Straubinger Tagblatt - 01. Januar 2006

Engel aus Glas statt Glücksschwein und Kleeblatt

Scherben sollen Hoffnung bringen

Hilva Hanoun aus Bethlehem gibt Altglas neue Bestimmung - Vertrieb über Karmeliten

Angefangen hat alles mit einem Kurs bei der amerikanerischen Glaskünstlerin Corinne Whitlach vor sieben Jahren im Internationalen Begegnungszentrum in Bethlehem. Damals lernte die Palästinenserin Hilva Hanoun aus Beit Sahour, dem Ort der Hirtenfelder, aus zerbrochenen Flaschen Kunst zu schaffen. Als einer der Kursteilnehmer in einem Buch Glasengel entdeckte, war die Idee mit den Scherbenengeln geboren.

Diese sind etwa acht Zentimeter hoch und aus farbigen Glasscherben gefertigt, in-dem sie in Bronze- und Silberstege eingelötet werden. Da Altglas alles andere als Mangelware und Recycling noch ein Fremdwort im palästinensisch-autonomen Bethlehem ist, landen die Glasflaschen entweder im Hausmüll oder aber in den Werkstätten des Internationalen Begegnungszentrums im Herzen der Kleinstadt. Dessen Direktor, der lutherische Pfarrer Mitri Raheb, hat sich dem Kampf gegen die Auswanderung nicht nur der palästinensischen Christen verschrieben. Der palästinensische Theologe hat dazu sein Internationales Begegnungszentrum, etwa einen halben Kilometer von der Geburtskirche entfernt, beharrlich und Stück für Stück erweitert und damit Dutzende von Arbeitsplätzen geschaffen.

Immer wieder lädt der Pfarrer der evangelisch-lutherischen Weihnachtskirche einheimische und ausländische Kunsthandwerker und Künstler ein, die in mehrwöchigen Kursen interessierte Einwohner Bethlehems und seiner Umgebung anleiten, aus- und fortbilden. Nicht selten wird aus solch einem Kurs für den einen oder anderen Teilnehmer - Muslime wie Christen - ein erfüllendes Hobby und manchmal gar ein Broterwerb.

So auch für Hilwa Hanoun. Seit Jahren kreist ihr Leben und ihr Schaffen nun um das Thema Engel. Mittlerweile helfen sogar ihre Söhne bei der Anfertigung mit. So kann die lutherische Christin das nicht gerade üppige Gehalt ihres Mannes etwas aufbessern und damit gewährleisten, dass ihre Kinder nach wie vor die christliche Privatschule Dar al-Kalima besuchen können. Doch wer sind eigentlich die Abnehmer der Engel, von denen jeder einzelne ein Unikat darstellt? Von Anfang an war allen im Internationalen Begegnungszentrum klar, dass nur wenige Palästinenser sich die Glaskunst würden leisten können, wo doch die Sorge um das tägliche Brot zum Alltag gehört. Blieben also nur die Touristen und Pilger als Zielgruppe. Doch kaum war das Engelprojekt in Fahrt gekommen, brach die Intifada im Herbst 2000 aus und der Besucherstrom ab. "Wenn die Touristen nicht nach Palästina kommen können, dann müssen wir zu ihnen kommen", schlussfolgerte Mitri Raheb und ließ eine eigene Internetseite kreieren - mit der Möglichkeit des online-Kaufes.

Den letzten Schub erhielt die Engelaktion jedoch durch den Weihnachtsrundbrief von Pfarrer Mitri, erinnert sich Hilwa Hanoun. Darin hatte der Theologe die Botschaft der Engel so umschrieben: "Sie berichten allen über die Sorgen und Ängste, die wir in Bethlehem jetzt erfahren." Die Glasscherben seien dabei ein Bild für die Zerbrochenheit unserer Welt und "stehen für den Grund, weshalb Gott Mensch geworden ist". Für Mitri Raheb wurden durch die Menschwerdung Gott und Mensch wieder zusammengebracht. Gott habe das aufgelesen, was wertlos und hoffnungslos schien, und es in eine ganze neue Schöpfung verwandelt. "Diese Tat Gottes hat vor zwei Tausend Jahren hier in Bethlehem stattgefunden. Sie ist es, die uns die Kraft gibt, zerbrochenes Leben und zerstörte Hoffnungen auf künstlerische Art in Engel umzuformen." Diese Zeilen, samt Foto der Engel gingen über elektronische Post in alle Kontinente, so dass Hilwa und ihre Kollegen in der Folgezeit gar nicht mehr zur Ruhe kommen sollten. Vor allem aus Norwegen und Deutschland wurden Engel in großen Mengen bestellt.

Koordination in Straubing
Pater Rainer Fielenbach aus dem Straubinger Karmel koordiniert mittlerweile wegen der großen Nachfrage den Verkauf in Deutschland. Bethlehem, so der Karmelit, sei "am Rande seiner Existenz - zu wenig Einnahmen, kein Geld, kaum Hoffnung auf Frieden - stattdessen genug Scherben überall." Für Pater Rainer sind die Engel nicht nur kleine Kunstwerke aus zurückgelassenem Schutt, sondern "Botschafter für etwas Neues, für Zukunft, für ein wenig Freude". Wegen ihrer Geschichte könnten sie Her-zen aufschließen und Mut machen.

Während zu Beginn der Aktion Glasflaschen das Rohmaterial für die Engel darstellten, änderte sich dies im Jahr 2002. Der Grund: In diesem Jahr gingen "während der israelischen Invasionen, des Beschusses durch Panzer und der Luftangriffe auf Bethlehem Hunderte von Fensterscheiben zu Bruch", so Mitri Raheb. "Glasscherben sind geradezu zum Symbol der Zerstörung unserer Stadt, der zerstörten Hoffnungen und der zerbrochenen Träume von so vielen Menschen" geworden, bekennt der Lutheraner in fließendem Deutsch. Er sieht eine Aufgabe seines Begegnungszentrums darin, "mit neuen künstlerischen Symbolen dazu zu ermutigen, sich auf eine neue Wirklich-keit einzulassen". Die zerstörten Glasscheiben weiter zu verwenden heißt gleichsam, "aus Symbolen der Zerstörung Symbole der Hoffnung und des Friedens zu machen". Ob sein Zentrum eine erneute Bestell-Welle erlebt? Und damit einen Hoffnungsschub?

Johannes Zang