Straubinger Tagblatt – 06. - 08.04.2007

Die freigelegten Fresken in der Bibliothek des Karmelitenklosters

"Plafond mit Ordens-Gelehrten bemalet"

Gelehrte, theologische Themen und das Stifterwappen als Motiv

Von Stadtheimatpfleger Alfons Huber

Siehe dazu auch die Bildergalerie der Fresken
Sollte ich einmal meinem Amtsvorgänger Professor Lorenz Kapler, der von 1804 bis 1808 die enteignete und säkularisierte Bibliothek der Karmeliten sowie des Gymnasiums verwaltete, begegnen, müsste ich ihm eine gehörige Predigt halten. Da er meinte, die "hiesige mit Ordens Heiligen bemahlete" Karmeliten-Bibliothek "zeichne sich weder durch Kolorit noch durch einen anderen ästhetischen Wert aus", sondern werde durch diese Malereien nur noch verfinstert, drängte er bei den vorgesetzten staatlichen Stellen darauf, "diese Zimmerdecke sofort abweißen zu lassen". Obwohl er doch gewisse Bedenken hatte, er könnte "bey ermeldetem eigenmächtigem Unternehmen leicht für einen Ordensfeind und Bilderstürmer verschrien werden", setzte er mit allen Mitteln 1806 die Übertünchung des gesamten
Freskenprogramms im Bibliothekssaal des Karmelitenklosters durch. Der Schaden, den er damit anrichtete, beläuft sich auf fast 300 000 Euro. Denn eine solche Riesensumme muss heute vom Kloster aufgewendet werden, um die Fresken von den zahlreichen Übermalungen, die in Folge dessen im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte aufgetragen wurden, zu befreien.

Freskierung um 1715

Im Jahre 1684 war der Grundstein für den barocken Neubau des Klosters gelegt worden. Der aus Graubünden stammende Architekt Johann Caspar Zuccalli vollendete den Bau mit dem Sommerrefektorium im Parterre, ausgestattet mit reicher Stuckdecke und zwei Deckengemälden, sowie dem Bibliothekssaal darüber knapp vor 1700. Die Kartusche über der Bibliothekstür trägt als Datum der Fertigstellung die Jahreszahl 1697. Intensive Befunduntersuchungen zeigten, dass zur Bauzeit um 1700 eine einfarbige weiße und schichtdünne Kalktünche aufgetragen wurde. Die weitere künstlerische Ausstattung des Bibliothekssaales ließ jedoch offenbar aus finanziellen Gründen noch einige Jahre auf sich warten. Erst die Fassung aus der Zeit um 1715 beinhaltet die vollständige Ausmalung aller Gewölbebereiche und der Stichkappen. Diese vollzog man mit graumalerischen, aber auch mit vielfarbigen ornamentalen, textualen und figuralen Bildwerken. Während die barocken Malereien in drei stukkierten Laubwerksrahmen irn Scheitel des Tonnengewölbes in Fresko-Technik ausgeführt wurden, sind die übrigen Abbildungen und somit, der größte Teil der gesamten Gewölbefläche in Secco-Technik gemalt. Bei weiteren Untersuchungen stellte sich heraus, dass auch die Kartusche im Scheitel des Tonnengewölbes vollständig in Seccotechnik gemalt ist.

Seit März letzten Jahres sind die beiden Restauratoren Jürgen Hollweck und Alfred Wittmann von der Restaurierungswerkstätte Eis damit beschäftigt, hinter fünf Fassungen, die seit ca. 1715 aufgebracht wurden, das Bibliotheksprogramm zu entschlüsseln. Insgesamt beträgt die bemalte und übertünchte Fläche nahezu 240 Quadratmeter, die sich auf je zehn Kappen und Wangen sowie die Deckenfläche aufteilen. Kaum die Hälfte der Malereien ist in einjähriger Arbeit bislang freigelegt. "Das ist seit Jahrzehnten die größte physische und technische Herausforderung für uns", stöhnen die beiden Restauratoren, sind aber auch recht angetan von der Qualität der figürlichen Freskenmalereien. Zentimeter für Zentimeter werden die Malschichten mit dem Skalpell abgesprengt und abgetragen. Gerade die erste Malschicht ist steinhart versintert. Sie muss befeuchtet und bedampft werden, bis sie abgehoben werden kann.

Auf der Höhe der Zeit

Nach den Erkenntnissen der beiden Restauratoren, die viele Vergleichsstücke kennen, ist die Fresko-Malerei nicht nur qualitätsvoll, sondern auch in der technischen Ausführung auf der Höhe der Zeit. Charakteristisch für den Meister ist ein kurzes Stricheln entlang der betonten Ränder. Die gelungenen Brustbilder der dargestellten gelehrten Personen auf den Wangen des Gewölbes stammen einheitlich von einer Meisterhand. Die Ornamentik an den Rändern, die Felder mit den Fruchtgehängen und geflügelten Putten sind hingegen meist von geringerer Qualität, teils schwummerig, etwas verwaschen oder auch linear, teils aber auch wieder recht flott und plastisch. In diesen Randbereichen scheinen Gesellen und andere Mitarbeiter des Meisters am Werk gewesen zu sein.

Künstler Melchior Steidl?

Als Meister der Fresken wird gerne der bekannte Künstler Melchior Steidl ins Spiel gebracht, der laut Sieghart im Jahre 1702 die Malereien in der Unterwölbung der Westempore in der hiesigen Karmelitenkirche geschaffen, auch sonst in Straubing gearbeitet hat. Doch die Frage nach dem Künstler dieser Fresken ist nicht so einfach zu klären, da auch deutliche Unterschiede unverkennbar sind.

Die Malereien der Ordenskirche zeigen musizierende Engelgruppen. Wie die Gemälde der Bibliothek haben auch sie grau in grau gemalte Umrahmungen in üppigen Barockformen. An der Westwand im Mitteljoch ist dort ein Gemälde angebracht, das die Verehrung der Unbefleckten Empfängnis durch den Karmelitenorden darstellt.

Karmelitanische Theologie

Das freigelegte Gemälde im Scheitelgewölbe greift dasselbe Thema aus der Mariologie auf, das bei den Karmeliten in hohem Ansehen stand. An die 20 Karrneliten befassten sich in theologischen Abhandlungen mit der Frage der Unbefleckten Empfängnis Mariens. Das Fresko zeigt in der Mitte die mit der Tiara gekrönte "Ecclesia", zu der Karmelitenmönche in ihrem weißen Ordenskleid ihre einschlägigen Bücher und Traktate bringen. Die vier Stichkappen der ersten beiden Fensterachsen präsentieren bildliche Darstellungen der Fachdisziplinen, jeweils im Gelbton gehalten und einem Lorbeerkranz gerahmt, nämlich Philosophie, Astronomie, Geographie und Medizin. Vier weitere Szenen von Wissenschaftsdisziplinen sind noch übertüncht. Insgesamt darf man acht Brustbilder von gelehrten Karmelitenmönchen und Textbändern erwarten. Komplett freigelegt sind auf den Gewölbewangen bislang Thomas von Walden, der große Kämpfer gegen den Irrlehrer Wicliff, die Theologen Franciscus Suarez und Johannes Bacon sowie der angesehene Astronom Heinrich von Marienau. Auf der Kartusche zwischen den beiden Deckenfeldern kam eine Darstellung der "Sieben Gaben hl. Geistes" mit lebendigem Reigen" von Engelsköpfchen zum Vorschein.

Wappen des Stifters?

Das Wappen und ein noch nicht entschlüsselter lateinischer Text zu beiden Seiten der Kartusche lassen den Stifter dieser Freskenmalereien vermuten. Ein Spruchband über dem Wappen nennt Joseph Martin Freiherr von Schmidt von HasIbach.
Er war von 1698 bis zu seinem Tode 1716 Regierungsrat und Kastner sowie auch mit dem angesehenen einträglichen Amt des Rentmeisters der churfürstlichen Regierung in Straubing betraut. Es spricht vieles dafür, dass er die Geldmittel zur freskalen Ausstattung des Bibliotheksaales zur Verfügung gestellt hat. Weitere Aufklärung erhoffen wir uns von dem lateinischen Widmungstext und den weiteren Freilegungen. Wer den Fortgang dieser mühseligen Arbeiten sichern möchte, kann dies mit einer auch noch so kleinen Spende auf das Konto 7880 bei der Sparkasse Straubing-Bogen, (BLZ 742 500 00) tun.