06. August 2005 - Straubinger Tagblatt

Einmaliger Hort der Krippen bei Karmeliten

"Das Fünfte Evangelium. Krippen im Kloster der Karmeliten zu Straubing" von Franz Karl - Von Irene Haberl

"Straubinger Hefte Nr. 55" erschienen

Straubing, die Krippenstadt Niederbayerns.

Dafür stehen die großartige Krippe der Marianischen Männerkongregation in der Jesuitenkirche, die herrliche Barockkrippe der Ursulinen, die Münchner Jahreskrippe in St. Jakob und nicht zuletzt der einmalige Krippenbestand des Klosters der Karmeliten.

Gerade die Karmeliten in Straubing boten als ältestes ohne totale Unterbrechung existierendes Kloster des Ordens ein Umfeld für Zeugnisse religiöser Kleinkunst wie Krippendarstellungen und Andachtsbilder. Seit Herbst 2000 betreut Studiendirektor a.D. Franz Karl mit seiner Frau Elisabeth die Krippen des Konvents. Da lag es nahe, dass dieser bedeutendste Kenner der Straubinger Krippenwelt seine Beobachtungen und Forschungserkenntnisse um diesen Hort religiöser Darstellungskunst für den an der lokalen Kunstgeschichte Interessierten in Form einer Monografie zusammenstellt. Diese ist nun unter dem Titel "Das Fünfte Evangelium. Krippen im Kloster der Karmeliten zu Straubing" als Straubinger Heft Nr. 55 als Beilage zum Jahresbericht des Johannes-Turmair-Gymnasiums erschienen und kann neben der Schule im Buchhandel erworben werden.
In dem 160 Seiten starken Buch geht der Verfasser zunächst in einem ersten Teil auf die allgemeine Geschichte der Krippendarstellung ein, widmet sich dann ausführlich dem bis auf 1666 zurückdatierten Krippenbestand im Karmelitenkloster und stellt schließlich die Zusammensetzung und die Arbeit mit jüngst bei den Karmeliten gefundenen Jesuiten-Barock-Figuren vor.
Selbst Krippenbauer, Restaurator barocker Krippen, Organisator von Krippenausstellungen und Verfasser zahlreicher Schriften zum Krippenwesen, unter anderem der viel beachteten Arbeit über die berühmte Krippe der Marianischen Männerkongregation in der Jesuitenkirche, geht Franz Karl eingangs der Frage nach, seit wann und in welcher Form Szenen aus dem Testament in Bild und Figur Einzug in das kirchliche Leben genommen haben, verbot doch das Alte Testament die bildliche Darstellung Gottes.

Realistischer Ausbau des Bibeltextes

Kenntnisreich weist er auf die sieben apokryphischen Schriften über die Kindheit Mariens und Jesu sowie die Visionen der Mystiker wie Johannes von Caulibus und die Heilige Brigitta von Schweden hin, die bis ins Mittelalter die doch sehr spärlichen Texte des Matthäus und des Lukas vom unmittelbaren Geburtsereignis in realistischer und detailliert anschaulicher Weise ausbauen helfen. Übergangsformen des nicht genau festlegbaren Einsetzens des Krippenbaus sind zunächst bis ins 16. Jahrhundert Weihnachtsspiele und parallel vom frühen Mittelalter bis ins Barock Passionsdarstellungen in Form von Ölberg- und Heilig-Grab-Szenen mit nahezu lebensgroßen Figuren.
Äußerst aufschlussreich sind die Ausführungen Karls zur Entstehungsgeschichte des Krippenbestandes im Karmelitenkloster. Dabei bezieht er sich vor allem auf die ersten wissenschaftlichen Beschreibungen des Provinzarchivars Pater Dr. Adalbert Deckert, der ihm zudem einschlägigen Zugang zu wertvollen Archivalien ermöglichte. So wird Weihnachten 1666 erstmals ein Opfergang um den Altar "für die Krippe" bezeugt, wobei deren Umfang nicht erwähnt wird. Angaben zu einer zweiten Karmeliten-Krippe finden sich im Gruftbuch des Klosters, wonach der Gürtlermacher Josef Wilhelm Zislsperger 1780 der Karmelitenkirche seine barocke Hauskrippe als Stiftung übertrug. Die Zeit der üppig ausgestalteten Barockkrippen war gekommen und damit auch der unbekümmerte Umgang mit diesen durch Einbeziehung weltlicher Szenen nach Art neapolitanischer Krippen, woraufhin die Verantwortlichen des Straubinger Klosters bischöflich abgemahnt wurden. Dieser Krippenreinigung von 1789 folgte das allgemeine Krippenverbot in Kirchen im Zuge der Säkularisation 1803, die erst 1825 durch Ludwig I. wieder aufgehoben wurde. Während der Verbotszeit war das Kloster neben der Zislsperger-Krippe auch der Verwahrort von Ölbergfiguren und der großen Jesuitenkrippe.
Interessant sind die Erfahrungen, die das Ehepaar Karl bei der von ihnen im Jahr 2000 übernommenen Betreuung der beiden Jahreskrippen machten. Bei der Rückverlegung der Kongregation von den Karmeliten in die Jesuitenkirche scheint der neue Präses Johann Baptist Reisinger 1830 eine Anfangskrippe mitgenommen zu haben, die schließlich 1849 durch große Anschaffungen ausgebaut wurde, wie aus Abrechnungen der Putzmacherin Nanett Knoll zu ersehen ist. Der Autor zieht hier seine bereits in einer Schrift zur Reisingerkrippe veröffentlichen detaillierten Untersuchungen heran.

Figuren für alle Sonntagsevangelien

Bleibt die Frage, wer sich in der Folge um die Figurenschätze kümmerte, die, wie Prokuratie-Büchern belegen, aufgrund der Spendenfreudigkeit der Bürger gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch Figuren aus dem Südtiroler Raum und eine große mechanische Rundlaufkrippe bereichert und aufgefrischt wurden. Von 1933 bis 1938 war es Pater Norbert Stahlhofer, der sich mit Begeisterung der figürlichen Darstellung biblischer Szenen widmete, besonders nachdem er zu den etwa 60 Figuren zu sechs verschiedenen Weihnachtsszenen die Überreste einer alten Jahreskrippe - wohl Teile der Zislsperger Krippe und Südtiroler Figuren - mit etwa 200 Figuren auf dem Klosterspeicher entdeckt hatte. Nachfolger des krippenbegeisterten Pater Norbert wurde Frater Konrad Hien, der bis zu seinem Tod 1994 die Krippenangelegenheit im Karmelitenkloster nicht aus der Hand gab und ihr so nachhaltig seinen Stempel aufgedrückte, nicht zuletzt durch die Zusammenarbeit mit seinem Cousin, dem Schnitzer Josef Hien, der nach 1945 zahlreiche neue Figuren, Tiere, Hände und Füße schuf, so dass Frater Konrad auf dem Höhepunkt seines Krippenschaffens alle Sonntagsevangelien zeigen konnte. Die Tradition wird seit Herbst 2000 nach dem Abschied von Frater Bonifatius Dittrich durch den Autor Franz Karl und seine Frau Elisabeth fortgeführt, der in der Folge sachkompetent in seiner Schrift noch einmal den genauen aktuellen Bestand der Krippenausstattung zusammenfasst.

Neu entdeckte große Barockfiguren

Besonderes Augenmerk lenkt er in einem letzten Themenbereich auf eine vor wenigen Jahren entdeckte Anzahl von Teilen einer große Barockkrippe mit Meterfiguren, die er nach genauest aufgeführten Recherchen dem Straubinger Jesuitenkolleg zuordnet. Hervorhebenswert sind in diesem Zusammenhang die genauen Beschreibungen der einzelnen Details und die akribisch verfolgten Nachweise zur Herkunft und zur Zusammensetzung der ursprünglichen Figuren, nicht zu vergessen die Rekonstruktion der Kernszenen und die Platzierung im Kirchenraum.
Neben einem informativen Anmerkungsverzeichnis und genauen Quellen- und Literaturhinweisen finden sich im Anhang zusätzliche drei Miszellen zum Thema "Die Franziskusfrage", "Krippen und Andachtsbilder - Definition" und "Ölberg und Heiliges Grab".
Abschließend muss neben der hervorragenden Ausarbeitung des Themas die Bebilderung mit zahlreichen Farbaufnahmen des Fotografen Peter Schwarz gelobt werden, der mit seinen bestechenden Bildern die Ausführungen von Franz Karl anschaulich begleiten.
Das Buch "Das Fünfte Evangelium. Krippen im Kloster der Karmeliten zu Straubing" von Franz Karl ist als "Straubinger Heft Nr. 55" in der Cl. Attenkofer'schen Buch- und Kunstdruckerei Straubing hergestellt und im Sekretariat des Johannes-Turmair-Gymnasiums sowie in allen Buchhandlungen zum Preis von 11,80 Euro erhältlich.

[Weitere Informationen auf der Krippenseite]