Straubinger Tagblatt - 31. Dezember 2005
Scherbenengel
Kleine Kunstwerke aus zurückgelassenem Schutt
Scherben
bringen Glück!? Das Sprichwort soll über den ersten Schrecken hinwegtrösten,
wenn die wertvolle Vase zerplatzt ist oder das Spülmaschinen-freundliche
Porzellanteil.
In Wirklichkeit sind Scherben erst mal Zeichen für ein Unglück. Spiegel,
Fenster, Krug, Tasse - einfach kaputt. Und das lässt sich meist auch nicht
wirklich wieder reparieren. Geklebt hält es bestenfalls oberflächlich.
In Bethlehem in Palästina, im Heiligen Land, da Gott neu angefangen hat
mit den Menschen, in Jesus, da haben sie in den letzten vier Jahren wieder mal
mehr als genug Scherben gehabt. Und auch da waren die Scherben keine Glücksbringer.
Israelische Panzer und Soldaten waren immer wieder eingerückt. In Wohnhäusern
und Geschäften, in Schulen und kirchlichen Bildungshäusern und Kirchen
und sie haben Scherben hinterlassen - kaputte Fenster, in den Schränken
zertrümmertes Geschirr - die Bilder waren schrecklich. Die Angst der Menschen
groß.
Und die Verwüstung hält an - schon seit Jahren kommen kaum noch Pilger
oder Touristen in die Stadt, die doch von ihnen gelebt hat. Die Besatzungsarmee
ist zwar abgezogen - aber überall, Tag und Nacht präsent. Eine acht
Meter hohe Betonmauer und ein mit modernster Sicherheitstechnik ausgestatteter
"Zaun" hat die Geburtsstadt Jesu vollständig abgeriegelt. Bethlehemer
kommen nicht aus der Stadt heraus, Bewohner des Umlandes nicht hinein. Checkpoints
und Straßenblockaden machen eine Fahrt von Dorf A nach Dorf B meistens
unmöglich.
So ist Bethlehem am Rande seiner Existenz: zu wenig Einnahmen, kein Geld, kaum
Hoffnung auf Frieden - stattdessen genug Scherben überall. Aber Bethlehemer
geben nicht auf. "In shalah! - So Gott will", sagen sie immer wieder.
Ich finde es daher eine tolle Idee, dass junge Leute in Bethlehem im Advent
2002 während der großen israelischen Invasion angefangen haben, aus
dem Ergebnis der Zerstörung, aus Glas-scherben nämlich, kleine Engel
zu machen - sieben, acht Zentimeter hoch. Sie haben ganz ein-fach die Glasstücke
mit Broncestegen aneinander gelötet, so ähnlich wie man das bei Kirchen-fenstern
macht. Engel aus Scherben - kleine Kunstwerke aus zurückgelassenem Schutt
- und dann Botschafter für etwas Neues, für Zukunft, für ein
wenig Freude - ja, so können die Spuren der Verwüstung vielleicht
ein Zeichen der Hoffnung werden.
So ist so ein Scherbenengel - nicht nur schöner Schmuck, sondern ein richtiges
Friedenszeichen - ein Geschenk, ein verbindendes Zeichen in auswegloser Situation,
eben ein Scherbenengel, der wegen seiner eigenen Geschichte und der Geschichte
seiner Künstler Hoffnung und Zukunft auf-zeigt oder Herzen aufschließt
oder Mut macht - ein Scherbenengel, der viel bewirken kann. Pater Rainer Fielenbach
Karmelitenkloster Zu beziehen sind die Engel, die etwa sieben Zentimeter groß
sind, zum Preis von je sieben Euro unter Tel. 09421/843713 im Karmelitenkloster
Straubing und per e-mail unter karmel.straubing@t-online.de.
Pater Rainer Fielenbach versendet die Engel per Post auf Anfrage deutschlandweit.
Weitere Informationen gibt es auch auf der Homepage der Karmeliten unter http://karmelitenorden.de/straubing/
Weitere Informationen unter http://www.arendt-art.de/deutsch/palestina/texte/scherbenengel.htm |