Straubinger Tagblatt – 09.11.2006
"Wir dürfen die Augen nicht verschließen"
Angst auf beiden Seiten - Änderung nur durch mehr Aufmerksamkeit
der Öffentlichkeit
Karmelitenpater Rainer Fielenbach über die aktuelle Situation
in Bethlehem
"Jeder
einzelne Palästinenser hat ein Recht auf Menschenwürde",
betont Pater Rainer Fielenbach in seinem Vortrag am Dienstagabend
im Karmelitenkloster. Der Vortrag wolle Menschen weder nach der
Religion oder der Herkunft einteilen, noch könne er den Nahost-Konflikt
lösen. Er solle den Besuchern die momentane Situation im Heilgen
Land deutlich machen, so Pater Rainer: "Und zwar wie sie wirklich
ist." Durch die jahrelange israelische Besatzung der palästinensischen
Gebiete seien Unrecht und Demütigungen mittlerweile Alltag
geworden. Gerade viele christliche Palästinenser in Bethlehem
fühlten sich vom Rest der Welt verlassen. Viele ziehen zu Verwandten
ins Ausland, weil sie ihr Leben in der Heimat nicht mehr ertragen.
"Da dürfen wir nicht einfach die Augen verschließen",
fordert Pater Rainer die zahlreichen Zuhörer auf.
Es gebe auf der einen Seite Angst, auf der anderen Seite Angst
und zwischendrin die acht Meter hohe Betonmauer. Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit
prägen seit über sechs Jahren den Alltag der Menschen
in Bethlehem und ganz Palästina, betont Pater Rainer. Die Betonmauer
sollte ursprünglich Sicherheit für den israelischen Staat
bringen und nebenbei diesen auch von Palästina trennen. Auch
wenn diese Betonmauer scheußlich sei, hätte dennoch niemand
etwas dagegen gesagt, wenn sie auf der von der UN festgelegten grünen
Linie zwischen Israel und Palästina gebaut worden wäre:
"Aber sie verläuft auf palästinensischem Gebiet."
Sie trennt Nachbarhäuser, steht mitten im Stadtkern von Beth
lehem und teilweise sogar auf dem Mittelstreifen von Schnellstraßen.
Damit diese Mauer auf den dicht besiedelten palästinensischen
Gebieten gebaut werden konnte, seien Häuser und Olivengärten
ohne Ersatz zerstört worden. Für viele palästinensische
Familien seien gerade die Olivenbäume ein regelrechter Schatz,
müssen diese Bäume doch oft bis zu zehn Jahre alt werden,
bevor sie das erste Mal Ernte bringen. In Beth Jala, einer Nachbarstadt
von Bethlehem, wurde den Bethlehemern durch den Mauerbau zwei Drittel
der Nutzfläche weggenommen.
Komplett ausziehen
Um
aus den eingemauerten Städten hinauszukommen, gibt es meist
nur ein Tor, einen Check-Point, erklärt Pater Rainer. Bevor
die Palästinenser Bethlehem verlassen können, müssen
sie durch diese Kontrollanlage der israelischen Soldaten: "Immer,
egal ob man für Wochen ins Ausland fliegt oder nur kurz in
das zwei Kilometer entfernte Jerusalem zum Einkaufen möchte."
Und deshalb muss hier jeder stundenlanges Warten einplanen. Auf
dem täglichen Weg zur Arbeit, zum Arzt oder zum Einkauf müssten
im Gänsemarsch Drehkreuze passiert, Metalldetektoren, Rotlichtkameras
durchquert werden, und teilweise müssten sich die Palästinenser
sogar komplett ausziehen.
Mit Informationen, die man so sonst nicht zu hören bekommt,
und vielen persönlichen Einzelheiten schafft es Pater Rainer
Fielenbach, der erst kürzlich selbst drei Wochen im Heiligen
Land war, in seinem nahezu zwei Stunden dauernden Vortrag die Zuhörer
in seinen Bann zu ziehen: "Den Soldaten an diesen Check Points
ist nahezu alles erlaubt." Selbst wenn sie jemanden erschießen,
frage niemand nach dem Warum. Auf der anderen Seite müsse man
auch sehen, dass jeder junge Israeli einen Wehrdienst von drei Jahren
absolvieren müsse, Frauen zwei Jahre: "Wer das nicht macht,
der verbaut sich die Zukunft."
Das tägliche Brot fehlt
In der Geburtsstadt Jesu beträgt die Arbeitslosigkeit nach
fast fünf Jahren der Abriegelung rund 75 Prozent. Besonders
betroffen seien auch die vielen christlichen Olivenholzschnitzer,
die seit Jahrhunderten diese traditionelle Arbeit fortführen.
Da fast keine Pilger und Touristen mehr die Stadt aufsuchen, geschweige
denn dort Quartier nehmen, sind die meisten Geschäfte geschlossen.
Für Bethlehem, das bis zum Jahr 2000 fast ausschließlich
von den Pilgern gelebt habe, bedeute dies eine wirtschaftliche und
menschliche Katastrophe. Die in guten Zeiten erwirtschafteten Ersparnisse
seien längst aufgebraucht: "Ich kenne Familien, denen
das tägliche Brot fehlt, und das obwohl sich die Großfamilien
gegenseitig aushelfen."
Man müsse immer beide Seiten dieser Betonmauer betrachten,
sagt Pater Rainer. Dennoch dürfe nichts über der Einhaltung
von Menschenrechten stehen: "Die Würde jedes Menschen
ist unantastbar, egal welcher Religion oder Herkunft er ist."
Und gerade deshalb fordert Pater Rainer alle auf, sich für
diese Einhaltung der ganz grundlegenden Rechte einzusetzen: "Nur
wenn die Welt mehr Aufmerksamkeit zeigt, wird sich etwas ändern."
-jul-
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