabend eine
durchaus ansehnliche Gruppe von Interessenten in der Karmelitenkirche. Werner
Schäfer und Claudia Bracht vom Amt für Tourismus brachten den Besuchern
durch Betrachtung und Erläuterung der zahlreichen religiösen Werke
im prachtvoll gestalteten Kirchenraum die Entwicklung des Karmelitenordens näher.
Die musikalische Umrahmung durch Franz Schnieringer an der großen Orgel
sorgte zusätzlich für eine besondere, zum Thema passende beinahe mystische
Stimmung.
Vor der Kirche hatte schon die Dunkelheit den Tag abgelöst, als die Besucher
am Ende der Führung vor dem prachtvollen Hochaltar, gestaltet vom Passauer
Bildhauer Joseph Matthias Götz, angelangt waren. Der von den Karmeliten
als Ordensvater verehrte Prophet Elias begegnete dem Betrachter hier ein weiteres
Mal, begleitet vom Propheten Eliseus, den Päpsten Telesphorus und Dionysios,
sowie den Märtyrern Angelus und Albert v. Sizilien. Nach den zwei Stunden
der Führung dürfte so mancher Besucher das vielleicht schon vielfach
besuchte Gotteshaus aus ganz anderem Blickwinkel betrachten.
Werner Schäfer schaffte es auch diesmal in unnachahmlicher Weise, durch
sein großes Wissen und ausgefeilte Rhetorik die Zuhörer in seinen
Bann zu ziehen. Nach einem kurzen Abriss der Baugeschichte der seit 1386 in
Straubing ansässigen Karmeliter und der Entwicklung des Gotteshauses wanderte
Schäfers Betrachtung von Altar zu Altar. Beginnend vom Propheten Elias,
der in vielen der Gemälde und in besonders exponierter Stellung auf der
kunstvoll gestalteten Kanzel zu sehen ist, bis hin zu den in Konzentrationslagern
des Dritten Reiches ums Leben gekommenen Edith Stein und Titus Brandsma, die
zum Anlass der 625-Jahrfeier der Straubinger Karmeliten 1993 auf dem neu gestalteten
Zelebrationsaltar abgebildet wurden, spannt sich die Geschichte des Bettelordens
der ehemaligen Eremitengemeinschaft vom Berg Karmel im heutigen Nordisrael.
Außergewöhnliche Lebensläufe
Die Gemälde und Skulpturen verkörpern viele der bedeutenden Heiligen,
die im Laufe der Jahrhunderte entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung des
Karmelitenordens genommen haben. Zu jeder von ihnen wusste Werner Schäfer
zu berichten. Da war von außergewöhnlichen Lebensläufen zu hören,
wie zum Beispiel der heiligen Theresa von Avila, aus adeliger Familie, nach
schwerer Krankheit und zahlreichen Marienvisionen Gründerin des Ordens
der unbeschuhten Karmeliter und schließlich eine der bedeutendsten Mystikerinnen
der Geschichte. Oder aber von Simon Stock, der der Legende nach als Eremit in
einem hohlen Baum gelebt haben soll, und dem in einer Erscheinung von der Gottesmutter
Maria das Skalpulier übergeben wurde, das noch heute Bestandteil der Ordenstracht
der Karmeliter ist. Das zentrale Gemälde des Straubinger Nesselaltars stellt
diese Erscheinung bildlich dar.
Bemerkenswert die Bedeutung der vielen Frauen in der Entwicklung des Ordens.
Franziska v.Amboise, die heilige Theresa von Lisieux , die heilige Maria Magdalena
di Pazzis oder aber die heilige Benedicta vom Heiligen Kreuz, besser bekannt
mit ihrem bürgerlichen Namen Edith Stein, sind nur einige der weiblichen
Heiligenfiguren, die in der Karmelitenkirche zu bewundern sind.
Neugierig auf mehr
Werner Schäfer schöpfte aus einem enormen Wissensschatz, machte
aber gleichzeitig neugierig auf noch mehr Hintergrundwissen zu der doch sehr
bewegten Geschichte der Karmeliten. Das kürzlich erschienene umfangreiche
Werk von Helga-Maria Jäger "Gott lebt! Sie sind seine Zeugen!"
bietet umfangreiches Material zu allen Heiligen und Seligen des Karmelitenordens.
Zwischen all der Information boten die musikalischen Unterbrechungen durch die
kontemplative Orgelmusik von Franz Schnieringer und vor allem die kurzen Meditationstexte,
gelesen von Claudia Bracht, eine besinnliche Abwechslung. Texte von Pater Adalbert
Deckert, aber auch von der heiligen Theresa von Avila, brachten den Gedanken
der Gemeinschaft von Karmel näher und vertieften die zentralen Themen des
Ordens. So erscheint vor allem immer wieder die tiefe Marienverehrung der Ordensmitglieder
durch all die Jahrhunderte sowohl in Text als auch in Bild.
Nach zwei Stunden voller Information, aber auch Kontemplation nahmen die Besucher
der Veranstaltung sicher den einen oder anderen Gedanken mit hinaus in die laue
Frühlingsnacht. -aka-
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