16. Dezember 2005 - Straubinger Tagblatt

"Es gibt eine Lösung des Konfliktes"

Das Israel von 1970 gibt es nicht mehr - Die Besatzung zerhacke ein kleines Land

Vortrag von Rupert Neudeck im Karmelitenkloster

Pater Rainer Fielenbach und Rupert NeudeckAm Dienstagabend fand im Karmelitenkloster ein Vortrag von Rupert Neudeck statt. Das Israel von 1970, wie Rupert Neudeck es damals kennen gelernt hat, gibt es nicht mehr. Nach 39 Jahren Besatzung haben sich beide Völker verändert, so Neudeck, aber er sei voller Hoffnung, dass der Konflikt gelöst werde könne. Pater Rainer Fielenbach betonte, dass ihm das Schicksal beider Völker am Herzen liege. Nur wer Bethlehem besucht habe, könne Vieles verstehen. Neudeck forderte die Politiker auf, nicht als offizieller Gast das Land zu besuchen, sondern wirklich hinter die Kulissen zu schauen.

"Rupert Neudeck ist keiner, der sich zurückgelehnt hat, sondern sich immer den Konflikten gestellt hat", stellte Pater Rainer Fielenbach vom Karmelitenkloster den Referenten vor. Der Konflikt in Palästina bedrohe Bethlehem, die Wiege des christlichen Glaubens, erklärte Pater Rainer das Engagement vieler Christen für das besetzte Land.

Das Israel der 70-iger Jahre gebe es nicht mehr, bedauerte Rupert Neudeck, eine 39 Jahre währende Besatzung sei weltzeitgeschichtlich undenkbar. In vielen ähnlich gelagerten Fällen habe die UN Vollversammlung eingegriffen, in Israel sei dies nicht der Fall. Die aufwachsende junge Generation habe keinen Ausblick in die Welt, in beiden Völkern habe sich die Gesellschaft verändert. Das Geschichtsdrama bestehe darin, dass sich beide Seiten nicht kennen und auch nicht kennen lernen wollen, zitierte Neudeck Martin Buber. Die Besatzung sei "ein totales Zerhacken eines sowieso schon kleinen Landes". Neudeck sieht durchaus Chancen, dass eine Lösung dieses Konfliktes möglich ist, was er anhand verschiedener Beispiele friedlichen Miteinanders zweier Völker aufzeigte.

In Deutschland wurde die Mauer abgerissen, und in Israel frisst sich eine 8,60 Meter hohe Mauer durch die Landschaft. Er könne die Sichtweise von Joschka Fischer nicht verstehen, der die Mauer als Zaun bezeichnet habe, genauso gut könne man die Aula des Karmelitenklosters als Zelt bezeichnen.

Es gebe keinen Flecken auf der Erde, an dem der palästinensisch-israelische Konflikt, den Neudeck als Weltkonflikt bezeichnete, nicht verfolgt werde, und gelte als große Ungerechtigkeit. Deshalb sei es so wichtig, an einer Lösung mitzuarbeiten. Dem Abzug aus dem Gaza Streifen müssten weitere Aktionen folgen. Der Stärkere sei verpflichtet, die ersten großen Schritte zu tun. Um zu einer Lösung zu kommen sei es aber auch wichtig, nicht eine Sekunde stehen zu bleiben - es geschehe vieles und unter großen Schwierigkeiten. "Jugendliche und junge Erwachsene aus ganz Europa zeigen in Palästina Präsenz", so der Referent weiter. Man müsse die Abgeordneten geradezu dazu zwingen, einmal vor Ort zu sein, die Schikanen an den Check Points zu erleben. Auf offiziellem Weg sei dies verwehrt, man müsse über Schleichwege ins Land gelangen. Der britische Außenminister Cook habe beinahe einen Besuch platzen lassen, weil man ihm einen Blick hinter die Kulissen zunächst verwehrt habe, hob Neudeck respektvoll hervor. Er sei in einer Familie mit fünf Kindern untergebracht gewesen und habe das nervöse Leben während einer Ausgangssperre erlebt. Das Fernsehen rücke dann in den Mittelpunkt, da es die Bevölkerung mit Informationen versorge.

Sein Buch "Ich will nicht mehr schweigen" hätten viele Verlage aus fadenscheinigen Gründen abgelehnt, und erst das Zusammentreffen mit Hajo Maier, einem Auschwitzüberlebenden, den Neudeck als zweiten Martin Buber bezeichnete, brachte den Kontakt zu einem deutsch-jüdischen Verleger, der das Buch herausbrachte. "Ich verkenne nicht, dass es eine Lösung nur unter großer Anstrengung, und auch mit der Aufarbeitung der Geschichte beider Völker geben kann", so Rupert Neudeck. "Dennoch glaube ich an eine Lösung dieses langanhaltenden Konfliktes." - eam -