Straubinger Tagblatt – 11.12.2006

Großes Musikerlebnis

Musik zum Advent in der Karmelitenkirche

Spannung und Neugierde wurde bereits beim Lesen des - dies muss besonders erwähnt werden - ausführlichen und übersichtlichen Programmheftes aufgebaut. "Chormusik zum Advent" lautete der Titel. Doch nicht sattsam bekannte Lieder, wie überall zum Überdruss gehört, wurden dargeboten: Der Kammerchor Straubing hatte ein exquisites, hochkarätiges Programm einstudiert. Kompositionen der Gegenwart über die Romantik bis zur Renaissance.
"Magnificat", viele hundertmal vertont, denkt doch jeder zuerst an Bachs maßstabsetzende Vertonung dieses Werkes für Soli, Chor und Orchester. Stefan Frank, der dieses Jahr zum ersten Mal, auf Einladung des Chorgründers Gerold Huber sen., das Adventskonzert leitete, hatte mit diesem Freudehymnus Mariens eine große Überraschung parat: Eine zeitgenössische Vertonung durch den 1962 geborenen Komponisten Wolfram Buchenberg. Buchenberg hat hier ein Werk voll leidenschaftlicher Expressivität geschaffen. Dieser eintausendneunhundertfünfzig Jahre alte Evangelientext in der Musiksprache der Gegenwart. Keine in sich gekehrte Betrachtung, vielmehr ein nicht zu überhörendes Hinausrufen dieser Botschaft in die laute Welt von heute. Der Kammerchor bewältigte dieses schwierige Stück nicht nur mit Professionalität, sondern auch mit großem Engagement. Nur so lässt sich die enorme Ausdruckskraft erklären.
Überaus interessant eine Komposition von Günter Raphael (1903 bis 1960). Das lateinische Kyrie eleison wechselt ab mit Strophen des alten Marienliedes "Maria durch den Dornwald ging". Welch zartes, gefühlvoll-melodisches Werk! Die Solisten Magdalena Hinterdobler, Sop ran, und Edina Bräu, Alt, gaben mit ihren einfühlsamen, schönen Stimmen diesem Werk eine besondere Note, ebenso wie im Buchenberger Magnificat die Sopranistin Doris Widmann mit ihrer wohlklingenden Stimme.
Die hohe Gesangskultur des Kammerchores zeigte sich besonders in den Werken "alter Musik". Eine Komposition für drei vierstimmige Chöre des nahezu unbekannten Jan Campanus Vodnansky (1572 bis 1622) ließ die Klangpracht dieser Musik mit ihren zu jener Zeit modernen Echoeffekten in der Karmelitenkirche erstehen. Fröhlich und schwungvoll, adäquat des Weihnachtsgeschehens, "O Freude über Freud", von Johannes Eccard (1553 bis 1611). Diese Freude in dieser Musik vermochte die Einstudierung und das Dirigat von Stefan Frank dem Kammerchor vermitteln, so dass dieser zu den großen Leistungen in diesem Adventskonzert animiert wurde. Ein Chor ist nicht die Summe einzelner Stimmen. Die Kunst eines Chorleiters besteht vor allem darin, die Stimmen zu einem einheitlichen Ganzen zu formen, in welchem niemand den anderen "übertrumpfen" will und damit das feine Geflecht der Homogenität, besonders bei mehrstimmigen Chorwerken, zerstört. Beherrschte diese hohe Kunst des akustischen "Aufeinandereingehens" der Kammerchor Straubing unter seinem Leiter Gerold Huber sen. maßstabsetzend, konnte sich Stefan Frank angesichts dieses soliden Fundamentes an die schwierigen Werke vor allem zeitgenössischer Musik heranwagen.
Bot der Kammerchor mit Stefan Frank ein sowohl in puncto Programmgestaltung als auch Ausführung ein großes Musikerlebnis, standen die Orgelsoli von Kathinka Frank in nichts nach. Als Brücke zwischen dem zeitgenössischen Konzertteil und den Werken "alter Musik" spielte Kathinka Frank ungemein ausdrucksstark ein klanglich überaus reizvolles Werk im Stile des Spätbarock: "?Prelude, Fugue et Variation" von Cesar Franck (1822 bis 1890). Die feinen Begleitfiguren der linken Hand meisterte Kathinka Frank virtuos. Ihr spieltechnisches und ihr Ausdruckspotential stellte Kathinka Frank in op. 145/3, "Weihnachten" von Max Reger unter Beweis. Dieser große Meister der Orgelmusik lässt dieses Werk aus dem Dunkel, fast an "Bruckner'schen Urnebel" erinnernd aufsteigen. Dann, wie aus einer anderen Welt, die Offenbarung in filigranen Sopranpfeifenstimmen. Kathinka Franks großartiges Orgelspiel ließ meditative Landschaften aus dem Innern der Seele entstehen.
Anton Bruckners Motetten "Ave Maria" und "Virge Jesse", deren nicht nur dynamisch hohe Anforderungen der Kammerchor bravourös meisterte, beendete den Adventsabend in der Karmelitenkirche. "Wie schön leuchtet der Morgenstern", dieses Lied gab es nach großem Applaus in der vollbesetzten Karmelitenkirche. Sinnbild für eine "Sternstunde" in Straubings Musikleben.

Theodor Auer