Straubinger Tagblatt - 07. Mai 2008
Der alles vergebende Blick
Professorin Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz über die "Verzeihung des Unverzeihlichen"
Vortragsreihe der Katholischen Erwachsenenbildung und der Salvator-Priesterbruderschaft
Manche Schuld ist so gewaltig, dass Vergebung oder gar Wiedergutmachung unmöglich scheinen. Auschwitz ist solch ein Beispiel. Und auch angesichts des Gewaltverbrechens von Amstetten drängt sich die Frage auf: "Gibt es die Verzeihung des Unverzeihlichen?" Professorin Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz sprach am Montagabend im Karmelitenkloster über Schuld und die Möglichkeiten der Vergebung.
Anhand zahlreicher Beispiele veranschaulichte die Referentin das komplexe Thema Schuld in seinen verschiedenen Facetten und kam zu dem Schluss, dass es zwar in vielen Fällen - von Beleidigung über Betrug bis hin zum Mord - keine echte Wiedergutmachung gebe ("Man kann Geld zurückbezahlen, aber man kann einen Toten nicht lebendig werden lassen."), dass sich aber zwischen Opfer und Täter ein Raum öffne, in dem Vergebung möglich sei. Das setze allerdings die innere Bereitschaft zum Verzeihen bzw. zur echten Reue voraus.
"Es gibt kein Dasein, das bloß unschuldig ist." Selbst ein Neugeborenes, das zwar moralisch sicher unschuldig sei, stehe bei seinen Eltern unbewusst in der Schuld: "Es empfängt ihre Liebe, bekommt Nahrung und nimmt ihnen die Nachtruhe." Auch wenn der Mensch nichts dafür kann, aber allein durch seine Anwesenheit macht er sich schuldig. "Wir stehen von Anfang an auf einem schiefen Abhang." Nicht nur derjenige habe Sünde und Schuld auf sich geladen, der eine Tat begeht, sondern auch der, bei dem sie überhaupt einen fruchtbaren Boden findet - zum Beispiel "ein Mann, der seiner Frau zwar treu ist, aber immer auf die Beine seiner Sekretärin schielt", sagte Prof. Gerl-Falkovitz und räumte ein: Kein Mensch sei in der Lage, jeden schuldhaften Gedanken von vornherein zu unterdrücken. Man müsse sich jedoch klar machen, dass man nach Innen nicht so unschuldig sei, wie es nach Außen aussehe. Insbesondere in der Eltern-Kind-Beziehung und in der Liebesbeziehung gelte es mehr zu geben, als man bekommt und mehr zu geben, als der andere glaubt, was man bereit ist zu geben. "Es gibt keine Beziehung im tieferen Sinne, in der man nicht ungefragt im Übermaß gibt."
Vergeben zu können setze beim Opfer die Einsicht voraus, dass jeder Mensch immer auch hätte der Täter sein können. Dann sei das Opfer in der Lage zu sagen: "Was du getan hast, hätte auch ich tun können. Wir bedürfen beide der Erbarmung. Denn irgendetwas hat mich davor bewahrt, es zu tun." Außerdem könne man Gott um Hilfe bitten: "Verzeihe du ihm, solange ich ihm nicht verzeihen kann."
Die Referentin verwies auf den Philosophen Sören Kierkegaard, der davon spricht, dass sich zwischen Täter und Opfer ein Raum auftue, in dem Vergebung möglich sei: "Nicht ich vergebe, sondern es gibt Vergebung. Ich nehme daran teil, und ich kann jemanden mit in den Raum der Vergebung nehmen." Dadurch könne man eine Tat zwar nicht ungeschehen machen, man könne aber die fortdauernde Wirksamkeit des Bösen auslöschen.
Als Beispiel für echte Vergebung nannte Prof. Gerl-Falkovitz eine Szene aus dem Lukas-Evangelium: Als Petrus Jesus verraten hat, wendet sich Jesus noch einmal zu ihm um und blickt ihn an - nicht anklagend, sondern vergebend. Da wird sich Petrus seiner Schuld gewahr und bereut: Er geht hinaus und weint bitterlich. So fasste Prof. Gerl-Falkovitz zusammen: "Wir können Schuld dann eingestehen, wenn wir wissen, dass der alles vergebende Blick schon auf uns ruht." - wes - |